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Der Autor im Elysium

Auf dem Weg zum computerisierten Schriftsteller / Von Cora Stephan Dr. Cora Stephan, 34, lebt als freie Autorin (jüngster Buchtitel: »Ganz entspannt im Supermarkt") in Frankfurt und benutzt selber die Computer, die sie im Folgenden beschreibt. *
Von Cora Stephan
aus DER SPIEGEL 29/1985

Die Seuche, die den Feuilletonredakteur zur Rede von »diesen unheilvollen Geräten« nötigt und dem Schriftsteller die alttestamentliche Formulierung vom »Teufelszeug« entfahren läßt, scheint nicht mehr aufzuhalten.

»Wie konnte ich bislang ohne leben?« fragte Dieter E. Zimmer in der »Zeit«. Und manch einer ist dazu schon seit einigen Jahren nicht mehr bereit, Umberto Eco beispielsweise, dessen Eloge auf seinen Personal Computer in der »taz« bei deren Lesern einen Entrüstungssturm entfachte. Droht mit der Einführung des Computers die endgültige Verrohung des Literaturbetriebes?

Wir haben es in der Bundesrepublik, was den Computer für jedermann/frau betrifft, mit einem sogenannten Akzeptanz-Problem zu tun. Viele Menschen reagieren auf ihn wie auf die Teflon-Pfanne: Da ihr Prinzip so etwas Hochtechnischem wie der Raumfahrt entstammt, vergißt manch einer, daß man in ihr auch Spiegeleier braten kann.

Ähnlich der Computer. Er soll als Feldherr im Krieg der Sterne taugen, man kann mit ihm die allerintimsten Daten speichern und sie zu finsteren Zwecken kompilieren. Doch die amerikanisch-pragmatische Variante - ihn einfach, sozusagen, zum Eierbraten zu benutzen - gilt hierzulande noch mindestens als bedenklich.

Jugendliche und die Generation unter 30 haben die geringsten Schwellenängste, das allgemeine Computer-Syndrom aufzuspalten und sich nur das zu nehmen, was ihnen in den Kram paßt. So finden die Journalisten der West-Berliner »taz« schon seit Jahren nichts dabei, ihre Texte in Kleincomputer zu tippen und sie über das Telephonnetz in den Computer der Redaktion einzuspeisen.

Computer ist eben nicht gleich Computer. Und eine seiner Funktionen, für die er ursprünglich keineswegs gedacht war, erweist sich mittlerweile, wie der amerikanische Autor Peter McWilliams euphorisch behauptet, als just die, für die er eigentlich hätte geschaffen werden müssen: die Textverarbeitung, im Fachjargon: das »Prozessieren« einer erheblichen Zeichenmenge.

Computer als Textverarbeitungssysteme genießen hierzulande einen besonders schlechten Ruf. Man denkt dabei an die »Umrüstung« der althergebrachten Schreibpools zu Stätten der »Bildschirmsklaverei« oder an die Wiederkehr der Heimarbeit für Mütter mit Kind. In den Redaktionsstuben der Tageszeitungen enthüllt der Übergang zum Computer, daß Lese- und Rechtschreibschwächen nicht nur der bildschirmgeprägten Jugend vorzuwerfen sind.

Textverarbeitung für freiberufliche Autorinnen und Autoren indessen hat, läßt man die auch von intelligenten Menschen immer wieder geäußerten Vorurteile einmal beiseite ("Aha, Ihre Texte produziert also neuerdings der Computer auf Knopfdruck!"), unübersehbare, nennenswerte Vorteile.

Die Revolutionierung der Abtipparbeit durch die simple Einrichtung eines

»Korrekturbandes« liegt gerade zehn Jahre zurück, da ist schon die dritte, vierte, fünfte Revolution unterwegs. An ihr teilzuhaben ist, ich kann das bestätigen, leichter als der Erwerb der Kulturtechnik Autofahren.

Um ein Textsystem benutzen zu können, bedarf es nicht viel mehr als der Fähigkeit, eine Schreibmaschinentastatur zu bedienen, sich mit ein paar Zusatztasten vertraut zu machen und sich ein paar einfache Befehlsfolgen zu merken - vorausgesetzt, man ist bereit, für eine gute Software, eine schnelle Zentraleinheit, eine hohe Kapazität, einen gewissen Bedienungskomfort und einen schnellen, schönen Drucker ein paar Tausender mehr hinzulegen.

Dann aber eröffnet sich dem Schriftsteller, der Autorin, dem Übersetzer, der Rechtsanwältin und all den anderen Vielschreibern ein wahres Elysium. Tippex, Schere und Klebstoff können weggeworfen werden; keine Angst mehr, das kostbare Manuskript könne auf dem Weg zum nächsten Kopierladen vom Winde verweht werden - es ist sicher gespeichert auf einer handtellergroßen Diskette.

Das bedeutet natürlich die völlige Reproduzierbarkeit des Kunstwerks, aber Kunst bleibt es doch, sofern der Autor sich auf sie versteht. Und vor allem: Das bis zu dreimalige Abtippen eines Manuskripts von der Roh- bis zur satzfertigen Fassung kann die Autorin sich, kann der Dichter der Gattin ersparen, und die ohnehin niedrigen Honorare werden nicht noch durch Zahlungen an professionelle Schreibbüros angenagt.

Der Vorteil ist noch größer für Journalisten, Wissenschaftler, Sachbuchautoren und Übersetzer als für die Lyrikerin oder die Erzeuger schöngeistiger Werke. Denn nicht nur die Texterfassung leistet der Computer, auch die Informationsbeschaffung könnte mit seiner Hilfe erleichtert werden.

Der erste europäische Datenbankkongreß, die »Infobase '85«, von der Bertelsmann Datenbankdienste GmbH unter dem pompösen Motto »Zugang zum Wissen der Welt« Anfang Mai in Frankfurt veranstaltet, erweckte in mir, der Besucherin, so etwas wie kindliche Allmachtsphantasien. Was sind schon das kärgliche bundesdeutsche Btx-Angebot oder die elektronische Kreditkarte gegen die Möglichkeit, sich eine sonst schwer erreichbare Fülle von Informationen zugänglich zu machen?

Da ist zum Beispiel eine Institution mit dem Kosenamen »Lexis/Nexis": Diese beiden Datenbanken von Mead Data Central versorgen nicht nur die Informationsbedürfnisse des Big Business und der Juristen. Sie enthalten seit dem 1. Juni 1980 auch jede Ausgabe der »New York Times«, zugänglich binnen ein bis zwei Tagen nach ihrem Erscheinen im Druck, vom Leitartikel bis zu den Todesanzeigen und der Schachecke.

Der Besitzer eines Personal Computers und eines Telephons kann sich, wo immer sein Standort sein mag, aus dieser »Volltextdatenbank« in Sekundenschnelle den kompletten Wetterbericht abrufen, den Schnee von gestern oder eine Vorstellung darüber, wer sich im September 1981 eine Todesanzeige in der »New York Times« leisten konnte.

Der Benutzer könnte (nächtens zum halben Tarif) die Feuilletons der letzten fünf Jahre studieren, er kann sich aber auch in Windeseile die einschlägigen Artikel und Kommentare zum Kanzler-Image in den USA zusammenstellen lassen. Er ist dabei - eine wesentliche Neuerung - nicht auf die Kategorisierung angewiesen, die bei der Texterfassung, als kurze Inhaltsanalyse sozusagen, dem Dokument vorangestellt wird. Der gewitzte Sucher kann sich auch auf den Befehl: »Suche 'Kohl' und 'Birne'!« beschränken - und schon durchkämmt der Rechner den gesamten Datenbestand nach jenen Dokumenten, in denen die beiden Worte vorkommen.

Auch die Deutsche Presseagentur (dpa) verfügt über ein solches Speichersystem, das im »Volltext« alle Berichte, die die Agentur über den Ticker jagt, auf den Bildschirm des Benutzers holt - »schneller«, wie dpa wirbt, »als der Rundfunk senden kann«. Und wer jemals die Deutsche Bibliothek in Frankfurt benutzt hat, wird den Vorteil unmittelbar einsehen, der in dem elektronischen Zugang zu ihren Beständen liegt - zu (fast) allem also, was seit 1945 auf deutsch, in Deutschland und über (beide) Deutschland erschienen ist.

Seit 1976 in wohltätiger Ordnung, davor in einem der Innovationsstufe entsprechenden Chaos, finden sich die bislang auf drei Autorenkataloge und entsprechend viele Stichwortjahresregister verteilten Bibliotheksinformationen in den Speichern des »Datenhosts«, der sich »Inka« nennt wie die Indianerfürsten des Anden-Reiches. »Das Buch« als Institution ist damit nicht gefährdet (wie Kritiker räsonnieren), denn nicht um eine Bücherlektüre via Bildschirm geht es, sondern um die erhebliche Erleichterung des Auffindens einschlägiger Literatur für Wissenschaftler, Sachbuchautoren, Journalisten, Übersetzer.

Also die schöne neue Informationsgesellschaft? Ja und nein. Im Prinzip herrscht in der Bundesrepublik, was die durchaus nützlichen Informationen und ihre Zugänglichkeit betrifft, noch eher ein Datenmangel. Zum anderen ist die »Benutzerfreundlichkeit«, die den Einsatz von 100 bis 200 Mark pro Nutzungsstunde erst lohnend macht, nicht überall gleich groß und vor allem nicht bei allen Systemen gleich. Beruhigend vielleicht, daß die Datenerfassung der Kriminalisten auch noch nicht so weit ist, wie manche glauben und viele fürchten.

Wir sind nun einmal das Land der Dichter und Denker, und nicht die neumodischen USA, in denen angeblich jeder zweieinviertelte Autor bereits mit einem Computer hantiert. Gewiß sind die Vorzüge von Textverarbeitung und schneller Informationsbeschaffung für die schreibende Zunft noch längst nicht

ausgereizt. Aber es bleibt auch nicht bei den bloß lichten Aspekten, den ersichtlichen Vorteilen für den Arbeiter am Schreibtisch.

Der Verband Deutscher Schriftsteller, der IG Druck und Papier angeschlossen, sieht die computerisierte Informationsgesellschaft mit äußerstem Mißtrauen auf sich zukommen. Das liegt nicht nur an den »Heizer auf der E-Lok«-Interessen der Druckergewerkschaft, die sich ein bißchen zu lange beim bloßen Abwehrkampf aufgehalten hat. Auch nicht nur am Protest vieler Journalisten, deren Arbeitsplatz durch den Computer-Einsatz tiefgreifend verändert wurde.

Es hängt vor allem, wie Waltraud Bierwirth vor eineinhalb Jahren im Verbandsorgan »Die Feder« schrieb, mit der überwiegend bescheidenen rechtlichen und ökonomischen Lage der Autoren zusammen. Zwar fallen die PC-Preise, die Computerfirmen locken - doch mit 6000 Mark (und aufwärts) muß für die Anschaffung eines professionellen Textsystems gerechnet werden. Ob sich diese Investition für einen freien Autoren lohnt, ist seiner individuellen Kalkulation überlassen.

Problematisch wäre es, wenn ihn »der Markt« dazu nötigte. Denn der nächste Schritt liegt nahe, und er hat seine Tücken. Das kann zunächst ganz harmlos aussehen:

Der kleine, experimentierfreudige, der Schönheit des Buches wie der optimalen Arbeitserleichterung verpflichtete Verlag bittet den computerisierten Jungautor, doch mit dem Manuskript auch gleich noch eine Diskette rüberzuschieben - die könne man locker in die Satzmaschine einspeisen, der Autor brauche keine Korrektur mehr zu lesen, der Verlag habe eine Menge Satzkosten gespart, und man habe sich gemeinsam das Leben wieder ein bißchen leichter gemacht.

Die etwas deutlichere Variante ist schon eingeführt bei Verlegern wissenschaftlicher Werke, die noch nie viel Federlesens gemacht haben. Der Zwang zur Veröffentlichung, der die Wissenschaftler verfolgt, verführt sie schon seit Jahrzehnten dazu, solchen Verlagen nicht nur die Druckkosten (häufig auf Nimmerwiedersehen) vorzuschießen, sondern auch als Photosatzvorlagen geeignete Manuskripte abzuliefern. Heutzutage ergeht unverblümt die - mehr oder minder erpresserische - Aufforderung, das Werk gleich auf Diskette zu liefern.

Der Trend, der sich da am Horizont abzeichnet, verdient alle Aufmerksamkeit. Denn er könnte im Endeffekt die Entlastung, die der Benutzer eines Textsystems verspürt, wieder zunichte machen. Im Prinzip bedeutet er für die Autoren, einen großen Teil der Satz- und Korrekturarbeiten mit übernehmen zu müssen: Der Verlag spart, dem Autor bleibt nichts erspart.

»Es kommt hundertprozentig«, meinte der Fachbuchhersteller des Hanser-Verlags auf meine Frage nach der Zukunft des computerisierten Autors. »Man kann es nicht abtun. Nur: es ist noch sehr im Fluß.«

»Im Fluß« heißt: Der PC des Autors muß zum Satzcomputer des Verlages passen, womit die Schwierigkeit schon anfängt. Nicht alle Systeme, die sich kompatibel nennen, sind es im Endeffekt auch. Für einen Autor, der mehrere Verlage beliefert, ist es angesichts der heutigen Typenvielfalt schlicht unmöglich, ein allseits kompatibles System zu wählen, das allen gemeinsame Diskettenformat, die universelle Software, den überall verwendbaren Zeichenvorrat zu benutzen. Die »Umwandlung« der Disketten in das entsprechende Verlagssystem ist noch teuer, so daß sich die Satzkosten nicht spektakulär verringern.

Friedhelm Herborth, Lektor des wissenschaftlichen Programms beim Suhrkamp-Verlag, hält das Manuskript auf Diskette für zukunftsträchtig, wenn auch nur bei umfänglichen wissenschaftlichen Werken, die der Verlag sich sonst womöglich nicht mehr leisten würde.

Dem experimentierfreudigen Kölner Soziologie-Professor Richard Münch wurde für die Abfassung seines Suhrkamp-Werkes mit dem passenden Titel »Die Struktur der Moderne«, eines Wälzers von über 700 Seiten, ein Suhrkampkompatibles Computersystem leihweise ins Büro gestellt. Nach Herborths Schätzung hat der Verlag damit etwa ein Viertel der Satzkosten gespart. Den Autoren bietet der Lektor dafür die Reduktion des Ladenpreises ihrer meist schwerverkäuflichen Bücher an - keine Lösung für Autoren, deren Auskommen sich nicht auf Professorengehälter stützt, sondern auf die Prozentanteile von eben diesem Buch-Ladenpreis.

Auch Michael Bischoff, eingeführter Übersetzer dickleibiger wissenschaftlicher Werke, könnte einer Ablieferung seiner Übersetzungen auf Diskette Geschmack abgewinnen, wenn es für eine solche Mehrleistung des Autors oder Übersetzers »Marktvorteile«, also mehr Geld gäbe. Nach Bischoffs Rechnung spart der Verlag nicht nur die Texterfassungs-, sondern vor allem die in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegenen Korrekturkosten.

Die Hessen sind, wie es scheint, für alle diese Neuerungen besonders offen. Frankfurter Schule vorn: Heide Natkin, Sekretärin bei Jürgen Habermas, bedient sich seit neuestem eines elektronischen Textsystems.

Im hessischen Schriftstellerverband wird derzeit ein Seminar für computerinteressierte Autoren geplant - das muß die Lust am Althergebrachten nicht vergällen. Ausgerechnet Reinhard Kaiser, Übersetzer und Lektor des wohl altertümlichsten Projekts der letzten Jahre, der von Franz Greno im Bleisatz hergestellten und von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen »Anderen Bibliothek«, hält das fröhliche Nebeneinander von neuer und alter Technik für so ersprießlich wie erstrebenswert.

Das »Ende der Bescheidenheit« bundesdeutscher Autoren, von Heinrich Böll einst propagiert, könnte auch darin bestehen, sich neue, zum Beispiel Computer-Technologien dort anzueignen, wo sie dem eigenen Vorteil dienen können.

Aber ebenso ist denkbar, daß der Einsatz des Textcomputers für den Schreibenden wird, was die Bedienung der Schreibmaschine für ihn längst geworden ist: die selbstverständliche Fron, die unbezahlte Zusatzleistung.

Warnung vor dem Hunde!

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