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UHREN Das achte Weltwunder

aus DER SPIEGEL 4/1956

Seit etwa einem Monat ist der Publikumsverkehr im Rathaus der dänischen Landeshauptstadt Kopenhagen stark angeschwollen. Es sind jedoch nicht Bittsteller oder Steuersünder, die in dichtem Strom durch das Hauptportal des prunkvollen Gebäudes defilieren, sondern Neugierige, die von Kopenhagens neuestem Fremdenverkehrsmagneten angezogen werden, einem tickenden and rasselnden Musterbeispiel dänischen Erfinderfleißes:der größten und kompliziertesten astronomischen Uhr der Welt. Die gemeinhin sehr zurückhaltende Londoner »Times« bezeichnete das Monstrum beeindruckt als »Dänemarks achtes Weltwunder«.

Wer eine Krone Eintrittsgeld bezahlt, darf dort, wo früher der Auskunftsschalter des Rathauses war, in einem mannshohen Glaskasten eine verwirrende Vielfalt winziger Rädchen, Zahnstangen und Hebel bewundern und von-den zehn Zifferblättern die Tageszeit, das Datum, die Zeit des Sonnenunterganges, die Positionen der Planeten, die Phasen des Mondes und ein halbes Dutzend weiterer astronomischer Daten ablesen. Orthodoxen Russen, die den gregorianischen Kalender noch nicht anerkannt haben, offeriert die Uhr auch das jeweilige Datum nach dem (in Europa längst abgeschafften) Julianischen Kalender.

Die Kopenhagener Uhr soll aber nicht nur das sinn- und trickreichste Chronometer der Welt sein, sondern - nach dem Willen seines Schöpfers, des dänischen Uhrmachers Jens Olsen auch das dauerhafteste. Olsens Wunderuhr soll bei richtiger Pflege und wöchentlichem Aufziehen ungefähr viermal so lange ticken, wie die Geschichte der Menschheit bisher gedauert hat, nämlich 26 030 Jahre.

In den Neujahrsnächten dieser 26 000 Jahre soll der Kalendermechanismus der Uhr in einem sechsminütigen technischen Furioso 570 000 verschiedene Bewegungen herunterrasseln, um dann sogleich - mit der Genauigkeit eines Abreißkalenders - die Festtage des jungen Jahres anzuzeigen.

Kurz vor Weihnachten war der Mechanismus des gigantischen Zeitmessers in einer spektakulären Zeremonie vom Dänenkönig Frederik IX. in Gang gesetzt worden. Doch der Uhrmacher Olsen hat die Fertigstellung seines Lebenswerkes nicht mehr erlebt: Er ist 1945 gestorben.

Er hatte den Entschluß zu seiner handwerklichen Titanentat gefaßt, als er kurz nach dem ersten Weltkrieg die große astronomische Uhr des Straßburger Münsters zu Gesicht bekam. Da der Uhrmacher Olsen sich in eifrigem Selbststudium beträchtliche Kenntnisse der Astronomie und der Physik angeeignet hatte, packte ihn damals der Ehrgeiz, das Prunkstück des Straßburger Münsters zu übertreffen und die größte, vielfältigste und genaueste astronomische Uhr der Welt zu bauen. Seitdem arbeitete er in jeder freien Stunde an den Konstruktionsskizzen und mathematischen Berechnungen für die Superuhr, die mehr einer komplizierten Rechenmaschine als einem herkömmlichen Zeitmesser gleicht.

Olsen merkte bald, daß die Konstruktion eines solchen Zeitgiganten ein überaus kostspieliges Vorhaben war. Im Jahre 1934 fand sich jedoch ein Komitee namhafter Wissenschaftler zusammen, die an Olsens Idee Gefallen gefunden hatten. Die Uhren-Enthusiasten begannen alsbald ihren Landsleuten zu erläutern, welch eine Manifestation dänischen Fortschrittsgeistes es wäre, eine Uhr zu besitzen, die bei einer Lebenszeit von 26 000 Jahren etwa 13mal soviel Zeit in Minuten und Sekunden zerhacken würde, wie bisher seit Christi Geburt vergangen ist. Angesichts dieser Rekordziffer sei es Dänenpflicht, ein Scherflein zur Finanzierung der Konstruktionsarbeiten beizutragen.

Das taten die Dänen auch. Zunächst stifteten die Uhrmacher-Innung und andere interessierte Institutionen große Beträge, und schließlich griff auch der dänische Bürger in den Beutel. Das Opfer war nötig, denn die Uhr hatte sich inzwischen als finanzieller Moloch erwiesen. Je weiter die Arbeiten an dem astronomischen Chronometer voranschritten, um so astronomischer wurden die Kosten. Als die Vorarbeiten 1944 zu Ende gingen, waren alle vorsichtig errechneten Kostenvoranschläge längst umgeworfen worden. Statt 125 000 Kronen (rund 75 000 Mark) kostete Jens Olsens Orgie der Feinmechanik nun 700 000 Kronen (rund 425 000 Mark).

Ehe Jens Olsen starb, konnte er gerade noch die Herstellung der ersten der 15 000

Einzelteile überwachen. Das Wissenschaftlerkomitee führte seine Arbeit weiter. Es schrieb unter anderem einen Wettbewerb für die äußere Gestaltung der Uhr aus. Der Preis wurde dem Professor Gunnar Biilmann Petersen zugesprochen, dessen Entwurf auf jeglichen Schmuck verzichtete und den Einblick in die mechanischen Eingeweide der Uhr soweit wie möglich freigab.

Eine Umdrehung in 26000 Jahren

Uhrmachermeister Mortenson, der heute die Uhr betreut, hat keine leichte Aufgabe. Der verzwickte Mechanismus besteht aus elf miteinander gekoppelten, von Gewichten betriebenen Uhrwerken. Von den 445 Zahnrädern vollendet das schnellste alle zehn Sekunden eine Umdrehung, das langsamste dreht sich nur einmal in 26 000 Jahren. Jens Olsen hatte kurz vor seinem Tode einmal einem Freund ein kleines Rädchen mit der Bemerkung gezeigt: »Das wird sich erst in 1000 Jahren zum ersten Mal bewegen.«

Um Gangruhe und -Genauigkeit zu gewährleisten, wurde die Uhr in einem luftdichten und stets gleichbleibend temperierten Glasbehälter auf einem tief durch die Grundmauern des Kopenhagener Rathauses führenden Sockel montiert, der mit einem Aufwand -von 125 000 Kronen (rund 75 000 Mark) gebaut wurde. Denn die Uhr sollte nicht nur die vielfältigste und dauerhafteste, sondern auch die genaueste astronomische Uhr der Welt sein und in dreihundert Jahren nicht mehr als

2/5 Sekunden von der exakten astronomischen Zeit abweichen. Sie soll - wie die dänischen Zeitungen bei der Einweihung im vergangenen Monat stolz berichteten - im Zeitraum eines Jahres nicht mehr als rund eine tausendstel Sekunde nach- oder vorgehen.

Aber schon drei Tage später erlitt der Stolz der Dänen einen K.o.-Schlag. Verwirrt entdeckte Uhrmachermeister Mortensen, daß die Weltwunderuhr bereits nach 72stündiger Laufzeit um fast eine Sekunde nachging. Verlegen erklärten die Erbauer, die Unregelmäßigkeiten der Uhr seien auf »Anfangsschwierigkeiten« zurückzuführen. Die Uhr habe durch den Transport und auch durch die Einweihungsfeierlichkeiten gelitten.

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