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VULKANE Deckel unter Druck

Der Mount St. Helens, noch immer brodelnder Vulkan im Westen der USA, wurde zur Attraktion für Forscher und Touristen. Geologen befürchten neue Eruptionen.
aus DER SPIEGEL 40/1980

Loo Wit, zahnlose alte Frau -- diesen Namen hatten die Yakima-Indianer dem Berg gegeben, der zwischen den feindlichen Brüdern Wyeast und Pahto stand. Die beiden, so die Indianer-Legende, bewarfen sich mit heißen Steinen, von denen viele auf Loo Wit herunterprasselten.

Loo Wit stöhnte, und der große Geist erhörte sie. Er gab der zahnlosen Alten das Aussehen einer schönen Jungfrau; doch ihren Zorn, wie es scheint, hat er damit nicht besänftigt.

Seit vier Monaten ist der Mount St. Helens, wie die Weißen den Berg im amerikanischen Bundesstaat Washington genannt haben, wieder in seinem Urzustand. Grau und unheilvoll steht der Vulkan seit dem gewaltigen Ausbruch vom 18. Mai dieses Jahres da. Eine Wolke aus Schwefel- und Kohlendioxid-Gasen hängt über dem Berg. Und in seinem Innern grummelt und blubbert es noch immer.

Mit der 500fachen Gewalt der Hiroschima-Bombe hatte der Mount St. Helens an jenem Mai-Sonntag ein Siebtel seiner Gesamthöhe weggesprengt.

Die Schockwelle der Explosion hatte Fichten und Tannen in einem Areal von knapp 400 Quadratkilometern umgeknickt. Mehr als 60 Menschen kamen ums Leben. Sie wurden von umstürzenden Bäumen erschlagen, erstickten unter der Vulkanasche oder fanden nicht mehr den Weg aus dem Katastrophengebiet. S.254 Anderthalb Millionen Landtiere und Vögel verendeten.

Doch der Schock der »verheerendsten natürlichen Explosion in den Vereinigten Staaten« (US-Präsident Jimmy Carter) hielt keinen Sommer lang, sondern wurde zum Spektakel. Bis zu 5000 Touristen pro Tag zählten die Ranger an den Barrikaden, die eine Weiterfahrt zum Mount St. Helens sperren.

Drei Standardfragen wurden den Wild- und Waldhütern im verwüsteten Gifford Pinchot National Forest immer wieder gestellt. Wie nah können wir heranfahren? Etwa 22 Kilometer. Wo ist er? Meist verschleierten Nebel und Wolken den Blick auf den Vulkan. Und: Wann explodiert er wieder?

Weder die Ranger noch die gut zwei Dutzend Geologen, die sich mittlerweile am Mount St. Helens versammelt haben, wissen darauf eine Antwort.

Die Wissenschaftler, die sich in ihre Erkundungshubschrauber erst wagen, nachdem sie Wetterberichte und seismologische Instrumente doppelt und dreifach geprüft haben, begrüßen die Möglichkeit, den Krater als »Fenster zu nutzen, durch das wir in die Eingeweide der Erde gucken können«.

Doch die dem Erstausbruch folgenden kleineren Explosionen haben den Forschern Respekt eingeflößt. »Dies ist ein Ort, wo wirklich alles passieren kann«, sagt Norman Banks vom Geologischen Überwachungszentrum in Vancouver (US-Staat Washington). Immerhin hoffen Geologe Banks und seine Kollegen aus der Analyse von Beben, von Erdbewegungen im Vulkan und von ausströmenden Gasen Daten zu gewinnen, die sich zur Prognose von Vulkanausbrüchen eignen könnten.

Jeder Explosion sind bisher Erschütterungen in unterschiedlichen Tiefen des Berges vorangegangen. Wohl stimmten die Bebenmuster nie überein, doch die Forscher haben sich auf die Annahme geeinigt, daß »jede dieser irregulären seismischen Aktivitäten bedeutet: Es wird etwas passieren«, so Geologe Donald Peterson.

Weiteren Aufschluß gibt den Geologen das Verhältnis zwischen Schwefel- und Kohlendioxid-Gasen, die aus dem Krater aufsteigen. Mehr Kohlenstoff als Schwefel deutet offenbar darauf hin, daß Magma aus der Tiefe nach oben schmilzt -- ein neuer Vulkanauswurf wird dann wahrscheinlicher.

Diese Situation trat beispielsweise einige Stunden vor der Explosion am 7. August auf. Die Geologen gaben Alarm. 450 Waldarbeiter wurden innerhalb einer Stunde in Sicherheit gebracht. Ob jedoch die Beobachtung der Gaszusammensetzung allein eine verläßliche Prognose ermöglicht, vermögen die Forscher noch nicht zu sagen. Peterson: »Beim nächsten Mal könnten es andere Signale sein.«

Daß es ein »nächstes Mal« geben wird, scheint ausgemacht. Denn die Laboruntersuchung der aus dem Vulkan geschleuderten Steine ergab einen hohen Anteil von Siliziumdioxid, das die Lava besonders zähflüssig macht und Gase und Dämpfe bindet. Die heißen Gase können dann nicht druckausgleichend entweichen, sondern bauen ein Explosionspotential auf, bis sie sich, wie am 18. Mai, womöglich entladen.

Auf 2,7 Milliarden Dollar werden unterdes die Kosten der Aufräumungsarbeiten veranschlagt. Rund 200 Millionen Dollar kosten allein das Ausbaggern von Columbia, Toutle und Cowlitz River sowie das Ausheben von Drainage-Kanälen. Mit diesen Gräben hoffen die Pioniere der U.S. Army Überschwemmungen im kommenden Frühjahr verhindern zu können.

Viel hängt für die Gräben-Schaufler davon ab, ob der Vulkan ruhig bleibt. Bei ihren Erkundungsflügen haben die Geologen bemerkt, daß sich eine Kappe aus erkaltender Magma ausbildet. Nach gängiger Theorie signalisiert ein solcher Lavadom, daß ein Vulkan sein Explosionsstadium überwunden hat. Doch der Mount St. Helens hatte diese Lehrmeinung schon einmal erschüttert. Auch nach dem dritten Ausbruch vom 12. Juni hatte sich ein Deckel zu formen begonnen.

Sechs Wochen später flog er bei der vierten Eruption mit in die Luft.

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