Zur Ausgabe
Artikel 28 / 46
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ENTDECKUNGEN Das Schiff der Verdammten

aus DER SPIEGEL 48/1952

An einem Abend der dritten Novemberwoche enthüllte in dem kleinen fränkischen Solbad Windsheim der Bürgermeister Schmotzer, von Fackeln umlodert, eine bronzene Gedenktafel zu Ehren des Windsheimer Bürgers Georg Wilhelm Steller. Daß Georg Wilhelm Steller nun plötzlich - zweihundertsechs Jahre nach seinem Tode in einem sibirischen Steppennest - als Naturforscher vom Format des großen Alexander von Humboldt erkannt und gefeiert wurde, ist einem kürzlich erschienenen Abenteuer-Roman mit dem reißerischen Titel »Das Schiff der Verdammten"*) zuzuschreiben.

»Also einmal etwas Praktisches«, sagt Autor Herbert Wendt, »das bei der Literatur herauskam. Kann nicht jeder Autor von seinen Büchern behaupten.« Herbert Wendt, 38, Verfasser von Romanen, Tier- und Kinderbüchern, hatte vor drei Jahren das Manuskript zu einem Roman über das Schicksal einer in die Arktis verschlagenen Intelligenzlergruppe in der Schreibmaschine. Thema: Moralischer Zerfall in der Primitivität. Eigene arktische Erlebnisse als Marinesoldat während des Krieges sollten sich darin niederschlagen.

Aber dann fiel ihm ein Exemplar der amerikanischen »Saturday Evening Post« mit einem Artikel über das letzte Schutzgebiet der Meerottern auf den Aléuten in die Hände. In diesem Bericht wurde auch die letzte Reise des dänischen Entdeckers Vitus Bering kurz gestreift. Wendt: »Das Bering-Thema zündete sofort bei mir, denn es war ja im Grunde der gleiche Stoff unter ähnlichen Verhältnissen.«

So übernahm es Schriftsteller Wendt, die von den Historikern fast vergessene »dritte Entdeckung Amerikas« (nach der ersten durch die Wikinger und der zweiten durch Kolumbus) in einen spannenden Roman umzuarbeiten. Er wollte sich streng an die historischen Tatsachen halten. Nach zweieinhalbjährigem intensivem Quellenstudium

*) Herbert Wendt: »Das Schiff der Verdammten«, G. Grote''sche Verlagsbuchhandlung, Hamm (Westfalen), 320 Seiten, 14 DM. rekonstruierte er ein bis heute im Zwielicht gebliebenes Kapitel abenteuerlicher Entdecker-Geschichte.

Dieses Kapitel ist insofern interessant, als ein Befehl der Zarin Elisabeth die Historiker vor 200 Jahren zu einer Geschichtsfälschung zwang, die bis in die neueste Zeit akzeptiert wurde, und diese dritte Entdeckung Amerikas nicht dem Dänen Vitus Bering, sondern dem Russen Tschirikow zuschrieb.

Folgendes spielte sich ab: Zar Peter der Große hatte in seinem Testament den Befehl gegeben, »zum Ruhme Rußlands« zu erforschen, was hinter der Ostküste Sibiriens liege und wo Rußland und Amerika zusammenstoßen. Phantasiebegabte Kartographen hatten damals in den nördlichen Teil des Stillen Ozeans den sagenhaften Kontinent Gamaland verlegt, das pazifische Gegenstück zum Erdteil Atlantis.

Vitus Bering, der dänische Seefahrer in russischen Diensten, sollte als eine Art maritimer Testamentsvollstrecker von der sibirischen Halbinsel Kamtschatka aus lossegeln, den neuen Kontinent Gamaland zu entdecken.

Die Landkarten jener Zeit zeigten zwischen Kamtschatka und Kalifornien einen großen weißen Fleck. Bering war von der Existenz des sagenhaften Gamalandes weniger überzeugt als die Gelehrten in St. Petersburg und glaubte eher, daß er auf seiner Fahrt nach Osten irgendwann die Küste des noch unbekannten Teiles von Amerika erreichen würde.

Der dänische Seefahrer hatte schon auf seiner ersten Entdeckungsreise (1728) hinter dem östlichsten Zipfel Sibiriens eine Wasserstraße (heute: Bering-Straße) entdeckt, damals aber nicht genügend Zeit gehabt, an Land zu gehen. Er hatte tatsächlich - wie sich später herausstellte - die Westküste Alaskas gesehen.

Am 4. Juni 1741 verließen zwei Briggs den Hafen von Petropawlowsk auf Kamtschatka. Die Brigg »St. Peter« befehligte Bering selbst. Als Wundarzt und Naturwissenschaftler war Georg Wilhelm Steller an Bord, eben jener Steller, der jetzt in Windsheim als großer Natur-Erforscher gefeiert wurde.

Die zweite Brigg der Expedition, die »St. Paul«, kommandierte der russische Kapitän Tschirikow. Die tausend Teilnehmer der »ersten großen wissenschaftlichen

Expedition waren nun dazu verdammt, ein kühnes und erbärmliches, triumphales und tödliches Abenteuer zu bestehen«.

Am 8. Oktober des gleichen Jahres kehrte Tschirikows »St. Paul« allein zurück. Sie hatte die »St. Peter« bald nach dem Auslaufen im Nebel verloren, war dann bis zur amerikanischen Küste vorgestoßen und hatte die Westküste Kanadas entdeckt. Von Vitus Bering jedoch fehlte jede Spur.

Als im Frühling des nächsten Jahres verwilderte Gestalten im Hafen von Petropawlowsk aus einer winzigen Schaluppe kletterten und sich als Überlebende der »Entsetzensfahrt« der »St. Peter« auswiesen, waren sie schon lange für tot erklärt.

Vitus Bering war nicht unter ihnen: Er, der »Entdecker der Nordost-Passage, der Erforscher Sibiriens und Kamtschatkas, der Leiter der großen Nordischen Expedition, die ein Sechstel der Erde durchstreifte, die die Tundren, Taigen und Ströme, das Eismeer und den Pazifik erkundet hatte«, Vitus Bering war auf einer unbekannten Insel vor Kamtschatka gestorben, wo seine Brigg »St. Peter« gestrandet war.

Autor Wendt läßt in seinem Buch den Stellvertreter des Gouverneurs von Kamtschatka, Tschuprow, den überlebenden Expeditions-Teilnehmer Steller aufklären:

»Eine neue Zarin, Kamerad. Sei still. Was war, das ist nicht mehr. Die euch einst ausgesandt haben, werden jetzt gerädert, gehenkt, verbannt. Schweigt ... Wir müssen auch schweigen.«

Mit der Krönung der Zarin Elisabeth, der Tochter Peters des Großen, hatten der russische Chauvinismus und der traditionelle Fremdenhaß neue Auftriebe bekommen. Petersburg hatte kein Interesse daran, öffentlich bekanntzugeben, was ein Vergleich der Logbücher der »St. Paul« und der »St. Peter« ergeben hatte: Daß der Däne Bering vor dem Russen Tschirikow die amerikanische Küste erreicht hatte, daß also der Russe Tschirikow zu Unrecht als Entdecker der kanadischen Westküste gefeiert wurde.

So blieben Stellers Forschungsergebnisse lange Zeit unbekannt. Ein »Ring des Schweigens« war eng um die Überlebenden gezogen. Steller selbst gelang es nicht, wieder nach Europa zurückzukehren. Am 12. November 1746 krepierte er auf der Flucht vor einem Verhaftungsbefehl der Zarin Elisabeth wie ein Steppenwolf in dem sibirischen Nest Tjumen.

Als Jahrzehnte später seine Manuskripte für die Wissenschaft gerettet wurden, blieb Steller vergessen. In den Augen der modernen Historiker ist er »was wir heute einen Intellektuellen nennen würden«, sehr intelligent, sehr jung, sehr unduldsam, rechthaberisch und temperamentvoll.

Autor Wendt versucht nun, für diesen »tollen und großartigen Mann« Verständnis zu wecken. Steller war der Sohn des Kantors in Windsheim und erwies sich schon auf der Lateinschule seines Heimatortes als Frühbegabung. Mit 20 Jahren wurde er Dozent für Botanik an der Universität Halle. Was ihn dann nach Rußland lockte, damals dem »Land der unbegrenzten Möglichkeiten«, konnte Wendt nicht klären.

Ehe sich Steller 1741 an der Expedition Berings beteiligte, durchstreifte er vier Jahre lang Sibirien. Auf seine Sibirienforschung stützten sich alle späteren Nordasien-Reisenden. Sogar Brehm verwandte bei der ersten Fassung seines »Tierlebens« in den Berichten über die Tiere Sibiriens und der Bering-See nur Stellers Mitteilungen.

Mit der gleichen Exaktheit, mit der er seine Forschungen in Sibirien betrieben hatte, schrieb der Adjunkt Steller auf,

was er mit Vitus Bering auf der Reise nach Amerika*) sah und erlebte.

Obwohl weder Bering noch die übrigen Offiziere des Schiffes Verständnis für naturwissenschaftliche Forschungen hatten, setzte Steller es durch, daß er als erster an der amerikanischen Küste an Land gehen und Kräuter sammeln durfte. Bering ließ ihm nur sechs Stunden Frist, weil er unter dem günstigen Wind sofort wieder zurücksegeln wollte. Aber in diesen sechs Stunden entdeckte Steller 150 neue Pflanzen.

Als die »St. Peter« im November, nachdem sie sich die Alëutenkette entlanggetastet hatte, auf der späteren Bering-Insel vor Kamtschatka strandete, mußten die Schiffbrüchigen sich den Winter über mit Massen von Robben, Seeottern, Eisfüchsen, Seekühen und Seebären herumschlagen. Selbst als Gestrandeter machte Steller sich wissenschaftlich exakte Notizen über Tierarten, die bald darauf völlig ausgerottet waren.

Die Bedeutung der Forschungs-Ergebnisse, die Georg Wilhelm Steller als erster dem »Rücken der Welt« unter ständiger Lebensgefahr abgerungen hatte, wurde von seinen barocken Zeitgenossen nicht erkannt. Von den Tieren interessierten damals nur die Pelze: Russische Handelsgesellschaften schickten Scharen von Pelztierjägern nach dem Osten. 7,2 Millionen Dollar war den Russen das von den Tieren entblößte Alaska noch wert, als sie es 1867 an die USA verkauften.

Die Historiker hatten wenig Erfolg, als sie Steller populär machen wollten. Nicht einmal die geschichtsbewußten Amerikaner, die sonst ihre paar Jahrhunderte eigenständiger Geschichte wie Topfblumen pflegen, nahmen Notiz, als ihr Professor Stejneger vom Smithonian-Institut in Washington 1930 die erste Steller-Biographie schrieb und die dritte Entdeckung Amerikas in den Mittelpunkt rückte.

Roman-Autor Wendt scheint mit seinem Unternehmen mehr Glück zu haben. Der Grote Verlag mußte schon nach wenigen Monaten eine zweite Auflage seines Romans herausbringen.

*) Die Titel der von Steller nachgelassenen Bücher lauten: »De bestiis marinis« (Von den Tieren des Meeres), »Beschreibung von dem Lande Kamtschatka« und »Reisen von Kamtschatka nach Amerika«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 28 / 46
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.