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Archäologie »DAS GRAB GEGENÜBER«

Eine unscheinbare Gruft im ägyptischen Tal der Könige hat sich als Sensationsfund entpuppt: Ein US-Archäologe stieß auf das Familien-Mausoleum des Pharaos Ramses II. Im größten Grab Alt-Ägyptens waren vermutlich viele der 52 Ramses-Söhne begraben: Thronanwärter, die von ihrem greisen Vater zum großen Teil überlebt wurden.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Es war die zehnte, die letzte und die schrecklichste Plage, die der Gott des Volkes Israel über Ägypten hereinbrechen ließ: Alle Erstgeborenen im Lande sollten sterben, »von dem des Pharao, der auf dem Throne sitzt, bis zu dem der Magd hinter der Handmühle« (2. Mose 11,5).

Der Zorn des fremden Gottes traf Ägypten vermutlich zu einer Zeit, als der mächtige Ramses Herrscher des Reiches war. Der Sohn, um den er trauerte, muß Amunherchopeschef gewesen sein. Diesen Namen hat jetzt der amerikanische Archäologe Kent Weeks entdeckt, eingemeißelt in die Kalksteinwand eines Grabes, das von seinen Kollegen als Jahrhundertfund gefeiert wird.

Schon in der Antike hat das karge Tal der Könige die Phantasie der Touristen und Gelehrten beflügelt. Gleichsam als natürliche Pyramide ragt hier der Berg Kurn aus der Steinwüste am Westufer des Nil.

Anders als die Pharaonen des Alten Reichs (2628 bis 2134 vor Christus), die in weithin sichtbaren Pyramiden ins Totenreich übersiedelten, hatten die Könige des Neuen Reichs (1551 bis 1070 vor Christus) ihre Nekropole, versteckt und von einer speziellen Polizeitruppe bewacht, in die Berghänge des Kurn geschlagen. In der Finsternis warteten hinter den unscheinbaren Steinportalen der Gräber jahrtausendelang die prächtigen Ornamente, die Statuen, Sarkophage und der überwältigende Schatz des Tutanchamun auf ihre Entdecker.

Doch jenes spektakulärste schien zugleich auch das letzte Geheimnis im Tal der Könige gewesen zu sein. Seit Howard Carter 1922 das Grab des jungen Pharaos Tutanchamun ausgegraben hatte, stürmten die Touristen das Tal. Die Archäologen jedoch förderten keine Sensationen mehr zutage.

So machte sich auch Kent Weeks vor drei Jahren eher halbherzig daran, die K5-Gruft zu erkunden, »nur so«, erinnert er sich, »ich versprach mir gar nichts weiter davon«. Den Weg hatte ihm ein Tribunal gewiesen, das vor 3145 Jahren über einen Dieb zu Gericht saß.

Den Gerichtsakten, einer Papyrusrolle, die heute in Turin ausgestellt wird, ist zu entnehmen, daß dem Angeklagten vorgeworfen wurde, er habe das Grab des Großen Ramses II. ausrauben wollen - und außerdem, das machte Weeks stutzig, »das Grab gegenüber«.

Welches Grab konnte damit gemeint sein? Vielleicht die lange Zeit vergessene Gruft K5, in der schon 1820 ein englischer Reisender drei leere, wenig spektakuläre Kammern gefunden hatte? Was hatten die Diebe dort zu finden gehofft?

Verheißungsvoll war diese Fährte nicht. Keine Inschriften am Grabeingang, keine Ornamente lockten; nur Lehm, Schutt und Geröll, das Erosion und Überschwemmungen in den niedrigen Eingang des Grabes gespült hatten.

Vor vier Wochen jedoch wurde ein niedriger Gang sichtbar, der in eine bisher unbekannte Grabkammer mündete. »Dann schaufelten wir nur noch«, erinnert sich Ibrahim Sadik, ein Mitarbeiter von Weeks. Denn plötzlich war klar: K5 ist nicht eine unbedeutende Gruft, es ist das größte Grab des alten Ägyptens. »Nirgends gibt es ein Grab wie dieses«, erklärt Weeks, »weder nach Grundriß noch nach Größe oder Funktion.«

Während in allen anderen Königsgräbern ein langer Schacht direkt auf die Grabkammer führt, war Weeks hier auf ein labyrinthisches Gewirr von Katakomben gestoßen. T-förmig zweigen zu beiden Seiten der Hauptgalerie Sarkophag-Nischen von 10 Quadratmetern, aber auch Säle mit bis zu 400 Quadratmetern Grundfläche ab.

Schon jetzt lassen sich die gewaltigen Ausmaße des Tunnelgeflechts abschätzen: »Wenn das Grab von Tutanchamun die Größe einer Streichholzschachtel hätte«, erläutert Weeks, »wären die _(* Oben: mit der Inschrift ) _("Amunherchopeschef«, dem Namen des ) _(ältesten Sohnes von Ramses II.; Mitte: ) _(aufgefunden 1881 in einer Gruft, in die ) _(sie zum Schutz vor Grabräubern verlegt ) _(worden war. ) meisten Königsgräber so groß wie ein Telefonbuch.« Die jetzt entdeckten Katakomben aber wären »so groß wie ein Kaffeetisch«.

67 Räume hat Weeks bereits freigelegt, »doch es könnten mehr als 100 sein«, vermutet er, denn Treppen und abschüssige Korridore deuten auf weitere, tiefer gelegene Grabanlagen hin.

Zwar haben Räuber das Grab geplündert; auch Sarkophage und Mumien sind verschwunden. Trotzdem ist der Boden noch übersät mit Tonscherben, Bruchstücken von Statuen und Sarkophagen, Teilen von Holzmöbeln, Mumienresten und Knochen von Opfertieren. Eine am Kopf der Galerie thronende Statue stellt Osiris dar, den ägyptischen Gott der Unterwelt.

Die Ausgrabungen an der neuen Fundstätte und die Entzifferung der Inschriften werden noch Jahre dauern. Doch schon jetzt ist es Weeks gelungen, in den Kalkstein-Hieroglyphen die Namen von vier Ramses-Söhnen zu entziffern. Er ist davon überzeugt, daß in dem Grab auch viele der anderen 52 namentlich bekannten Ramses-Söhne beerdigt sind: vermutlich also das erste Königsfamilien-Mausoleum Ägyptens.

Wenn diese Theorie zutrifft, wären hier die Sprößlinge im Tod vereinigt, die zu Lebzeiten unter dem übermächtigen, herrschsüchtigen und zählebigen Vater litten und sich nach seinem Tod über sein Erbe zerstritten.

Als bau- und kriegswütiger König ließ sich Ramses verehren. Schon von seinem Vater Sethos hieß es, er beginne »mit Vorliebe selber die Schlacht, und beim Anblick von Blut schlägt sein Herz höher«. Ramses seinerseits ließ keine Gelegenheit aus, seine kriegerischen Heldentaten in allen blutigen Einzelheiten zu schildern.

So erzählen die Steintafeln der Ramses-Tempel, wie der junge Prinz schon als 14jähriger in den Libyschen Krieg zog, wie er Aufständische in Nubien niederrang und Piraten im Mittelmeer vertrieb. Vor allem aber ließ sich der Pharao als Held von Kadesch feiern, wo er dem Überfall der Hethiter standhielt, der einzigen Großmacht, die den Ägyptern ebenbürtig war.

Der kriegslüsterne Pharao ging gleichwohl als Friedensherrscher in die Geschichte ein. Denn nachdem er der immer wieder aufflackernden Grenzscharmützel mit den Hethitern überdrüssig war, schloß er den ersten überlieferten Friedensvertrag der Menschheitsgeschichte: Mit einer Allianz der Großmächte läutete er eine 50 Jahre währende Zeit des Friedens ein, die zur letzten großen Blütezeit des Ägypterreichs werden sollte.

Ramses konnte sich nun seiner zweiten großen Leidenschaft zuwenden: dem Bauen. Der Nil, auf dem sich heute die Touristen in Feluken von Assuan nach Luxor wiegen lassen, war damals Haupttransportweg der florierenden Bauindustrie. Täglich bis zu 64 Blöcke wurden von den königseigenen Steinbrüchen in Assuan Richtung Norden verfrachtet.

Ob im Tempelbezirk oder der Nekropole von Theben, in Abydos oder Achmim: der Nil ist gesäumt von den monumentalen Gott-Statuen, die Ramses überall vor den vielen neuen Tempelbauten errichten ließ. Besonders berühmt sind die vier 20 Meter hohen Statuen des sitzenden Pharaos, die vor dem Tempel von Abu Simbel den Nubiern im Süden die Macht des Großen Ramses demonstrierten.

Das größte und vermutlich schönste seiner Monumente jedoch hat nur in Gestalt weniger Ruinen überlebt: Ramses ließ die Stadt seiner Vorfahren im östlichen Nildelta zur Residenz ausbauen - Pi-Ramesse a Aanachtu, die Ramsesstadt.

Zeitgenossen schwärmten von »leuchtenden Gemächern aus Lapislazuli und Malachit«, von »Teichen voller Fische« und von den tagelangen Gelagen in den mit azurblauen Fayencefliesen geschmückten Palästen, wo süßer Wein floß, »der den Honig übertrifft«.

Von der Entschlüsselung der Hieroglyphen in der jetzt entdeckten Familiengruft erhoffen sich die Forscher vor allem Aufschlüsse über das Familienleben des großen Machthabers, das noch weitgehend im dunkeln liegt. Sicher ist nur, daß Ramses trotz seiner königlichen Verpflichtungen auch Zeit für seine Frauen gefunden haben muß. Ramses hatte mindestens sechs Hauptfrauen, zudem Dutzende von Gemahlinnen und Nebenfrauen, mit denen er etwa 100 Kinder zeugte.

Schon dem Teenager Ramses schenkte sein Vater Sethos, offenbar zur offiziellen Kür als Prinzregent, den ersten Harem. Dankbar erinnerte sich Ramses später: »Er besorgte mir einen königlichen Harem der Schönheiten, vergleichbar mit denen seines Palastes.«

Die Wahl des Vaters war gut. Denn offenbar war unter diesen ersten Bettgenossinnen auch die einzige, die der Sohn wirklich geliebt zu haben scheint: Etwa 25 Jahre lang blieb Nefertari, »die Besitzerin von Charme, Freundlichkeit und Liebe«, wie Ramses schwärmte, seine enge Vertraute. Sie begleitete ihn auf den religiösen Prozessionen durchs Land und stand ihm bei der Leitung der Staatsgeschäfte zur Seite.

Sie war es auch, die ihm den ersten Sohn Amunherchopeschef gebar, den der kriegerische Heißsporn schon als Fünfjährigen mit auf seine Feldzüge nahm.

Dennoch mußte sich Nefertari ihren Mann mit Rivalinnen teilen, die dem Herrscher nicht selten als diplomatische Gunstbeweise vermacht wurden. Ausführlich berichtet ein Briefwechsel von der Karawane, die im Jahre 1257 vor Christus aus dem inzwischen verbündeten Hethiter-Reich kam: Bepackt mit einer Mitgift aus Edelsteinen, Gold, Silber und erlesenen Stoffen, _(* Mit dem Eingang zur Grabkammer ) _(Tutanchamuns (vorn). ) begleitet von Pferden, ganzen Schaf- und Rinderherden sowie einer Truppe ausgesuchter Sklaven, reiste die Prinzessin Maat-Hor-Neferure als Ramses-Gemahlin nach Ägypten; wenig später versauerte sie im abgelegenen Harem Mi-Wer.

Daneben teilte der zeugungsfreudige Ramses auch mit seinen engsten Verwandten das Ehebett. Mindestens eine seiner Schwestern und drei eigene Töchter waren mit ihm vermählt. Seine Tochter Meritamun trat wahrscheinlich nach dem Tod ihrer Mutter Nefertari an deren Stelle als »Große Königin«.

In den Harems begann für die zahllosen möglichen Thronerben die lange Zeit des Wartens. Zwar waren Ramses'' arthritische Wirbel zu einem Buckel verwachsen, und die stark verkalkten Arterien auf den Röntgenbildern der Mumie lassen erahnen, daß der greise Pharao langsam verblödete. Auch das Fehlen von Dokumenten aus dem Ende seiner Regierungszeit deutet darauf hin, daß er lange vor seinem Tod die politische Bühne verlassen hatte. Doch sterben wollte er nicht.

Er war vermutlich schon über 90 Jahre alt, als er in seinem 67. Regierungsjahr starb. Seine zwölf Erstgeborenen hatte er überlebt. Erst sein 13. Sohn, Merenptah, wurde, selbst bereits 60, als ältester noch nicht gestorbener Ramses-Sohn sein Nachfolger. Als neuer Pharao leitete Merenptah die Prozession, die seinen Vater Ramses in das seit vielen Jahren für ihn bereitstehende Grab im Tal der Könige begleitete.

Dort hatte die Langlebigkeit des Ramses zu einer Krise geführt. Weil die Nachfrage nach Pharaonengräbern stagnierte, mußten hochqualifizierte Kunsthandwerker, die hier die ehrenhafte Aufgabe hatten, Grabschächte für verstorbene Regenten in den Fels zu schlagen, auf Kurzarbeit gesetzt werden. Im 40. Jahr der Ramses-Regentschaft hatten einige der Arbeiter nur noch an jedem vierten Tag im Berg zu tun.

So mag es ein Zeichen geschickter antiker ABM-Politik gewesen sein, daß sich Ramses entschied, mit den Traditionen des Reiches zu brechen und auch seinen Söhnen einen Platz unter den Pharaonen zu schaffen. Zugleich entschädigte er sie so für ihr langes Warten im Diesseits mit der ewigen Vergöttlichung im Jenseits. Y

[Grafiktext]

Pharaonengräber des Neuen Reichs im Tal d. Könige

[GrafiktextEnde]

* Oben: mit der Inschrift »Amunherchopeschef«, dem Namen desältesten Sohnes von Ramses II.; Mitte: aufgefunden 1881 in einerGruft, in die sie zum Schutz vor Grabräubern verlegt worden war.* Mit dem Eingang zur Grabkammer Tutanchamuns (vorn).

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