Parallelen zur Grippe Coronavirus kann sich im Rachen vermehren

Das neue Coronavirus ist deutlich ansteckender, als Wissenschaftler anfangs dachten. Es muss nicht erst in die Lunge gelangen, um sich vermehren zu können.
Model mit Atemmaske in der Shopping Mall in Bangkok

Model mit Atemmaske in der Shopping Mall in Bangkok

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MLADEN ANTONOV/ AFP

Zu Beginn des Corona-Ausbruchs wirkten die Meldungen noch beschwichtigend. Das Virus sei nicht so ansteckend, befalle wahrscheinlich nur die unteren Atemwege, zu denen vor allem die Lunge gehört, hieß es. Neue Erkenntnisse zeigen jetzt, dass sich die Forscher geirrt haben. Vieles deutet darauf hin, dass sich der Erreger ähnlich verbreiten kann wie die Grippe - und damit deutlich infektiöser ist, als anfangs gedacht.

"Wir lernen gerade einiges über die Eigenschaften des Virus und den Krankheitsverlauf, das wir vor ein oder zwei Wochen noch nicht wussten", sagt Christian Drosten von der Charité auf einer Pressekonferenz in Berlin. Am wichtigsten sei momentan die Erkenntnis, dass sich das Virus im Rachen vermehren könne.

"Den ganzen Januar wurde Sars noch als Denkmodell für das neue Virus verwendet", sagt Drosten. Aufgrund der großen Ähnlichkeit zum neuartigen Coronavirus seien Wissenschaftler davon ausgegangen, dass beide auf ähnlichen Wegen übertragen werden. Neue Erkenntnisse widersprechen dem: "Wir können jetzt sagen: Die Übertragbarkeit des neuen Virus ist höher als anfangs gedacht", so Drosten.

Das neuartige Coronavirus hat es deutlich einfacher

Die Rezeptoren für das Sars-Virus sitzen tief in der Lunge. Will es einen Menschen infizieren, muss es mit der Atemluft bis an diese Stelle gelangen. "Das ist ein weiter Weg", sagt Drosten. Anschließend dauere es einige Zeit, bis das Virus sich in der Lunge verbreitet habe und wieder ausgeschieden werden könne. Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 hat es in dieser Hinsicht deutlich einfacher.

Wie auch Tests in Deutschland ergeben haben, können sich die Viren schon im Rachen festsetzen und vermehren. Entsprechend kürzer ist auch ihr Weg aus dem Körper heraus. "Wir konnten selbst bei Patienten, die erst seit ein paar Tagen Erkältungssymptome hatten und sich ab und zu schüttelten, Viren aus einem Rachenabstrich im Labor replizieren", sagt Drosten. "Das ist bei Sars nie gelungen."

In dieser Hinsicht ähnelt das neuartige Coronavirus stärker der saisonalen Grippe, die jedes Frühjahr in Deutschland zu Tausenden Infektionen führt. Auch sie kann sich im Rachen vermehren und anschließend durch Tröpfcheninfektion etwa beim Niesen und Husten übertragen werden.

Aktuelle Schätzungen: Ähnlich tödlich wie die Grippe

Auch bei einem anderen Punkt zieht Drosten Vergleiche mit der Grippe: Das Virus ist nach derzeitigen Informationen - zumindest was die Fälle außerhalb Chinas angeht - ähnlich gefährlich wie die Influenza. Während im Epizentrum der Covid-19-Epidemie den offiziellen Zahlen zufolge rund zwei Prozent der Patienten sterben, liegt die Letalität außerhalb Chinas bei rund 0,2 Prozent. Dieser Wert sei ähnlich hoch wie bei weltweiten Grippe-Ausbrüchen in der Vergangenheit.

Gleichzeitig weist Drosten auf große Wissenslücken hin, die weiterhin bestehen. So fehlen etwa Schätzungen, wie viel Prozent der Bevölkerung in der besonders betroffenen Region Hubei aktuell erkranken. "Wenn man diese Rate kennt, kann man auch besser Voraussagen dazu treffen, mit welchen Geschwindigkeiten sich das Virus verbreitet", so Drosten.

Sollte sich aus dem Ausbruch in China eine Pandemie entwickeln, könnte diese nach derzeitigem Kenntnisstand also ähnlich ablaufen wie Grippe-Pandemien in der Vergangenheit. Von einer Pandemie könne man derzeit jedoch noch nicht sprechen, sagte der Chef des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler. "Wir sind momentan nicht in der Lage, die Dynamik des Ausbruchs zu prognostizieren." Es sei denkbar, dass es auch in Deutschland zu einer Infektionswelle kommen könnte.

"Wir hatten 2017/18 eine sehr schwere Grippewelle mit rund zehn Millionen Arztbesuchen - das hat uns bewiesen, dass unser Gesundheitssystem dazu fähig ist, solche Ausbrüche zu managen", sagt Wieler. Falls Covid-19 tatsächlich zu einer Problemlage in Deutschland werden sollte, werde es vor allem eine Herausforderung sein, diese von der Grippewelle zu entkoppeln.

Am Mittwoch war einer der deutschen Coronavirus-Patienten aus der Münchner Klinik Schwabing entlassen worden, nachdem mehrere Tests bei ihm negativ ausgefallen waren. Acht weitere Patienten werden derweil in der bayerischen Klinik betreut, ihr klinischer Zustand ist demnach stabil. Insgesamt sind in Deutschland bisher 16 Infektionen bekannt, davon 14 in Bayern.

irb/kry
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