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MEDIZIN Couscous mit Pfefferminztee

Eine Schweizer Forscherin entdeckte eine bislang unbekannte Hirnstörung: Das »Gourmand-Syndrom« verwandelt Normalesser in Feinschmecker.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Der 48jährige Schweizer zählte zu jenen Menschen, die nur essen, um satt zu werden. In Bohnen sah er grünes Gemüse und keine Haricots verts, ins Restaurant ging der Journalist mit weniger Leidenschaft als in die Redaktion.

All dies änderte sich jäh: Ein Hirninfarkt streckte ihn nieder. Im Krankenhaus litt der Mann unsäglich - nicht so sehr an der halbseitigen Lähmung, die sich zusehends besserte, dafür um so mehr an der faden Krankenhauskost.

In seinem Kliniktagebuch begann der Rekonvaleszent, wortreich über die Wonnen von Spaghetti Bolognese zu sinnieren, über Risotto, Bratwurst, Rösti und Rehschnitzel mit Spätzle. »Was für ein Genießer bin ich«, wunderte er sich selbst und schwelgte über Köstlichkeiten wie »Datteln und Hammelbraten oder Couscous mit Pfefferminztee marokkanischer Art, ganz frisch«.

All dies mag noch erklärlich sein als Protest gegen die Tristesse, die degoutantem Klinikfraß eigen ist. Doch nach seiner Entlassung kam der Mann erst richtig auf den Geschmack: Von seiner Frau wünschte er die Zubereitung exotischer Leckerbissen. Die meisten seiner Gespräche kreisten ums Essen und Trinken. Unversehens kündigte er seinen Job als Politikredakteur; fortan schrieb er kulinarische Kolumnen.

Der zum Lukull gewandelte Patient machte Marianne Regard, 51, stutzig. Die Leiterin der neuropsychologischen Abteilung am Zürcher Universitätsspital beschloß, die Wesensveränderung eingehend zu studieren. Hatte der Kostgänger in der Nähe des Todes seine Sinne für die vergänglichen Genüsse des Diesseits geschärft? Oder hat sein Gehirn einen Schaden erlitten, in dessen Folge er krankhaft auf Diners fixiert blieb?

Gemeinsam mit dem Neurologen Theodor Landis ging Regard auf die Suche nach dem neuropathologischen Substrat der Schlemmerei. Sie wurden fündig: Von 723 Kranken, die eine Hirnverletzung durch Schlaganfall, Tumoroperation, Epilepsie oder Unfall erlitten hatten, zeigten 36 eine merkwürdig freudige Hinwendung zur Speise - sie waren besessen vom Essen.

»Gourmand-Syndrom« nennen Regard und Landis das Leiden, das keines ist, weil sich die Hirngeschädigten überaus wohl fühlen. Menüplanung, Würze, die Muße beim Einkauf, das lüsterne Durchstöbern von Kochbüchern und das zelebrierte Mahl sind ihnen zum Quell der Lust geworden.

Bis auf zwei Ausnahmen war allen Nouveaux Connaisseurs gemein, so berichteten die beiden Forscher kürzlich im Fachblatt »Neurology«, daß sie im gleichen Hirnareal eine Läsion erlitten hatten. Der kleine Schaden an ebendieser Stelle, nämlich weit vorne in der rechten Hemisphäre des Denkorgans, bewirke »eine diskrete Impulskontrollstörung«, wie Regard vermutet: Ein überlagernder Sinn, der normalerweise die Eßlust zügelt und durch Mäßigung und Vernunft trübt, wurde ausgeschaltet.

Die Geschmackssinne der Patienten sind allem Anschein nach nicht empfindlicher geworden. »Weder die gustatorische noch die olfaktorische Schwelle« haben sich Regards Studie zufolge nach der Läsion verändert. Aber das Gehirn der Patienten, in dem die Sinnesempfindungen zu einem Gesamteindruck zusammengebaut werden, krönt feine Geschmackserlebnisse zusätzlich mit einem Schuß Glück.

Das Krankheitsbild unterscheidet sich damit stark von dem der »Hyperphagie«, das ebenfalls nach Hirnverletzungen entstehen kann. Wer an ihr leidet, verschlingt wahllos alles und empfindet keinerlei Sättigungsgefühl mehr. Unweigerlich gehen die Betroffenen auseinander wie Hefeteig.

Die Patienten von Regard und Landis nahmen nur minimal zu. Sie schmausen des Genusses wegen und trachten eher nach Qualität als nach Quantität. Nicht alle befriedigen sich dabei mit Chateaubriand und Xuf au caramel, manche vertilgen auch Schlichtes wie Hamburger und Tiefkühlkost mit hingebungsvoller Seligkeit.

Die Forscherin vermutet, daß sich im Gourmand-Syndrom, »eine seltene und gutartige Eßstörung«, eigentlich eine Form von Sucht, versteckt. Solche Süchte, ausgelöst von Läsionen, sind unter Forschern wohlbekannt: Je nach betroffener Hirnregion können sie zu Magersucht, Alkoholismus oder dem Zwang zum Glücksspiel führen. Die nun entdeckte Eßlust, eine »repetitive Zwangshandlung«, passe genau ins Bild.

Muß nun jeder Wolfram Siebeck eigentlich als therapiepflichtiger Süchtiger gelten? Den Gedanken weist Marianne Regard zurück: Pathologisch interessant seien nur Menschen, bei denen sich die Schlemmerei urplötzlich entwickelt habe. Wer hingegen das Essen schon immer sinnlich genoß, müsse sich um seinen neurologischen Status nicht sorgen.

Von Therapiebemühungen hat Marianne Regard Abstand genommen: Auf ihren wonnebringenden Hirndefekt wollen die neuen Feinschmecker nicht mehr verzichten.

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