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»Das Kind hört zu«

aus DER SPIEGEL 43/1992

Saling, 67, ist einer der Begründer der Perinatologie, der Lehre von den medizinischen Problemen in den Wochen vor und nach der Geburt. Der Berliner Geburtshelfer gilt bei seinen Kollegen als »Entdecker des Ungeborenen im Mutterleib«. Weltweit ist er einer der bekanntesten deutschen Ärzte, vor allem wegen seiner wegweisenden Methoden und Konstruktionen. Die berühmteste ist die Mikroblutuntersuchung beim ungeborenen Kind.

SPIEGEL: Herrscht unter Ihren Kollegen Einmütigkeit bei der Beurteilung des Erlanger Falls?

SALING: Das glaube ich nicht. Es ist schwierig, die Situation zu beurteilen. Vor allem deshalb, weil das Kind ja erst in der 14. Lebenswoche ist und deshalb mindestens weitere 18 Wochen im Uterus heranwachsen muß, bevor man es durch einen Kaiserschnitt entbinden kann.

SPIEGEL: Wird das Kind sich normal entwickeln können? Ist das wahrscheinlich?

SALING: Ja, wenn es gelingt, den mütterlichen Kreislauf ungestört in Funktion zu lassen. Dann bleibt die Durchblutung der Gebärmutter erhalten. Das andere Problem ist die Ernährung. Es gibt meines Wissens bisher keinen Fall, wo man eine werdende Mutter und damit ihr Kind so lange Zeit nur durch intravenöse Ernährung, durch Infusionen, versorgt hat. Die Tote kann ja nicht mehr normal essen und schlucken.

SPIEGEL: Wie steht es mit den ärztlichen Möglichkeiten, sich ein zutreffendes Bild vom Gesundheitszustand des Babys und von seinem Wachstum zu machen?

SALING: In vier Wochen wird man die Nabelschnur des Babys punktieren und dann aus dem Blut Analysen machen können, die Aufschluß darüber geben, wie es dem Kind geht. Im Augenblick ist es dafür noch zu früh. Die jetzt mögliche Diagnostik ist also eher grob orientierend.

SPIEGEL: Muß man im Verlauf dieser Schwangerschaft mit Komplikationen rechnen?

SALING: Die Intensivmedizin wird, denke ich, die Probleme Ernährung, Kreislauf und Atmung in den Griff bekommen. Wenn das gelingt, sind keine besonderen Komplikationen zu erwarten.

SPIEGEL: Auch nicht durch Medikamente? Etwa dann, wenn man der Mutter gegen eine Lungenentzündung keimtötende Arzneimittel geben muß?

SALING: Man darf dann eben keine Antibiotika geben, die für den Fötus schädlich sind.

SPIEGEL: Sie haben ja mehrfach ungeborene Kinder mit Hilfe einer künstlichen Nabelschnur aufgepäppelt. Wird man das in diesem Fall auch tun müssen?

SALING: Diese Kinder waren damals unzureichend durch die Mutter versorgt. Das ist hier voraussichtlich anders. Man wird alle Nährstoffe, Mineralien und Vitamine der Mutter durch die Infusion zuführen, und die wird es dann über die Plazenta, den Mutterkuchen, dem wachsenden Kind zukommen lassen. Eine zusätzliche, künstliche Nabelschnur ist im Moment nur Spekulation, nur Theorie.

SPIEGEL: Welche Größe und welches Gewicht hätte das Kind in der 32. bis 34. Woche?

SALING: Das wird dann 1500 bis über 2000 Gramm wiegen. Vor der Entbindung durch Kaiserschnitt müßte man die Lungenreife durch eine Fruchtwasseruntersuchung überprüfen und diese eventuell stimulieren.

SPIEGEL: Wie könnte man das machen?

SALING: Man würde der Mutter Präparate der Nebenniere, Kortisone also, geben. Die würden von der Mutter auf das Kind übergehen und die Lungenreifung bewirken.

SPIEGEL: Kann man irgend etwas Verläßliches zu der seelischen Situation des heranreifenden Kindes sagen? Hört es Geräusche? Kommuniziert es mit seiner toten Mutter?

SALING: Ich habe das Geräuschmilieu in der Gebärmutter mehrfach mit einem Mikrofon aufgenommen. Die Hauptgeräusche sind der Herzschlag der Mutter, das Geräusch der Hauptschlagader, wir nennen es Aortengeräusch, und die Darmgeräusche der Mutter. Das Kind hört von der 26. Schwangerschaftswoche an. Wenn die Mutter gehirntot ist, Herz und Kreislauf aber noch funktionieren, dann hört das Kind ja die üblichen und vertrauten Geräusche. Vielleicht mit Ausnahme der Darmgeräusche.

SPIEGEL: Wie ist es mit der Stimme der Mutter?

SALING: Die hört das Kind normalerweise. In diesem Fall entfällt sie. Wenn aber Familienangehörige, besonders die, welche das Kind später aufziehen wollen, sich am Bett unterhalten würden, dann hört das Kind das. Sie sollten also anwesend sein und sprechen.

SPIEGEL: Hört das Kind eigentlich auch die mechanischen Geräusche der künstlichen Beatmung, mit der die Lungenfunktion seiner toten Mutter aufrechterhalten wird?

SALING: Ja, aber sicher. Ob das aber zwingend negative Einflüsse sind, das kann man einfach nicht sagen.

SPIEGEL: Über eventuelle seelische Schäden des Kindes kann man nur spekulieren?

SALING: Das ist reine Spekulation. Ob beim Fötus oder beim Erwachsenen - die Psyche hat ziemlich weite Räume der Anpassung. Man sollte nicht zu negativ spekulieren.

SPIEGEL: In der öffentlichen Diskussion gibt es zahlreiche Stimmen, die sagen: Die Mutter ist tot, also soll das Kind mit sterben.

SALING: Diese Ansicht teile ich nicht. Immer wieder kommen Kinder auf die Welt, deren Mütter während der Schwangerschaft oder unter der Geburt sterben. Diese Kinder entwickeln sich später trotzdem ganz normal, wenn sie nach der Geburt die richtige Fürsorge bekommen.

SPIEGEL: Wie beurteilen Sie die ethisch-moralische Seite? Die Mutter ist offiziell für tot erklärt. Eine Leiche ist keine Sache, die man erben kann, sie ist dem Rechtsverkehr aus Pietät entzogen. Der Vater des Kindes gilt, weil er mit der Verunglückten nicht verheiratet war, rechtlich nur als der Erzeuger des Kindes, der nicht gefragt wird. Wer soll entscheiden? Die Eltern der Toten? Die Ärzte?

SALING: Das ist ein Fall, der erstmalig auf uns zukommt. Ich meine, das Vernünftigste wäre, eine Kommission zu bilden - vielleicht ein Jurist, ein Theologe, der Arzt, dazu ein Schöffe, die eine Empfehlung geben. Unsere ärztliche Aufgabe ist es grundsätzlich, Leben zu erhalten. Auch in diesem Fall.

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