Plexiglas schützt nicht Forscher raten von Schutzwänden gegen Coronaviren ab

Schutzwände gegen Coronaviren sollen das Ansteckungsrisiko in Bars, Restaurants oder beim Friseur verringern. Doch das Gefühl der Sicherheit trügt, warnen Wissenschaftler.
Plastikschutz in einem Kölner Friseursalon

Plastikschutz in einem Kölner Friseursalon

Foto: Christoph Hardt / Future Image / imago images

Sie stehen auf Tischen in Restaurants, Büros und Schulen, an Rezeptionen in Hotels, vor der Kasse im Supermarkt und an Trainingsgeräten im Sportstudio: Durchsichtige Schutzwände sind im Corona-Alltag allgegenwärtig. Die Barrieren, die den Aktionsradius der Viren begrenzen und vor Ansteckung schützen sollen, sind so zu einem einträglichen Geschäft geworden.

Allein in den USA verdreifachte sich in der Pandemie die Nachfrage nach Plexiglas, die Umsätze der Hersteller stiegen auf 750 Millionen Dollar, berichtete Bloomberg. Weltweit ist ein neuer Milliardenmarkt entstanden, auch in Deutschland verkaufen auffällig viele Online-Shops plötzlich Corona-Barrieren. »Schutz vor einer Infektion«, lautet das Versprechen. Wissenschaftler melden nun Zweifel an.

Aerosolforscher aus den USA und Großbritannien kommen in neuen Studien übereinstimmend zu dem Schluss, dass die Schutzwände in den meisten Fällen wenig nützen. Unter bestimmten Umständen erhöhen sie demnach sogar das Ansteckungsrisiko. So deuten Experimente darauf hin, dass die Barrieren erwünschte Luftströme blockieren und unerwünschte erzeugen. In Supermärkten zeigte sich beispielsweise, dass das Plexiglas vor Kassiererinnen und Kassierern die Viren in Richtung von Kollegen und Kunden lenkt.

»Bei einer Ansammlung von Plexiglaswänden in einem Klassenzimmer stört das die ordnungsgemäße Belüftung des Raums«, sagte Linsey Marr, eine der weltweit führenden Expertinnen für die Übertragung von Viren, der »New York Times«. »Die Aerosole bleiben dort hängen und sammeln sich an, sodass sie sich schließlich über den Tisch hinaus ausbreiten können«, so die Professorin der Universität Virginia Tech.

Plexiglas trennt in einer Kneipe in Zürich Gäste und Barkeeper voneinander

Plexiglas trennt in einer Kneipe in Zürich Gäste und Barkeeper voneinander

Foto: Christian Ender / Getty Images

Normalerweise würden die Atemteilchen in Büros, Supermärkten oder Klassenzimmern mit normaler Belüftung nach 15 bis 30 Minuten durch frische Luft ersetzt. Das Plexiglas oder andere Kunststoffbarrieren veränderten die Zirkulation aber so sehr, dass »tote Zonen« geschaffen würden, in denen sich die Viren dann stark konzentrieren. Vorteilhaft seien die Wände in der Regel nur dann, wenn der Gegenüber gerade niest oder hustet – weshalb Buffets auch vor Corona oft mit einem Spuckschutz ausgestattet waren.

»Problematisch sind die Barrieren besonders dort, wo sich Menschen über einen längeren Zeitraum aufhalten wie in Büros oder Klassenzimmern«, sagte Catherin Noakes von der University of Leeds. Die Partikel könne man sich wie Zigarettenrauch vorstellen. »Während die Schutzwände vor Spucke schützen, driftet der Rauch nach einer Weile um sie herum.« Die Person auf der anderen Seite gewinne also lediglich etwas Zeit. Ähnliche Effekte lassen sich auch beobachten, wenn wie in Großraumbüros viele Bildschirme in einem Raum stehen.

»Luftströme in Räumen sind sehr komplex«, sagte Richard Corsi von der University of California. »Jeder Raum ist anders, was die Anordnung der Möbel, die Höhe der Wände und Decken oder die Position der Bücherregale betrifft. All diese Dinge haben einen Einfluss auf den Luftstrom.« Um die Barrieren sinnvoll einzusetzen, müssten zunächst Experten zurate gezogen werden.

Die Empfehlung der Wissenschaftler lautet daher: Statt in Plexiglas sollten Schulen und Arbeitgeber in Hepa-Luftfilter investieren, die Belüftung verbessern und in Großraumbüros und Klassenzimmer auf das Tragen von Masken setzen. Diese Methoden hätten sich allesamt bewährt, um das Ansteckungsrisiko messbar zu senken.

fww
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.