Zur Ausgabe
Artikel 61 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SEUCHEN Das Geschäft mit den Viren

Ist der Kampf gegen die Schweinegrippe übertrieben? Auf Druck der Pharmaindustrie soll für eine halbe Milliarde Euro weiterer Impfstoff gekauft werden - die ersten Bundesländer wehren sich.
aus DER SPIEGEL 37/2009

Matthias Orth kämpft an vorderster Front gegen die Seuche. Das Marienhospital in Stuttgart, an dem er als ärztlicher Direktor arbeitet, beherbergt die städtische Notfallpraxis. Hier laufen die Siechen auf, in der Nacht und an den Wochenenden.

Im vergangenen Monat kamen noch auffallend viele hustende Spanienurlauber direkt vom Flughafen. »Halbe Busladungen von Touristen aus Lloret de Mar hatten wir hier plötzlich stehen«, erzählt Orth.

Doch ein Kampf um Leben und Tod fand im Marienhospital nicht statt. »Die Krankheitsverläufe waren milder als bei der normalen Influenza; wir haben die Leute nach Hause geschickt und ihnen gesagt, sie sollen sich ins Bett legen«, berichtet der Mediziner. »Das Virus, über das so viel Aufheben gemacht wird, ist vollkommen banal. Gegen die normale Grippe werde ich mich impfen lassen, aber doch nicht gegen die Schweinegrippe!«

Was den Klinikchef so irritiert, ist der Gegensatz zwischen seiner täglichen Erfahrung als Mediziner und der Aufregung um die Schweinegrippe bei den staatlichen Gesundheitswächtern. Nachdem Deutschland bereits für eine halbe Milliarde Euro Impfstoff gegen den Erreger bestellt hat, sollen nun sogar noch einmal Millionen Dosen nachbestellt werden - für weitere rund 500 Millionen Euro.

»Niemand hat damit gerechnet, dass diese Pandemie so milde verläuft«, sagt auch Stefan Becker, Leiter des renommierten Instituts für Virologie der Universität Marburg. In der Tat waren die weltweiten Vorbereitungen auf die nächste Grippe-Pandemie auf das aggressive Vogelgrippevirus H5N1 zugeschnitten, das mit Sicherheit viele Todesopfer gefordert hätte, wenn es von Mensch zu Mensch gesprungen wäre. Doch stattdessen tauchte ein zwar hoch ansteckender, aber weit weniger gefährlicher Erreger auf.

»Wahrscheinlich hätten wir früher gar nicht gemerkt, dass es zurzeit eine Pandemie gibt«, sagt Virologe Becker. »Das ist in der Vergangenheit sicher häufiger passiert.« Erst in den vergangenen Jahren ist unter Leitung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf ein ausgeklügeltes Überwachungssystem ausgebaut worden. 128 Referenzlabore, von Afghanistan bis Papua-Neuguinea, sorgen dafür, dass ein neuer Grippestamm rasch aufgespürt wird.

Hat sich diese effiziente Viren-Abwehrmaschinerie verselbständigt? »Keiner will sich vorwerfen lassen, im Falle des Falles nichts getan zu haben«, sagt Matthias Gruhl, Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik in Bremen. »Dieses Sicherheitsdenken ist aber teuer: Es kostet mehr als eine Milliarde Euro, die auch an anderer Stelle im Gesundheitswesen genutzt werden könnte.« Gruhl kritisiert das Robert Koch-Institut (RKI) und das für Impfstoffzulassung zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI), zu sehr Einfluss auf die Politiker zu nehmen, um »noch mehr Impfstoffe und noch mehr Medikamente zu kaufen«.

Auch Hamburgs Gesundheitssenator Dietrich Wersich (CDU) wehrt sich gegen weitere Impfstoffkäufe: »Wir sind der Meinung, dass die bereits bestellten Impfdosen für 30 Prozent der Bevölkerung ausreichend sind. Wenn das PEI und das RKI empfehlen, für 80 Prozent der Deutschen Impfstoff zu kaufen, dann machen die das, ohne zu wissen, wie hoch die Impfbereitschaft in der Bevölkerung überhaupt ist.«

Die Länderfinanzminister, auch die der SPD, haben vergangenen Freitag denn auch in geheimer Sitzung beschlossen, keinerlei Geld für den Impfstoff hergeben zu wollen. SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt habe sie nicht gefragt, also solle sie die Zeche zahlen.

Einer ist in diesem System immer auf der Gewinnerseite: die Pharmaindustrie. Die Konzerne sind erfahren darin, die Politik unter Druck zu setzen. Keine Firma ging dabei so dreist vor wie Novartis aus der Schweiz. Bereits am 12. Mai verschickte der Konzern an die Gesundheitsminister Verträge mit einer vorher nicht vereinbarten Nebenabrede, der zufolge der Impfstoff binnen 14 Tagen bestellt werden müsse. Sonst werde auch der Hauptvertrag ungültig.

Die Bundesländer unterschrieben dennoch nur den Hauptvertrag - und akzeptierten damit um bis zu 40 Prozent höhere Preise als beim Konkurrenten GlaxoSmithKline (GSK). Denn während GSK für eine Impfdosis 8,33 Euro verlangt, fordert Novartis je nach Menge bis zu 11,90 Euro pro Dosis. Novartis kommt allerdings erst bei der zweiten Lieferung zum Zuge; die ersten Impfstoffe für Deutschland stammen von GSK. Ende Juli bestellten die Bundesländer bei dem Unternehmen Impfdosen für zunächst 30 Prozent der Bevölkerung. Reine Bestellkosten: 410 Millionen Euro. Damals wusste noch niemand, wie sich die Seuche entwickelt; die Order war eine Sicherheitsmaßnahme.

Doch nun will PEI-Präsident Johannes Löwer nicht mehr nur chronisch Kranke, Risikogruppen und Krankenhauspersonal impfen lassen, sondern die ganze Bevölkerung. Unterstützung erhofft er sich durch die »Ständige Impfkommission« (Stiko), die sich Anfang dieser Woche in Frankfurt zu einer Sondersitzung zur Schweinegrippe treffen wird und eine Impfempfehlung aussprechen soll. Auch in der Stiko scheint die Neigung groß, das Impfprogramm kräftig auszuweiten. Ihr Vizechef Ulrich Heininger sagt, man solle »die Impfung jedem Menschen anbieten, der sein persönliches Infektionsrisiko dadurch mindern will«.

Doch wie unabhängig ist die Stiko in ihrer Empfehlung? Nicht nur Professor Heininger, sondern die Mehrheit des Gremiums lässt sich Gutachten, Studien oder Vorträge von Impfstoffherstellern finanzieren. Zu den großzügigsten Sponsoren gehören dabei ausgerechnet die beiden Firmen, die den Schweinegrippe-Impfstoff liefern: GSK und Novartis. Der frühere Stiko-Chef Heinz-Josef Schmitt wechselte im vergangenen Jahr direkt in die Impfstoffabteilung des Pharmagiganten Novartis.

Die Lobbyarbeit der Konzerne zeigt Wirkung. Helle Aufregung herrschte vorigen Freitag im Bundesgesundheitsministerium: Usbekistan, so ein Gerücht, wolle für Deutschland vorgesehenen Impfstoff wegkaufen. Die Ministeriellen drängten, rasch einen Beschluss über weitere Impfstoffkäufe zu treffen.

So entwickelt sich die Seuche für die Pharmariesen zum Milliardengeschäft. Die Schweizer Bank UBS schätzt, dass die Impfwelle Novartis einen Mehrumsatz von 1,1 Milliarden Euro und GSK 1,5 Milliarden Euro beschert. Für die Kosten müssen die Versicherten aufkommen. Erstaunlich, dass etwa die Schweiz die Impfung deutlich billiger anbieten kann: Sie kostet bei den Eidgenossen pro Person pauschal 16 Euro, in Deutschland 28 Euro - mindestens.

Bislang gehen die Gesundheitsbehörden davon aus, dass jeder Mensch zweimal geimpft werden muss. Aus den bereits bestellten 50 Millionen Impfeinheiten könnten folglich 25 Millionen Menschen immunisiert werden. Möglicherweise bietet aber auch schon eine einzige Injektion genügend Schutz, wie erste Studienergebnisse mit dem Novartis-Impfstoff zeigen.

Kein Impfstoff hat allerdings bisher eine endgültige Zulassung. »Erst vor wenigen Tagen haben wir die Blutproben zur Untersuchung an Novartis geschickt«, sagt Jakob Cramer, Leiter der Tests am Hamburger Uni-Klinikum. Zudem verläuft die Impfstoffherstellung äußerst zäh. Die nervösen Hersteller müssen bereits zu einem neuen Saat-Virus greifen, um die Produktion anzukurbeln. »Es wird total überschätzt, wann der Impfstoff in Masse da sein wird«, sagt Frank von Sonnenburg, Impfstudienleiter an der Uni München.

Gebetsmühlenartig wiederholen die Seuchenschützer derweil ihre Warnung vor einer zweiten, heftigeren Welle der Schweinegrippe im Winter. Die Beobachtungen vom aktuellen Verlauf der Seuche in Deutschland sind jedoch weniger alarmierend.

Eine aktuelle Veröffentlichung des RKI, in der die ersten 10 000 Schweinegrippe-Fälle in Deutschland ausgewertet wurden, hat ergeben: Von den Betroffenen, meist zwischen 15 und 25 Jahre alt, erkrankte nicht einmal jeder 200. an einer Lungenentzündung. Manche Infektionen verliefen sogar fast oder ganz ohne Symptome.

Auch die WHO-Experten haben eher beruhigende Erkenntnisse gewonnen. Todesfälle beträfen überwiegend Menschen mit Vorerkrankungen und geschwächtem Immunsystem. Zudem gibt es derzeit keinerlei Anzeichen dafür, dass der Erreger durch Mutationen aggressiver wird.

Susanne Huggett, leitende Laborärztin an den Hamburger Asklepios-Kliniken, ist verantwortlich für die Untersuchung von Grippepatienten. Alle, bei denen bisher Schweinegrippe festgestellt worden sei, habe man sofort wieder nach Hause schicken können.

»Nicht aber fünf Patienten, die an einer normalen Influenza vom Typ B erkrankt waren«, berichtet Huggett. Die Infizierten mussten stationär versorgt werden. Die Medizinerin warnt: »Wir müssen aufpassen, dass wir die saisonale Grippe nicht vernachlässigen.«

MARKUS GRILL, VERONIKA HACKENBROCH,

ALEXANDER NEUBACHER, GERALD TRAUFETTER

Zur Ausgabe
Artikel 61 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.