Kieler Ernährungsstudie Hilft Vitamin B3 bei einer Corona-Infektion?

Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein will untersuchen, ob ein Vitamin oder Silizium die Heilungschancen von Covid-19-Patienten verbessert. Studienleiter Stefan Schreiber erklärt, was er vorhat.
Ein Interview von Annette Bruhns
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel

Foto: Michel Mittelstaedt/ rtn/ picture alliance

SPIEGEL: Professor Schreiber, Ihr Team sucht aktuell für eine Ernährungsstudie 1300 Menschen, die an Covid-19 leiden. Was erwartet die Probanden?

Schreiber: Eine Hälfte der Teilnehmer bekommt Vitamin B3, die andere siliziumhaltige Kieselerde, beides in Form von Kapseln. Die sollen sie 30 Tage lang täglich nehmen. Wir melden uns alle zwei Wochen telefonisch bei jedem und fragen, wie es ihm oder ihr geht. Wie bei allen seriösen Studien ist die Teilnahme komplett kostenfrei. 

SPIEGEL: Könnte es denn sein, dass Vitamine oder Spurenelemente Corona-Kranke heilen?

Schreiber: So kann man das nicht sagen. Unsere Annahme ist, dass mindestens eines der Präparate - oder beide - das Immunsystem von Betroffenen gezielt derartig stärkt, dass sie nicht ins Krankenhaus müssen. Wobei wir noch nicht genau wissen, wie viele der Infizierten überhaupt so krank werden, dass sie in die Klinik müssen: fünf Prozent? Zehn Prozent? Wenn von 100 Covid-19-Infizierten nur fünf ins Krankenhaus müssen, dann würden in einer Gruppe von 600 also 30 sehr krank. Wir vergleichen die Verläufe in unseren Gruppen natürlich mit denen in einer Kontrollgruppe außerhalb der Studie, die keine Präparate bekommt.

SPIEGEL: Haben wir denn einen Mangel an Vitamin B 3 oder Silizium? 

Schreiber: Normalerweise nicht. Mangelernährt sind in Deutschland höchstens alte oder kranke Menschen. Der Grund dafür, dass wir einen Mangel bei Coronakranken vermuten, liegt an den Entzündungsprozessen selbst. Unser Immunsystem ist evolutionär sehr früh geprägt worden, sozusagen im Quallenstadium der Evolution. Bei vielen primitiven Organismen vermuten Forscher, dass diese, wenn sie von krank machenden Bakterien angegriffen werden, ihre Oberfläche um die Leckerbissen verringern, die diese Bakterien zwecks Vermehrung mögen. Also um Vitamine und Spurenelemente. Diesen Mechanismus hätten Säugetiere demzufolge ererbt - auch wenn er bei uns dem Gesamtorganismus dann schadet.

SPIEGEL: Viren und in ihrer Folge Bakterien stürmen also auf uns ein, und der Körper versucht, sich ihrer zu erwehren, indem er etwa Spurenelemente und Vitamine abbaut?

Schreiber: Genau, wir nennen das "selektive Verarmung". Der Körper baut bei chronischen Entzündungen zum Beispiel die Aminosäure Tryptophan ab und wandelt sie in Stoffwechselprodukte um, die wiederum entzündungsfördernd sind. Oft kommt es bei chronischen Entzündungskrankheiten auch zu Anämie, also Eisenmangel, da das Eisen regelrecht weggeworfen wird. Auch das ist kontraproduktiv: Mit einer Anämie überstehen Sie Entzündungen schlechter. Aber der Körper macht das so, weil es uns offenbar in den Genen steckt.

SPIEGEL: Und bei Infektionen durch Viren reagiert der Körper auch mit Mangel?

Schreiber: Richtig, das wurde bei Sars- und Mers-Coronaviren beobachtet und bei von Grippeviren, also Influenza, ausgelösten Lungenentzündungen. Auch eine atypische Pneumonie ist deshalb bei jungen Menschen manchmal so aggressiv, weil der Körper mit Knappheit reagiert, die dann die Abwehr der Krankheitserreger eher behindert.

SPIEGEL: Wurde bereits untersucht, ob es hilft, diesen Mangel auszugleichen?

Schreiber: Ja, an verschiedenen Tieren. Ernährungspräparate, die ähnlich den hier eingesetzten sind, halfen etwa Schweinen, eine experimentell ausgelöste Schweinegrippe besser zu überstehen. Unser Kieler Exzellenzcluster "Präzisionsmedizin für Entzündungen" war 2012 an einer "Nature"-Studie  beteiligt, die gezeigt hat, dass der negative Einfluss einer Mangelernährung auf das Immunsystem auf eine einzige Aminosäure zurückzuführen war und auch über die Gabe dieser Aminosäure behoben werden konnte. Das führt uns zur Annahme, dass auch bei Menschen der gezielte Ausgleich eines solchen Mangels den Heilungsprozess verbessern dürfte.

SPIEGEL: Aber Sie haben das nie am Menschen untersucht?

Schreiber: Ernährungsstudien sind teuer, weil wir normalerweise viele Tausend Studienteilnehmer brauchen. Nur eine sehr große Menge kann ausgleichen, dass jeder Mensch höchst unterschiedliche Voraussetzungen mitbringt. Sie finden im Normalfall schwerlich 1000 Probanden, die frisch mit denselben Viren für eine Lungenentzündung infiziert sind. Unsere Studie kostet mehr als 1,2 Millionen Euro - bei nur 1300 Teilnehmern. Das ist für eine Landesuniversität sehr viel Geld; wir hoffen auf eine Förderung durch das Bundesforschungsministerium. Für die Pharmaindustrie ist unsere Studie nicht interessant, weil die Präparate nicht mit Patenten geschützt werden können und die Gewinnmarge gering wäre.

SPIEGEL: Und warum reichen jetzt 1300 Teilnehmer?

Schreiber: Weil wir mit einer homogenen Gruppe rechnen: Menschen, die an Covid-19 leiden, also mit dem Coronavirus infiziert sind und erste Symptome zeigen. Wenn allerdings herauskommt, dass in allen Gruppen relativ wenige ins Krankenhaus müssen, werden wir wahrscheinlich noch aufstocken müssen. Also wenn zum Beispiel fünf Prozent in der Kontrollgruppe in die Klinik müssen und 3,5 Prozent in einer unserer Probandengruppen. Momentan planen wir mit 2,5 Prozent Unterschied - bei 1,5 Prozent Unterschied würden wir nach der Zwischenanalyse mehr Teilnehmer zulassen. Das würde die Studienergebnisse nicht verfälschen, wir arbeiten verblindet und randomisiert.

"Wenn eins der Präparate die Immunabwehr so stärkt, dass Betroffene nicht ins Krankenhaus müssen, wäre das auch eine gute Nachricht für Indien, Afrika oder Lateinamerika"

Stefan Schreiber, Uniklinik Schleswig-Holstein

SPIEGEL: Wie suchen Sie die Teilnehmer?

Schreiber: Jeder, der positiv getestet ist und Husten, Schnupfen oder Fieber hat, kann sich auf unserer Website  registrieren. Wir haben die Gesundheitsämter und die Hausärzte gebeten, auf unsere Studie hinzuweisen. Das Problem ist, dass die Ämter derzeit überlastet sind und die Hausärzte ihre infizierten Patienten oft gar nicht sehen. Daher setzen wir große Hoffnung auf die Berichterstattung in den Medien.

SPIEGEL: Wann rechnen Sie mit Ergebnissen?

Schreiber: In frühestens drei bis vier Monaten. Wenn eins der Präparate die Immunabwehr im Fall einer Infektion nachweisbar so stärkt, dass Betroffene nicht ins Krankenhaus müssen, wäre das auch eine gute Nachricht für Indien, Afrika oder Lateinamerika. Denn diese Mittel sind nicht teuer. 

SPIEGEL: Letzte Frage: Nehmen Sie selbst Nahrungsergänzungsmittel zur Vorbeugung gegen eine Ansteckung mit Corona? 

Schreiber: Nein. Davon rate ich ab. Dass das hilft, ist nicht erforscht. Überdosen von Vitaminen oder anderen Spurenelementen können sogar Krankheiten auslösen, etwa Multiple Sklerose. Oder nehmen Sie Tryptophan: Für den Immunhaushalt ist die Aminosäure essenziell. Tryptophan isoliert zu schlucken, ist dagegen schädlich. 

SPIEGEL: Oha. Dann doch noch eine Frage: Sind Sie ganz sicher, dass Ihre Präparate keine Nebenwirkungen haben?

Schreiber: Ja. Wir geben den Teilnehmern nur die jeweils maximal empfohlene Tagesdosis von Vitamin B3 beziehungsweise Silizium, und wir mischen beides nicht. Die Studie dauert auch nur 30 Tage - die kritische Zeit der Infektion. Außerdem bekommen die Probanden pharmazeutisch geprüfte Präparate mit hoher Bioverfügbarkeit. Im Handel ist das mitunter nicht gegeben. Nur deshalb hat die Ethikkommission unserer Fakultät die Studie überhaupt zugelassen.

SPIEGEL: Professor Schreiber, wir wünschen Ihrem Team viel Erfolg und Ihren Probanden gute Genesung.

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