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COMPUTER Der erste Schuss ist gratis

Das Betriebssystem »Windows XP« von Microsoft stellt seinen Nutzern eine Art Personalausweis fürs Internet aus.
aus DER SPIEGEL 44/2001

Wer viel im Internet unterwegs ist, braucht ein gutes Gedächtnis. Immer mehr Websites verlangen das Eintippen von Login-Namen und dazugehörigem Passwort - egal ob beim Abrufen der E-Mail, beim Online-Einkauf oder beim Lesen einer Online-Zeitung. Schnell kommt ein Surfer auf zehn verschiedene Passwörter, leicht verliert er den Überblick.

Mit diesem Codewort-Chaos soll nun Schluss sein, zumindest wenn es nach dem Softwarekonzern Microsoft geht: In Zukunft sollen alle Zugangsdaten zentral vom Monopolisten im amerikanischen Redmond verwaltet werden.

Als Microsoft-Gründer Bill Gates vergangenen Donnerstag mit einer pompösen Show das neue Betriebssystem »Windows XP« am New Yorker Times Square vorstellte, legte er damit womöglich den Grundstein für eine marktbeherrschende Stellung im Online-Handel. Denn jeder, der das neue Betriebssystem auf seinem PC installiert hat, wird beim Surfen nachdrücklich aufgefordert, sich auch bei einem Dienst namens »Passport« anzumelden.

Passport verschafft dem Nutzer eine Art zentralen Personalausweis fürs Internet. Wer sich einmal angemeldet hat, kann mit denselben Kundendaten auf über 70 verschiedene Online-Angebote zugreifen. Wer neben Name und E-Mail-Adresse auch noch eine Lieferanschrift und eine Konto-

verbindung hinterlegt, kann damit seine Online-Einkäufe abwickeln.

Das Prinzip dahinter ist simpel: Die Daten werden einmalig auf einem Server von Microsoft hinterlegt. Fortan können alle Firmen, die an dem System teilnehmen, auf diese »Online-Identität« zugreifen, wenn ein Kunde ihre Seiten ansteuert (siehe Grafik). Auch der Zugang über Handys oder Taschencomputer soll nach dem Willen von Microsoft in Zukunft über diesen Online-Pass abgewickelt werden.

Auf den ersten Blick ein löbliches Angebot, das Usern den Kopf für wichtige Dinge freihält und außerdem kostenlos ist. Dennoch könnte der Preis für die Vereinfachung zu hoch sein, warnen Beobachter.

Die Datensammelwut lade gerade zum Missbrauch ein, um detaillierte Kundenprofile zu erstellen, kritisieren Datenschützer. Beschwerden von mehreren Verbraucherschutzorganisationen liegen der US-Handelsbehörde bereits vor.

Das unscheinbare Hilfsangebot könnte zudem ein neues Monopol begründen. Bill Gates benennt offen sein Wunschziel, »dass praktisch jeder, der das Internet nutzt, eine Passport-Verbindung hat«. Immerhin verfügen bereits etwa 165 Millionen Surfer weltweit über eine solche Internet-Identität - viele von ihnen allerdings ohne davon zu wissen: Jeder, der sich eine kostenlose E-Mail-Adresse beim Microsoft-Online-Dienst Hotmail besorgt, wird automatisch auch bei Passport registriert.

Für Web-Anbieter sind Online-Identitäten attraktiv, weil sie den elektronischen Handel stark vereinfachen. Zum Milliardenmarkt würde das Geschäft mit dem Netz-Ausweis, wenn Händler und Kunden für Geschäftsabschlüsse eine Provision an den Vermittler, also Microsoft, zahlen müssten.

Scott McNealy, Chef der Serverfirma Sun Microsystems und Microsoft in inniger Feindschaft verbunden, glaubt nicht daran, dass der Passport-Dienst kostenlos bleiben wird: »Denken Sie daran, der erste Schuss Heroin ist immer gratis.« Branchenkenner vermuten, dass Microsoft etwa 50 Dollar im Jahr verlangen könnte.

Zusammen mit Firmen wie Nokia und Sony hat Sun einen eigenen Standard angekündigt mit dem suggestiven Namen »Liberty Alliance« - Freiheitsbündnis. Der Hauptkonkurrent beim Rennen um die Internet-Identitäten ist jedoch AOL, dessen Instant-Messaging-Dienst ICQ über 80 Millionen Nutzer hat. Schon heute genügt ein einziger »ScreenName«, um Zugang zu diversen Diensten von Netscape, Compuserve oder AOL zu bekommen. Nun soll das ScreenName-Angebot auch auf konzernfremde Anbieter ausgeweitet werden. Codename: »Magic Carpet« - Fliegender Teppich. Die Datenschutzbedenken liegen ähnlich wie beim Passport-Dienst.

Microsoft hat gegenüber der Konkurrenz einen entscheidenden Vorteil: Windows XP. Huckepack auf jedem neuen Betriebssystem könnte der Dienst im nächsten Jahr über 70 Millionen Haushalte erreichen, prognostiziert das Marktforschungsinstitut IDC.

»Wir vermuten, dass sich jeder XP-User auch bei Passport anmeldet«, sagt Sun-Manager Thomas Groth. Microsoft sieht das natürlich anders. »Niemand muss Passport nutzen. Wir machen es nur durch einen Verweis im Startmenü leicht auffindbar«, wiegelt Pressereferentin Irene Nadler ab.

Das ist stark untertrieben: Ein gelbes Meldungsfenster drängt vor jedem Ausflug ins Internet zu Anmeldung bei Passport - bis der Nutzer entnervt nachgibt.

Mit solchen Rüpelmethoden gewinnt man zwar haufenweise Registrierungen. Aber diese könnten sich als wertlos erweisen, wenn die neuen Kunden von ihrem Online-Pass gar keinen Gebrauch machen, weil sie das Gefühl haben, dass dabei der Bock zum Gärtner gemacht wurde. Denn immer wieder sorgt Microsoft mit Sicherheitslücken für Schlagzeilen.

Ende August zum Beispiel knackte ein IT-Experte die Hacker-Sicherungen beim Web-Postdienst Hotmail. Er musste nur drei Zeilen im Programmcode des Anmelde-Servers verändern, um an die Passport-Nutzerdaten zu gelangen.

HILMAR SCHMUNDT, CHRISTOPH SEIDLER

* Bei der Präsentation von »Windows XP«.

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