Statistikprobleme beim Coronavirus Die große Meldelücke

Um abschätzen zu können, welche Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie sinnvoll sind, benötigen Experten verlässliche Daten. Doch die Fallzahlen des Robert Koch-Instituts hinken der Realität teils mehrere Tage hinterher.
Corona-Fallzahlen: Bis es Fälle in die RKI-Statistik schaffen, vergeht mitunter viel Zeit

Corona-Fallzahlen: Bis es Fälle in die RKI-Statistik schaffen, vergeht mitunter viel Zeit

Foto: DER SPIEGEL

Die Zahl der nachweislich mit dem neuen Coronavirus Infizierten in Deutschland ist laut Robert Koch-Institut (RKI) von Montag auf Dienstag  um fast 5000 gestiegen. An den Tagen zuvor waren nur 4000 (Sonntag auf Montag) oder sogar nur 2000 (Samstag auf Sonntag) Neuinfizierte dazugekommen.

5000 neue Infektion an einem Tag - das könne nicht sein, merkte mancher Leser an. Tatsächlich kommt die Zahl durch eine Besonderheit zustande.

Idealerweise registriert ein Gesundheitsamt vor Ort einen Fall, übermittelt ihn noch am selben Tag an das Landesamt und das wiederum leitet ihn an das RKI weiter, das ihn am Folgetag in der bundesweiten Statistik berücksichtigt. Doch das klappt längst nicht immer.

Mitunter dauert es deutlich länger, bis die Infektionszahlen aus einzelnen Städten und Landkreisen beim RKI ankommen. Besonders deutlich wurde das am Wochenende.

Weil am Samstag nicht alle Ämter ihre Daten übermittelt hatten, meldete das RKI am Sonntag zunächst, dass weniger Neuinfektionen gemeldet worden seien als am Vortag - und musste anschließend klarstellen, dass große Datenlücken bestanden.

Geht man davon aus, dass auch am Sonntag nur punktuell Daten aus den Ländern beim RKI ankamen, fehlten auch in den Daten vom Montag zahlreiche Fälle. Die hohe Zahl der nachweislich neu Infizierten vom Dienstag enthält also Infektionen, die am Samstag und Sonntag nicht von den Landesbehörden ans RKI gemeldet wurden. Das Institut schreibt: "Die Daten werden am Montag nachübermittelt und ab Dienstag auch in dieser Statistik verfügbar sein."

Mehr als eine halbe Woche Rückstand

Verlässliche Daten sind vor allem deshalb wichtig, weil sie die Grundlage für die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des neuen Coronavirus bilden. Nach der irreführenden Meldung vom Sonntag wuchs kurzzeitig die Hoffnung, dass Schutzmaßnahmen bald gelockert werden könnten. Doch inzwischen ist klar: Die Fallzahlen steigen weiter in ähnlichem Ausmaß wie Ende vergangener Woche.

Aufschluss darüber, in welchen Städten und Landkreisen die Zahlen zuletzt besonders hinterherhinkten, gibt das neue Online-Dashboard  des RKI, das seit Freitag verfügbar ist. Für jedes Bundesland, jede Stadt und jeden Landkreis lässt sich dort nachvollziehen, wie viele Menschen infiziert und gestorben sind. Es geht auch hervor, an welchem Datum in einem Ort wie viele Neuinfektionen registriert wurden. Dieses Meldedatum sei der Tag, an dem das Gesundheitsamt Kenntnis von einem Fall erlangt und ihn als solchen elektronisch erfasst, schreibt das RKI.

Dem Dashboard zufolge sind derzeit in 159 deutschen Städten und Landkreisen schon mindestens 50 Corona-Fälle registriert. Hier darf man annehmen, dass mittlerweile nahezu täglich Neuinfektionen hinzukommen und die Fallzahlen steigen müssten. Aus fast all diesen Orten sollte es also täglich neue Meldungen geben.

Doch ganz offenkundig gibt es Lücken. In den am Dienstagmorgen vom RKI veröffentlichten Zahlen sind nur für die Hälfte der 159 Orte schon Meldungen von Montag enthalten. Die übrigen werden also erst heute oder in den nächsten Tagen beim RKI ankommen. Und wie das RKI schon klarstellte: An den Wochenenden melden einige Städte und Landkreise keine neuen Fälle (siehe Grafik oben).

In fast zehn Prozent der Städte und Landkreise mit mindestens 50 Fällen stammt bis heute die jüngste dem RKI bekannte Meldung noch von vor dem Wochenende. In Köln, Dortmund, Mannheim und dem Landkreis Lörrach etwa nennt das Dashboard den vergangenen Donnerstag als jüngstes Meldedatum. Aus Köln sind demnach 285 Corona-Fälle bekannt. Auf ihrer eigenen Website spricht die Stadt mit Stand vom 23. März hingegen schon von 857 bestätigten Fällen - das ist das Dreifache.

EDV-Probleme verfälschten regionale Fallzahlen

Auch in Heidelberg kamen zuletzt seltsame Zahlen zustande: Die Behörden vor Ort sprechen von mehr als 100 Infizierten, das RKI-Dashboard nannte noch am Montag nur vier. Inzwischen sind 86 Fälle beim RKI gemeldet. Auf SPIEGEL-Anfrage bestätigt das für die Corona-Fallzahlen der Stadt zuständige Landratsamt, dass es vergangene Woche Abstimmungs- und technische Probleme bei der Datenübermittlung gab.

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Etliche Fälle seien in Absprache mit dem Landesgesundheitsamt zunächst unter einem anderen Stichwort registriert worden als für die Erfassung nötig, sagte Andreas Welker, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamts Rhein-Neckar-Kreis/Heidelberg. Nach Rücksprache mit dem Landesgesundheitsamt sei das Problem am Donnerstag zunächst behoben worden. Kurz darauf habe es weitere EDV-Probleme gegeben, so die Behörde. "Nun ist auch dieser Fehler behoben, sodass ab Dienstag von einer korrekten Übermittlung auszugehen ist."

Wie weit die RKI-Zahlen den erfassten Fällen vor Ort hinterherhinken, zeigt auch ein Rechercheprojekt  des Karlsruher Thinktanks Risklayer und des Centers for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM). Freiwillige sammeln die neuesten Zahlen direkt bei den Gesundheitsämtern ein, führen sie zusammen, überprüfen sie. Während das RKI am Dienstagmorgen von bundesweit gut 27.000 bestätigten Fällen sprach, kam das Crowdsourcing-Projekt zu diesem Zeitpunkt schon auf rund 32.000 Fälle.

Nur 51 von 300 Fällen beim RKI bekannt

Vergleicht man - Stadt für Stadt, Landkreis für Landkreis – die Daten des Projekts mit denen des RKI, zeigt sich: Vor allem Fallzahlen einzelner Gesundheitsämter in Nordrhein-Westfalen hinken in der RKI-Sammlung hinterher. In einzelnen Fällen stellt sich sogar die Frage, ob die Meldekette nicht nur sehr langsam, sondern schlicht abgerissen ist.

Im Rhein-Sieg-Kreis gibt es mittlerweile weit über 300 bestätigte Fälle, in der RKI-Statistik sind es nur 51. Für den jüngsten erfassten Fall war laut Dashboard der vergangene Freitag der Meldetag. Allerdings sprach das NRW-Gesundheitsministerium schon vor mehr als einer Woche von über 70 Infizierten im Rhein-Sieg-Kreis. Das dortige Landratsamt verwies auf SPIEGEL-Anfrage auf den üblichen Meldeverzug. Technische Probleme seien dort nicht bekannt.

Das NRW-Gesundheitsministerium erklärte, es lasse im Gegensatz zum RKI nicht nur die Zahlen der zuständigen Landesbehörde in seine Statistik einfließen, sondern auch Meldungen von kommunalen Ordnungsbehörden und aus Krisenstäben. "Hierdurch ist der Datenstand des Ministeriums möglicherweise näher am kommunalen Datenstand als es beim RKI der Fall ist", heißt es. Ob sich allein dadurch die Differenz von 249 Fällen erklären lässt, ist unklar.

Auch an anderen Orten gibt es auffällig große Differenzen zwischen den Zahlen aus der RKI-Statistik und den Eigenmeldungen vor Ort. In Bielefeld sind es laut RKI elf Fälle, dabei hat das Gesundheitsamt bis Montag schon knapp 100 Fälle bestätigt. Im Rhein-Erft-Kreis sprechen die Behörden vor Ort von rund 200 Infizierten, das RKI-Dashboard nennt aktuell nur 63. Insgesamt weist fast ein Viertel der rund 400 deutschen Städte und Landkreise im Datensatz von Risklayer und CEDIM Werte auf, die um mindestens ein Viertel höher liegen als in der RKI-Statistik.

Datenübermittlung per Fax

Auf Anfrage des SPIEGEL teilte die Stadt Bielefeld lediglich mit, dass der Meldeweg der Daten einem festgelegten Schema folge. Dieses führe dazu, dass Infektionszahlen verzögert beim RKI einträfen. Erzeugt werden die Daten in Testlaboren. Diese sind gesetzlich verpflichtet, Coronafälle innerhalb von 24 Stunden an die örtlichen Gesundheitsbehörden, also die Stadt oder Landkreise zu melden.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Das geschehe in der Regel per Fax, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Baden-Württemberg auf Anfrage mit. Die Mitarbeiter der Gesundheitsämter in den Städten und Landkreisen prüften die Fälle anschließend und erfassten sie händisch in einem digitalen Meldesystem, das die Daten an die Landesbehörden übermittelt. Diese importieren die Fallzahlen in eine Datenbank und übermitteln sie täglich um 15.00 Uhr an das RKI.

Das kann innerhalb eines Tages geschehen, wenn das Labor den Fall sehr früh meldet. Schafft es das Labor jedoch erst nach knapp 24 Stunden, einen registrierten Fall anzuzeigen, und liegt dieser dann noch mal einen Tag beim Gesundheitsamt der Stadt oder des Landkreises, vergehen drei Tage, bevor er im Meldesystem des RKI zu finden ist. In der RKI-Statistik erscheint er dann erst mit vier Tagen Verzögerung.

Je mehr Fälle in einer Region, desto höher das Risiko veralteter Daten

Die Gefahr, dass das RKI erst nach vielen Tagen von neu Infizierten erfährt, steigt dabei mit zunehmender Fallzahl. "Die aktuell hohe Arbeitsbelastung der Gesundheitsämter vor Ort kann besonders bei Gesundheitsämtern mit hohen Fallzahlen zu einer Verzögerung der Dateneingabe und der Übermittlung der Fälle führen", erklärte das Gesundheitsministerium in Baden-Württemberg.

Auch das Wochenendproblem ist in Baden-Württemberg bekannt. "Erfahrungsgemäß sind die Zuwächse am Wochenende aufgrund der Meldekette niedrigerer als unter der Woche, da nicht alle Gesundheitsämter eine vollumfängliche technische Dateneingabe gewährleisten können", so eine Sprecherin des Landesgesundheitsamts in Stuttgart.

An der Datengrundlage der Corona-Pandemie gibt es auch ganz abgesehen vom Meldeverzug beim RKI seit einigen Wochen Kritik. So fordern das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin  und das Institut für Weltwirtschaft (IfW) , die Zahl der Corona-Infizierten in einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe zu untersuchen. Nur so könne erfasst werden, wie viele Menschen in der Allgemeinbevölkerung infiziert seien und wie schnell dieser Wert steigt. Die Datengrundlage müsse verbessert werden, da sie die Grundlage für die Maßnahmen sei, die aktuell getroffen würden.

"Wir können nur die Daten zur Verfügung stellen, die uns übermittelt werden", sagt Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des RKI. Die Corona-Pandemie stellt nicht nur das Gesundheitssystem vor eine Herausforderung, sondern auch die Bürokratie.

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