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RASSE-GÜNTHER Das Wort »nordisch«

aus DER SPIEGEL 1/1952

Der von den Nationalsozialisten als Rassepapst gefeierte Forscher Professor Dr. Hans F. K. Günther, der nach dreijähriger Internierung und Einstufung als Minderbelasteter im Oktober zum Mitläufer befördert wurde, sieht ein neues Entnazifizierungsverfahren vor öffentlichem Forum heraufdämmern: Die Neuauflage seiner beiden Bücher »Formen und Urgeschichte der Ehe« und »Gattenwahl"*) haben ein ungewöhnlich scharfes Echo gegen den teutsch-völkischen Gelehrten ausgelöst. Seine Gegner haben es ihm nicht vergessen, daß er die Grundlagen zu Hitlers Rassentheorien geschaffen hat.

Professor Günther ist in einer ähnlichen Lage wie Veit Harlan vor der Uraufführung seines Films »Unsterbliche Geliebte«. Das Recht, schriftstellerisch tätig zu sein, das ihm der Entnazifizierungsrichter am 18. August 1949 ausdrücklich zuerkannte, hat ihm jetzt Jürgen Eggebrecht im NWDR abgesprochen: »Demokratie hat dort eine Grenze, wo sie durch Mißbrauch in ihrem Bestande bedroht wird. Hier haben wir diesen Fall.«

Eggebrecht ruft höchste Stellen an: »Hoher Bundestag! Verehrter Herr Justizminister! Was gedenken Sie zu tun? Gibt es keine Mittel, eine derartige Veröffentlichung unmöglich zu machen? Keine Gesetze dagegen?«

Was in den beiden »derartigen Veröffentlichungen« zu lesen steht, hat mit Politik oder gar Gefährdung der Demokratie

*) Hans F. K. Günther: »Formen und Urgeschichte der Ehe«, »Musterschmidt« Wissenschaftlicher Verlag, Göttingen, dritte Auflage, 270 Seiten, 16,80 DM. »Gattenwahl«, J. F. Lehmanns Verlag, München, 176 Seiten, 12 DM. wenig zu tun. Es sind wissenschaftliche und schwer lesbare Begründungen für die Richtigkeit der Einehe und Ratschläge, sich mit einem gesunden und lebenstüchtigen Partner zu verheiraten.

Günther beleuchtet alle Formen der Ehe und kommt zu Schlüssen, die sich mit strenger Sittlichkeit vereinbaren lassen und keineswegs aufregend sind: »Die Promiskuität (ständiger Wechsel des Partners), die Gruppenehe und die Mehrehe sind gegenüber urtümlichen Lebensverhältnissen mehr oder weniger erhaltungswidrig, die Einehe hingegen erhaltungsförderlich.« Seine These: Die Einehe sei die Urform geschlechtlicher Gemeinschaft; sie habe sich nicht erst mit steigendem Kulturniveau entwickelt.

Ob das stimmt oder nicht, ist im Grunde eine rein wissenschaftliche Streitfrage. Sie wird erst pikant und delikat, weil Günther seine Lehre über die Rassen auf dieser Theorie von der »Ehe und Familie als Keimzelle des Volkes« aufgebaut hat. Einer seiner Ratschläge weckt Erinnerungen an die Ehetauglichkeitszeugnisse der NS-Zeit: »Heiraten oder schon Verlobungen sollten erst beschlossen werden, nachdem die beiden Heiratswilligen Zeugnisse über ihre Gesundheit und nach Möglichkeit auch über die erbliche Beschaffenheit ihrer Sippe ausgetauscht haben.«

Aerzte empfehlen solche Untersuchungen vor der Ehe seit mehr als fünfzig Jahren, nämlich seit erwiesen ist, daß sich bestimmte Erbanlagen in beiden Familien - Zuckerkrankheit, Tuberkulose, Basedow, Rheuma, Geisteskrankheiten - summieren und mit großer Wahrscheinlichkeit die Kinder mit starken Anlagen zu diesen Krankheiten vorbelasten.

Günther will auf dem Weg über die Gattenwahl nach Gesichtspunkten der Erbgesundheit zu einer »Hinaufzüchtung« der Menschheit kommen. Aber er beurteilt den Wert einer Ehe nicht nur nach erbtheoretischen Gesichtspunkten: »Jede Heirat sollte eine Vernunftheirat sein. Hingegen sollten Liebesheirat einerseits und Vernunftheirat andererseits nicht als Gegensätze angesehen werden, die einander ausschließen.«

Von dem Wert einer »Erbgesundheitsgesetzgebung« ist Günther wenig überzeugt: »Gesetze der Erbpflege können in denjenigen Staaten, die solche eingeführt haben, zwar zur Ausmerze minderwertiger Anlagen beitragen; eine eigentliche Hebung der Erbtüchtigkeit dieser Völker werden sie nur in beschränktem Ausmaße einleiten können. Man kann Menschen verbieten, Erbuntüchtige zu heiraten, man kann es ihnen aber nicht gebieten, sich, wie es Nietzsche ausgedrückt hat, ''hinaufzupflanzen''.«

Den Inhalt der beiden Bücher hätten die Kritiker vermutlich gar nicht beachtet,

wenn nicht der Name des Verfassers Aufsehen erregt hätte.

»Die Rassentheoretiker haben nun wieder das Wort«, stellt »Flensborg Avis« fest. Und Eggebrecht ärgert sich über »diese geschickte Verpackung, diese scheinbare Harmlosigkeit des alterprobten Rassepapstes ... Ein brauner Germane im flotten Nylonmantel, sozusagen ...«

Behende Kritiker behaupten, Hans F. K. Günther habe die Kristallnacht seelisch vorbereitet und gewissermaßen die Krematorien von Auschwitz vorgeheizt. Er sei ein fanatischer Judenhasser und gehöre zu der Sorte Schriftsteller, die durch viele Fußnoten in ihren Arbeiten den Anschein der Wissenschaftlichkeit erwecken wollten.

Günthers Rassenlehre ist ein überschwenglicher Lobgesang auf das Germanentum: Die nordische Rasse zeichne sich durch Intelligenz, Mut und die Qualifikationen zur Menschenführung besonders aus. Sie dränge sich in allen Kulturvölkern in den Vordergrund und überflügele die fälische, die westische, die dinarische, die ostische und ostbaltische Rasse.

Günther behauptet, schon die führenden Schichten der Kelten, der Inder, der Perser,

der Aegypter, vor allem aber der Griechen und Römer hätten der nordischen Rasse angehört.

Der Pariser Sorbonne-Professor Edmond Vermeil nennt Günthers Lehren eine »unharmonische Kinderei«, aber er läßt sie als wissehschaftliche Theorie gelten. Verhängnisvoll war, daß diese »Kinderei« von den NS-Machthabern frei nach Günther in allzu blutigen Ernst verwandelt wurde.

Günther: »Etwa 50 Prozent des deutschen Volkes gehören der nordischen Rasse an.« Hitler übersah diese 50-Prozent-Klausel und beschlagnahmte den Begriff nordisch für das »edle Deutsche«. Daraus ließ sich ableiten: »Unsere Vorväter waren die Lehrmeister der Griechen und Römer.« Ferner der deutsche Machtanspruch während des Krieges: »Das nordische Volk der Deutschen ist zur Vorherrschaft berufen.« (Der kleine schwarzhaarige Goebbels soll jedoch jedesmal einen Tobsuchtsanfall bekommen haben, sobald er das Wort »nordisch« hörte.)

Die Behauptungen, Günther sei ein Rassenhetzer und kein echter Wissenschaftler, die jetzt wieder von den Kritikern vorgetragen wurden, werden von einigen deutschen und ausländischen Gelehrten bestritten. Als der erste NS-Minister, Dr. Wilhelm Frick (damals Innen- und Kultusminister von Thüringen), dem Professor Günther 1930 einen Lehrstuhl an der Landesuniversität Jena einrichtete, sei Günther bereits ein in internationalen Fachkreisen anerkannter Wissenschaftler gewesen.

Die Freiburger Spruchkammer hat versucht, die menschlichen Züge des Forschers Günther in wenigen Strichen zu zeichnen. Sie ist der Ansicht, »daß er ein weltfremder und reiner Theoretiker ist... Eine politische Tätigkeit entfaltete er nicht.«

Allerdings ergab sich aus Günthers Rassedenken, daß Mischehen zwischen Ariern und Juden »rassezerstörend« wirkten. Daraus entstand nach 1933 der Begriff der »Rassenschande«. Die Freiburger Spruchkammer hat nun Günthers Schriften, vor allem seine »Rassenkunde des jüdischen Volkes«, sorgfältig auf »rassenhetzerische Bemerkungen« durchgesehen. Das Ergebnis: »Es ist festgestellt, ... daß er nirgends in eine antisemitische Hetze verfällt, sondern sich in den Grenzen hält, die auch von den Gelehrten dieses Zweiges der modernen Wissenschaft in anderen Staaten eingehalten werden.«

Das »Israelitische Familienblatt in der Schweiz« bescheinigte Günther jedenfalls, das Buch »Rassenkunde des jüdischen Volkes« sei »zwar nicht mit Liebe zum jüdischen Volke, wohl aber mit dem Willen zur Gerechtigkeit geschrieben worden.«

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