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METEOROLOGIE Das Bombenwetter

aus DER SPIEGEL 50/1957

Mit einer sarkastischen Feststellung begann der Forschungsbericht über die Auswirkungen von Atomwaffenversuchen auf das Wetter, den Amerikas führende Meteorologen im vergangenen Jahr zusammengestellt hatten. »Viele menschliche Erfindungen - Schießpulver, Rundfunk, Flugzeuge und Fernsehen - hat man für Wetter- und Klima-Änderungen verantwortlich gemacht«, schrieben die Wissenschaftler. »Es ist nur natürlich, daß nun auch den atomaren und thermonuklearen Explosionen ein Teil der Verantwortung zugeschoben wird.«

Die Kapazitäten der amerikanischen Wetterforschung kamen in ihrem Gutachten über das »Atomwetter« zu dem Schluß, daß Beeinflussungen des Wetters durch Atomwaffenexplosionen in großem Umfang »unwahrscheinlich« sind. Aber diese Auffassung, schränkten die Wissenschaftler ein, könne vorläufig weder bewiesen noch widerlegt werden und »sorgfältige Untersuchungen sind notwendig, um dieses Problem endgültig zu klären«.

Kürzlich erfuhren nun die amerikanischen Forscher auf einer internationalen Konferenz der Geophysiker in Toronto (Kanada) einige Tatsachen, die sie möglicherweise zur Überprüfung ihres Urteils veranlassen werden. Einer der angesehensten Wetterforscher Amerikas, Dr. Horace Byers, Leiter der meteorologischen Abteilung der Universität Chicago, berichtete den versammelten Gelehrten von einer erstaunlichen Feststellung: In den letzten zwölf Jahren - also solange Atom- und Wasserstoffbomben serienweise erprobt werden - hat sich die elektrische Leitfähigkeit der Luft versechsfacht. Aus dieser Tatsache, die der Direktor des Magnetischen Observatoriums in der belgischen Stadt Manhay, Dr. Koenigsfeld, ermittelt hat, folgerte Dr. Byers, daß die Atombombenversuche möglicherweise doch das Wetter beeinflussen.

Mit dieser beunruhigenden Erkenntnis scherte der sonst für seine vorsichtigen und zurückhaltenden Urteile bekannte Wissenschaftler Byers aus der Phalanx der Kollegen aus, die einen Einfluß der Atomversuche auf das Wetter rundweg abstreiten. Die Wetterforscher verweisen immer wieder darauf, daß die Energien, die bei Atombombenexplosionen freigesetzt werden, winzig klein seien im Vergleich zu den Energien, die beim irdischen Großwettergeschehen frei würden. Zum Beispiel: Bei den wolkenbruchartigen Regenfällen, die vom 7. bis 9. Juli 1954 Oberbayern überschwemmten, fielen durchschnittlich 150 Liter Wasser auf den Quadratmeter. Um diese Wassermenge auf dem Ozean zu verdampfen, ist nach den Berechnungen des deutschen Wetterforschers Professor Baur die Energie von 31 großen Wasserstoffbomben erforderlich.

Aber die Skeptiker gaben sich noch nicht geschlagen. Konnten Atombombenversuche, so fragten sie, nicht bei instabilen Wetterlagen einen Umschwung auslösen und sozusagen als Zündfunke im Pulverfaß des Wetters wirken?

Die Meteorologen gaben zu, daß eine solche Atombombenwirkung gelegentlich von örtlicher Bedeutung sein könne. Aber es schien ihnen äußerst unwahrscheinlich, daß auf diese Weise das Großwettergeschehen auf der Erde beeinflußt wird.

In der neuen, erweiterten Fassung des offiziellen amerikanischen Handbuches über »Die Wirkungen der Kernwaffen"*, die im Juni dieses Jahres herausgegeben wurde, verwiesen die Wettersachverständigen der amerikanischen Atomenergiekommission auf drei weitere Möglichkeiten, wie Atombombenexplosionen das Wetter beeinflussen könnten. Erstens:

- Der in die Stratosphäre gewirbelte Staub der Atombombenexplosion könnte das Sonnenlicht abschirmen und so die Temperaturen auf der Erde mindern.

Modellfall für diesen Vorgang ist der Ausbruch des Krakatau-Vulkans zwischen Sumatra und Java im Jahre 1883. Diese Eruption setzte die Energie von etwa 10 000 Wasserstoffbomben frei. In einer einzigen gewaltigen Explosion flogen dabei auch 60 Prozent der Krakatau-Insel in die Luft. Aber daß diese Explosion irgendeinen Einfluß auf das Wetter hatte, konnte damals von den Wetterforschern nicht beobachtet werden. Auf diese Tatsache beriefen sich die Atomsachverständigen, um nachzuweisen, daß auch die Staubwolken der Atomexplosionen das Wetter nicht verändern können.

Die zweite Möglichkeit, die Amerikas Atomwetterforscher in ihrem Handbuch diskutierten, war:

- Der Atomstaub könnte bereits vorhandene Wolken »impfen« und so über großen Gebieten Bewölkung und Niederschlag ändern.

Amerikas »Regenmacher« versuchen mit diesem Prinzip schon seit Jahren Wolken zu »melken«. Sie streuen zum Beispiel vom Flugzeug aus Kristalle einer gewissen Substanz (Silberjodid) in die Wolken hinein, um sie dadurch zum Ausregnen zu bringen. Dieses umstrittene Verfahren ist jedoch nach Ansicht der Wetterspezialisten wirkungslos, wenn der »Impfstoff« aus Atomstaub besteht.

Die dritte Möglichkeit, wie Kernexplosionen das Wetter beeinflussen könnten, wurde von den Verfassern des amerikanischen Atomwaffenhandbuches nur kurz gestreift:

- Die radioaktive Natur der Bombenüberreste ändert die elektrische Leitfähigkeit der Luft, und das könne einen Einfluß auf beobachtbare Wettererscheinungen haben.

Noch im Juni dieses Jahres glaubten die Atomwetterspezialisten, diese Möglichkeit in zwei Sätzen als »unwahrscheinlich« abtun zu können. Jetzt aber deuten die Beobachtungen des belgischen Forschers Dr. Koenigsfeld darauf hin, daß die Wetterforscher möglicherweise ihr Urteil revidieren müssen.

»Vor den Atomwaffenversuchen«, erläuterte der Gewitterspezialist Byers, »war das elektrische Gleichgewicht der Luft verhältnismäßig stabil. Die Erde ist negativ geladen, die Luft positiv. Kosmische Strahlen aus dem Weltraum und radioaktive Gase aus dem Erdgestein machen die Luft leitfähig, so daß sich elektrische Spannungen zwischen Luft und Erde ausgleichen können. Da sich aber seit den Atomwaffenversuchen die elektrische Leitfähigkeit der Luft versechsfacht hat, kann der elektrische Haushalt der Atmosphäre - der das Wetter stark beeinflußt - aus dem Gleichgewicht gebracht werden.«

Ein solches Mißverhältnis, warnte Byers, könnte das Großwettergeschehen auf der Erde »bald grundlegend ändern«.

* The Effects of Nuclear Weapons«, U. S. Government Printing Office. 580 Seiten. 2 Dollar.

Gewitter-Forscher Byers Wetter-Änderung durch H-Bomben-Tests?

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