Charité-Virologe Drosten sieht Deutschland »am Anfang einer neuen Verbreitungswelle«

Noch sind die Corona-Infektionszahlen moderat, doch erste Experten sagen einen starken Anstieg in den kommenden Wochen voraus. Auch der Virologe Christian Drosten sieht das Land nun am Beginn einer dritten Pandemiewelle.
Virologe Drosten

Virologe Drosten

Foto: Michael Kappeler / dpa

Noch liegen die Corona-Fallzahlen in Deutschland etwa auf dem Niveau der letzten Oktoberwoche. Von den hohen Ansteckungszahlen kurz vor Weihnachten scheint das Land noch weit entfernt. Doch in der Wissenschaft mehren sich nun die Stimmen, die erneut eine rapide Beschleunigung des Infektionsgeschehens befürchten.

In einem Podcast der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«  gefragt, ob sich Deutschland bereits in einer »dritten Welle« befinde, sagte Drosten, man befinde sich »zu Beginn« einer solchen Entwicklung.

Drosten wies auf die schnellere Ausbreitung der Virusmutationen in anderen Ländern hin: »Deswegen muss man einfach an diese Daten glauben und auch an die Modellierungen glauben, und deswegen sind wir jetzt nun mal am Anfang einer neuen Verbreitungswelle«

Saarbrücker Professor warnte vor 200er-Inzidenz im April

Zuvor hatte der Saarbrücker Pharmazieprofessor Thorsten Lehr vorausgesagt, dass es bei der derzeitigen Entwicklung Anfang April erneut zu einem Infektionsgeschehen wie zur Weihnachtszeit kommen werde. »Ich gehe schon davon aus, dass wir wieder so Zustände wie vor Weihnachten bekommen werden«, sagte Lehr. Er arbeitet am Covid-19-Simulator  der Universität des Saarlandes, das ein Vorhersagemodell für die deutschen Bundesländer und Landkreise liefert.

Ursache dafür seien laut Lehr einerseits die Ausbreitung der britischen Corona-Mutation B.1.1.7 sowie andererseits vermehrte Kontakte zwischen den Menschen in Deutschland seit Mitte Februar. Letzteres führte Lehr unter anderem auf eine »Lockdown-Müdigkeit« zurück.

Drosten sieht vorerst keinen Einfluss der Impfungen auf Infektionsgeschehen

Bei der derzeitigen Geschwindigkeit würde die Impfung der Bevölkerung im Mai noch keine deutliche Wirkung auf die Verbreitung des Virus haben, sagte Drosten. Gleichwohl könne die Sterblichkeit insbesondere bei gefährdeten Gruppen bereits deutlich gesenkt werden.

Auf die Frage, wann durch Impfungen und Schnelltests wieder größere Lockerungen möglich sein könnten, ohne dass das Infektionsgeschehen erneut massiv ansteige, sagte Drosten, er erwarte dies erst für den späten Sommer. Fortschritte sieht der Virologe indes bei der Sterblichkeit bei älteren Menschen. »Das ist vor allem deswegen, weil in den Wohnheimen sehr gezielt geimpft wurde«, sagte Drosten.

Zugleich äußerte sich Drosten positiv über die von der britischen Regierung angekündigten großflächigen Lockerungen ab Juni. »Ich glaube, das hat schon Substanz«, sagte Drosten. Der britische Premier Boris Johnson hatte zuletzt versprochen, in mehreren Schritten bis Ende Juni alle Corona-Maßnahmen aufzuheben.

Die Zahl der Corona-Infektionen in Großbritannien war zuletzt deutlich gesunken. Zudem sind in dem Land bereits mehr als 19 Millionen mindestens einmal geimpft worden.

fek
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