Weniger seismische Wellen in Coronakrise Die Welt, ein wenig stiller

Menschliche Aktivitäten lassen den Boden vibrieren, in Zeiten von Corona allerdings viel weniger als sonst. Erdbebenforscher sehen an ihren Messgeräten erstaunliche Effekte.
Aufzeichnung seismischer Wellen im Museum of Natural History in New York (Archivbild): Erschütterungen des Bodens werden registriert

Aufzeichnung seismischer Wellen im Museum of Natural History in New York (Archivbild): Erschütterungen des Bodens werden registriert

Foto: Spencer Platt/ Getty Images

Seit dem 12. Jahrhundert steht die Burg Falkenstein unbezwungen auf einem Felsrücken über dem Flüsschen Selke im Harz. Selbst die Schweden konnten die eindrucksvolle Anlage im Dreißigjährigen Krieg nicht einnehmen, trotz monatelanger Belagerung. Heute ist die Burg eine Touristenattraktion, die pro Jahr normalerweise um die 75.000 Gäste  anzieht.

Aktuell kommen so gut wie keine Menschen mehr - wegen der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen in der Coronakrise. Zu merken ist das Fehlen der Besucher auch im Datenstrom, den ein Messgerät aus einem Keller der Burganlage an das Deutsche GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam schickt. Aufgabe des Seismometers ist es, Erschütterungen des Bodens zu registrieren. Diese können von einem Erdbeben auf der anderen Seite der Welt stammen - oder von Ausflugsgruppen, die in der Burg umherspazieren.

Burg Falkenstein (Archivbild): Seismometer registriert Erschütterungen

Burg Falkenstein (Archivbild): Seismometer registriert Erschütterungen

Foto: Jürgen_Korsch/ picture-alliance / dpa

Wir Menschen und unsere Aktivitäten lassen den Boden beben. Wer in der Nähe einer Bahnstrecke entlangläuft, spürt es am eigenen Leib: Sobald sich ein Zug auch nur nähert, beginnt der Untergrund zu schwingen. Längst nicht immer merken wir es, aber Industriebetriebe, der Straßenverkehr, Flugzeuge oder eine Waschmaschine im Schleudergang sorgen für Vibrationen, die von den hochsensiblen Seismometern aufgezeichnet werden.

Es gibt auch natürliche Quellen für seismisches Hintergrundrauschen: Wellen im Meer etwa, erst recht, wenn Wirbelstürme sie aufpeitschen. Forscher nutzen das Hintergrundrauschen unter anderem, um mehr über das Innere unserer Erde  zu erfahren. Auch weniger starke Winde oder das Wasser in Flüssen bringen den Untergrund zum Schwingen. Diese Signale sind natürlich auch während der Coronakrise nachweisbar. Die menschengemachten nicht unbedingt.

Zum Beispiel auf Burg Falkenstein: Wer auf die dortigen Messergebnisse schaut, sieht vor allem an den Wochenenden teils starke Ausschläge. Denn dann kommen die meisten Besucher, deren Schritte und Autos den Boden bewegen. Doch jetzt ist es immer ruhig - und nicht nur hier.

Weil menschliche Aktivitäten in der Coronakrise abgenommen haben, berichten Seismologen aus verschiedenen Teilen der Erde davon, dass ihre Seismometer weniger Hintergrundrauschen aufzeichnen. Entsprechende Messungen gibt es unter anderem aus Belgien, Italien, der Schweiz und von der US-Westküste. Die Welt ist in der Pandemie ein wenig stiller geworden.

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"Wir können den Effekt an einigen unserer Stationen messen, aber längst nicht an allen", sagt GFZ-Seismologe Frederik Tilmann über die Situation in Deutschland. Während es auf der Burg im Harz tatsächlich so etwas wie einen Corona-Effekt gebe, sei an anderen Stationen kaum etwas zu sehen - Tilmann verweist exemplarisch auf eine Station auf Rügen und eine andere in Berlin-Wannsee. "Das Ganze ist für uns eine nette Kuriosität. Aber allgemeine Erkenntnisse lassen sich davon nur schwer ableiten, da der Effekt stark von der unmittelbaren Umgebung der Station abhängt."

Tilmann verweist darauf, dass die menschlichen Aktivitäten ohnehin schwanken. Nachts sei naturgemäß weniger los, aber auch an Feiertagen wie der Weihnachtszeit.

Das Schweigen hat für die Forschung Vorteile: Die Seismologin Celeste Labedz vom California Institute of Technology in Pasadena schreibt auf Twitter, dass sie und ihre Kollegen jetzt auch seismische Wellen von kleineren oder weit entfernten Erdbeben besser erkennen könnten. "So wie man in einer Bibliothek sein Telefon besser hört als bei einem Rockkonzert, kann man Erdbeben besser erkennen, wenn das seismische Rauschen geringer ist."

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Thomas Lecocq, Erdbebenforscher an der königlichen Sternwarte Belgiens in Brüssel, machte als einer der Ersten auf das Phänomen aufmerksam. Der Website des Wissenschaftsmagazins "Nature"  hat er erklärt, wie sich die Stille in der Praxis auswirkt: Ein Messgerät nahe der Erdoberfläche, das sonst oft stark durch menschliche Aktivitäten gestört werde, liefere derzeit ungefähr so gute Ergebnisse wie eines, das in einem hundert Meter tiefen Bohrloch abgeschirmt sei.

"Die aktuelle Situation ist auf ihre Art einzigartig und natürlich nicht mit Absicht herbeigeführt", sagt sein Kollege Frédérick Massin vom Schweizerischen Erdbebendienst in Zürich. "Aber für die seismologische Gemeinschaft ist es ein Experiment von beispiellosem globalem Ausmaß." Die Messungen seien eine wundervolle Demonstration für den Einfluss des vom Menschen generierten seismischen Rauschens. "Ich kann diese Grafiken jedem zeigen und man kann sie sofort verstehen."

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An den Messungen des Seismometers in Bern, es steht in der Innenstadt in der Nähe der Parkanlage Kleine Schanze, ist Massin übrigens etwas besonders Interessantes aufgefallen: Nicht nur die Durchschnittswerte für die seismischen Störungen tagsüber hätten abgenommen. Auffällig sei auch, dass das Lärmniveau in den Wochenendnächten deutlich niedriger sei als sonst, sagt der Erdbebenforscher: "Man kann sehen, dass die Leute ihre Aktivitäten im städtischen Wochenendnachtleben stark zurückgefahren haben."

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