Verschwörungstheorien über Covid-19 Die zweite Front im Kampf gegen das Coronavirus

Die Weltgesundheitsorganisation versucht, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Nicht ihr einziger Kampf: Mit der Zahl von Covid-19-Infizierten wächst auch die Verbreitung von Falschinformationen.
Reisende in Peking: "Es kann Leben retten, die Verbreitung von falschen Informationen und schädlichen Ratschlägen auf sozialen Medien zu unterbinden."

Reisende in Peking: "Es kann Leben retten, die Verbreitung von falschen Informationen und schädlichen Ratschlägen auf sozialen Medien zu unterbinden."

Foto: Mark Schiefelbein/ dpa

Als wäre der weltweite Einsatz gegen die Ausbreitung des neuen Coronavirus nicht schon genug, kämpft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an einer zweiten Front: Sie versucht, gegen die massenhafte Verbreitung abstruser Gerüchte anzugehen.

Verschwörungstheorien über die Herkunft und Verbreitungsweise von Sars-CoV-2 und das Anpreisen zweifelhafter Schutz- und Heilmittel sind nicht nur ärgerlich: "Falsche Informationen bei Epidemien mit ansteckenden Krankheiten können die Ausbrüche verschlimmern", schreibt Paul Hunter. Der Experte für Gesundheitsschutz hat dazu an der britischen Universität East Anglia geforscht. Sein Fazit: "Es kann Leben retten, die Verbreitung von falschen Informationen und schädlichen Ratschlägen auf sozialen Medien zu unterbinden."

Eines der abstrusen Gerüchte in sozialen Medien: Das Coronavirus, das die neue Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann, sei eine Biowaffe und komme in absichtlich verbreiteten Infektionswolken auf die Menschen nieder. Oder: Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung habe das Virus geschaffen, wohl um irgendwie von der Produktion von Impfstoff zu profitieren. In Indien schwadronierten sogar Wissenschaftler über Bestandteile des Virus, die angeblich Ähnlichkeiten mit dem Aids-Erreger HIV aufwiesen und keine Laune der Natur sein könnten - mit anderen Worten, von Menschenhand hinzugefügt sein müssten. Ihre "Studie" wurde inzwischen zurückgezogen.

"Wir kämpfen auch gegen eine Infodemie"

"Uns macht die hohe Zahl von Gerüchten und Falschinformationen, die unseren Einsatz behindern, Sorge", sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz. "Wir kämpfen nicht nur gegen eine Epidemie, sondern auch gegen eine Infodemie. Fake News verbreiten sich schneller und einfacher als dieses Virus, und sie sind genauso gefährlich."

Der Mediziner Hunter schreibt, falsche Informationen führten dazu, dass Menschen sich weniger schützen und größere Risiken eingehen. So seien falsche Angaben der Anti-Impflobby für den weltweiten Anstieg der Maserninfektionen mitverantwortlich. Andere Studien zeigten die Folgen von Gerüchten während des Ebola-Ausbruchs in Westafrika 2014: Damals wurden etwa auf einer Internetseite Ängste geschürt, die Menschen dazu brachten, auf derselben Webseite Schutzanzüge zu bestellen - nur taugten diese als Schutz vor Ansteckung gar nicht.

Faktenchecker im Netz

Bei der WHO kümmert sich ein Team darum, falschen Informationen in sozialen Medien sofort etwas entgegenzusetzen. Die Uno-Behörde ist bei Twitter und anderswo mit Schaubildern aktiv. Zum Beispiel zu Rezepten, denen zufolge acht Knoblauchzehen auf sieben Tassen Wasser eine Infektion heilen können. Knoblauch sei zwar gesund, aber es gebe keine Hinweise, dass er vor einer Coronavirus-Infektion schütze, kontert die WHO.

"Tötet man das Virus, wenn man sich am ganzen Körper mit Alkohol oder Chlor besprenkelt?" Nein, schreibt die WHO. Damit könnten Tische und Ähnliches desinfiziert werden, aber ein Eindringen des Virus in den Körper verhindere das nicht.

Zum Umgang mit Stress in dieser Zeit schreibt die WHO: "Sie können Aufregung und Sorgen verringern, wenn Sie und Ihre Familie weniger Zeit mit Medienberichten verbringen, die sie beunruhigen."

Die WHO geht auch direkt auf Social-Media-Unternehmen zu. Tedros nannte unter anderem Facebook, Google, Pinterest, Twitter, YouTube. Wer "Coronavirus" googelt, bekommt als Topergebnisse Informationen der WHO. Wer bei Pinterest nach "Coronavirus" sucht, bekommt als Erstes die Schaubilder der WHO, die mit Mythen und Märchen aufräumen.

Facebook (FB) ist auch im Boot. Faktenchecker seien aktiv auf der Suche nach Gerüchten über das Coronavirus, schrieb der FB-Verantwortliche für Gesundheit, Kang-Xing Jin, in einem Blogpost. "Wenn sie eine Information als falsch einstufen, begrenzen wir die Verbreitung auf Facebook und Instagram."

Die WHO will zudem Amazon dazu bewegen, Käufern bei der Suche etwa nach Gesichtsmasken gleich korrekte Informationen über das Virus mitzuliefern.

Auch Webseiten etwa des Zimmervermittlers Airbnb könnten Reisehinweise mitliefern, findet die WHO. Gespräche laufen. "Wir rufen alle Regierungen, Unternehmen und Medienorganisationen auf, die Menschen in angemessenem Umfang zu alarmieren, aber ohne die Flammen der Hysterie anzufachen", sagte Tedros in München.

hei/dpa
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