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BIOMEDIZIN Der Mensch im Tier

Deutsche Forscher spritzen menschliche Zellen in die Gehirne von Affen und Nagern, um Therapien gegen Alzheimer oder Parkinson zu testen. Ethiker fühlen sich überrumpelt: Wie weit dürfen Wissenschaftler bei der Erzeugung dieser Mischwesen, der sogenannten Chimären, gehen?
aus DER SPIEGEL 18/2005

Die Extraportion Mensch ist den Affen nicht gut bekommen.Zehntausend menschliche embryonale Stammzellen hatten GöttingerWissenschaftler den Primaten ins Gehirn gespritzt.

Menschliche Gedanken sind ihnen deshalb wohl kaum durch den Kopfgeschossen. Die Tiere haben das Experiment auch nicht überlebt. »Siehaben Tumoren bekommen«, berichtet Ahmed Mansouri vomMax-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, der die Versuchegemeinsam mit dem Deutschen Primatenzentrum in Göttingen vorgenommenhat.

Die Untersuchung des Hirngewebes war für die Grundlagenforschungdennoch sehr aufschlussreich. »Wir wollen verstehen, wie sich die nochundifferenzierten Stammzellen im lebenden Organismus verhalten«, soMansouri.

Mindestens ein Teil hat sich tatsächlich zu menschlichenNervenzellen entwickelt; dass sich die Hirnleistung des Affen dadurchseinem evolutionären Verwandten angenähert haben könnte, hält Mansouriindes für ausgeschlossen. »Diese wenigen menschlichen Zellen sind nurwie Sandkörner in einem Ozean«, sagt der Bioforscher und hält daherauch ethische Bedenken für abwegig. »Man muss abwägen«, sagt Mansouri,»zwischen den Tieren und den Menschen, denen wir in Zukunft glauben,mit Stammzellen helfen zu können.«

Um den verheißungsvollen Versprechungen auch konkrete Therapien fürunheilbare Krankheiten wie Parkinson oder Multiple Sklerose folgen zulassen, testen die Stammzellforscher ihre Wunderzellen in Tieren. DieWesen, die sie dabei schaffen, nennt man nach einem Begriff aus dergriechischen Mythologie Chimären.

Der Ausdruck hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Er löst Assoziationenaus zu dem Feuer speienden Mischwesen aus Löwe, Ziege und Schlange, dasHomer in

seiner Ilias beschreibt. Erwecken die Wissenschaften womöglich denMenschen im Tier?

Einige Stammzellforscher werden wohl längst verfluchen, dass sichder gruselige Begriff der Chimäre etabliert hat. Denn es geht ihnen garnicht um die Schaffung von vollständigen Mischkreaturen wie derauffälligen Schiege, die bereits Anfang der achtziger Jahre alsKombination aus Schaf und Ziege kreiert wurde. Um das Menschliche imVersuchstier zu finden, müssen die Stammzellforscher schon zumMikroskop greifen.

Dennoch fordern Kritiker eine Grundsatzdebatte über dieseMischgeschöpfe. Wie viel Mensch darf in einer Maus stecken? Können einProzent, 10 oder 50 Prozent menschlicher Hirnzellen im Affen schonausreichen, um höheres Bewusstsein in ihm entstehen zu lassen? Waswäre, wenn Ratten plötzlich Samen- oder Eizellen des Menschen ausbildenund sich fortpflanzen?

Rechtfertigen revolutionäre Heilungsversprechen biotechnologischeEingriffe in jahrmillionenalte evolutionäre Grenzen? Droht gar eineErosion des Menschlichen? Was ins Haus stehe, sei »die andereStammzelldebatte«, schrieb unlängst die »New York Times«.

Vorige Woche stellte eine unabhängige Wissenschaftlerkommission deramerikanischen »National Academies« Richtlinien zur embryonalenStammzellforschung vor. Monatelang hatten sie über die Gebote beraten -und über die Frage der Chimären am heftigsten gerungen. Ausführlichwidmet sich das Expertengremium aus Ethikern, Biologen und Medizinernjetzt auch diesen Mischwesen.

Für weitgehend unbedenklich halten die US-Autoren beispielsweiseVersuche, bei denen menschliche Stammzellen ins Herz oder dasKnochenmark einer Maus gespritzt werden (siehe Grafik). Ganz andersbeurteilen sie jedoch Experimente am Gehirn.

Insbesondere das Einspritzen von embryonalen Stammzellen, die nochnicht weiter im Reagenzglas ausdifferenziert sind, gilt als ethischbedenklich: »Die Idee, dass menschliche neuronale Zellen an ,höhergestellten' Hirnfunktionen eines nichtmenschlichen Wesens teilnehmen,weckt, obwohl unwahrscheinlich, Bedenken.« Welche Experimente dieStammzellforscher auch immer machen - die National Academies empfehlenihnen dringend, »die Eingliederung der menschlichen Zellen in dieGehirnfunktionen zu untersuchen und zu überwachen«.

Zudem halten es die amerikanischen Stammzellexperten nicht fürgänzlich ausgeschlossen, dass sich injizierte embryonale Stammzellen inmenschliche Keimzellen verwandeln könnten - also in Ei- oderSamenzellen: Um jegliches Risiko auszuschließen, solle es den Tieren»nicht möglich sein, sich fortzupflanzen«.

In Deutschland gibt es vergleichbare Empfehlungen zurChimärenforschung bislang noch nicht. Dabei sind ähnliche Versuche auchhier geplant - oder haben wie in Göttingen sogar schonstattgefunden.

Auch der wohl profilierteste deutsche Stammzellforscher, OliverBrüstle, verfügt bereits über eine langjährige Erfahrung mitChimärenexperimenten. Bereits 1998 publizierte er, damals noch alsForscher in den USA, einen Eingriff, bei dem sein WissenschaftlerteamZellen aus einem menschlichen Fötus in die Gehirne von Ratten-Embryonenübertragen hat.

Mittlerweile ist Brüstle Direktor des neu gegründeten Instituts fürRekonstruktive Neurobiologie der Universität Bonn. Als einer der Erstenerhielt er nach der mühsamen Verabschiedung des Stammzellgesetzes eineLieferung embryonaler Stammzellen aus Israel; sie sollen sich in seinemLabor zu menschlichen Nervenvorläuferzellen entwickeln - und diese willer dann, wie es aus der Genehmigung des Robert Koch-Institutshervorgeht, in das Gehirn von neugeborenen Nagetieren implantieren.

Bestimmte Stoffe im Tiergehirn könnten dafür sorgen, dass sich dieZellen weiter spezialisieren - etwa in solche Hirnzellen, die beiMultiple Sklerose defekt sind. Der Effekt dieses Eingriffes bliebebegrenzt.

In einem anderen Versuch will Brüstle die Stammzellen in das imAufbau befindliche Gehirn eines Nagetier-Embryos spritzen. Weil dasRatten- oder Mäusehirn noch in der Entwicklung begriffen ist, könntensich die Zellen weiter verbreiten.

Längst arbeiten Forscher schon daran, den menschlichen Anteil imTier zu maximieren. Entsprechende Versuche hat der kalifornischeBiologe Irving Weissman geplant. Dazu braucht er Gen-Mäuse, dereneigene Hirnzellen noch vor der Geburt absterben. Als Ersatz will er denTieren menschliche Hirnstammzellen einspritzen. Das erwachseneMausegehirn bestünde in diesem Fall weitgehend aus menschlichenNervenzellen. Das sei ein hervorragendes Modell, an dem sichHirnkrankheiten des Menschen erforschen ließen, so derStanford-Professor.

Es gibt aber sogar noch mehr Mensch im Tier: Südkoreanische Forscherstatteten ein Mäuse-Embryo in einem noch sehr jungen Stadium mitembryonalen Stammzellen des Menschen aus - die menschlichen Anteilefanden sich angeblich in Herz, Leber und Nieren wieder. »Nach heftigenProtesten«, so Park Se Pill, Direktor der Firma Mariabiotech, hättensie im Juni 2003 die Experimente eingestellt.

Der Vorsitzende des hiesigen Nationalen Ethikrates, Spiros Simitis,hält schon das Vorgehen der deutschen Stammzellforscher für »absolutinakzeptabel« und fordert sie dazu auf, »zu den Versuchen Stellung zunehmen, damit der bioethische Diskurs nicht wieder überrannt wird«.

Mit dem vor drei Jahren gefundenen Kompromiss über den Importembryonaler Stammzellen, so der Frankfurter Juraprofessor, solltelediglich ermöglicht werden, die Grundlagen der Stammzellentwicklung zuerforschen. Die Chimärenversuche hingegen zielten bereits auf Therapienab: »Diese Grenze ist von den

Wissenschaftlern einfach überschritten worden.«

Schon Ende Juni, kündigt Simitis an, werde sich der Ethikrat mit demThema Chimären befassen. Die Stammzellforscher würden das Thema amliebsten umgehen, weil sie fürchten, dabei ein Frankenstein-Imageverpasst zu bekommen. Doch Ethikwächter Simitis will sich in seinemEifer nicht bremsen lassen. Eile sei geboten, denn »in den Laborenpassiert sowieso schon mehr, als wir wissen«.

Die Biologen sehen ihre Forschung naturgemäß viel pragmatischer. Fürso etwas wie Bewusstsein reichten die nur lokal in das Tiergehirneingebauten Menschenzellen ohnehin nicht aus. Alle weiterführendenExperimente seien wissenschaftlich überhaupt nicht sinnvoll. Ein echtesMischwesen aus Mensch im Tier wäre ohnehin gar nicht lebensfähig.

Die amerikanische Debatte über Chimären hält Wolfgang-Michael Franzvon der Universitätsklinik Großhadern in München im Übrigen fürheuchlerisch. Rigorose ethische und rechtliche Gebote gäbe es in denUSA nur für staatlich geförderte Forschung. »In privaten Laboren istdas meiste erlaubt; vieles, wovon wir im strikt reglementiertenDeutschland nur träumen können, wird drüben längst gemacht«, klagt derKardiologe, der aus Stammzellen gewonnene menschliche Herzmuskelzellenin Mäusen erproben will.

»Das Ganze ist nur ein Alibi für den US-Präsidenten, der seinenkonservativen Wählern dann sagen kann: ,Schaut her, ich tu wasdagegen'«, sagt Franz. Die deutsche Forschung gerate im internationalenWettlauf um die Therapie mit embryonalen Stammzellen mit jedem Tagweiter ins Hintertreffen.

Die Wissenschaftler werden weniger von ethischen als von praktischenProblemen gequält. Denn bis heute ist nicht geklärt, ob sich Gewebe,das aus menschlichen Stammzellen gezüchtet wurde, überhaupt sicher inden Organismus einbringen lässt. Stets besteht die Gefahr, dass nochnicht ausdifferenzierte Zellen genetisch entgleisen und - wie bei denAffen in Göttingen - zur Entstehung von Tumoren führen.

Ethikkommissionen und Zulassungsbehörden werden jedoch frühestensdann Versuche mit embryonalen Stammzellen an Menschen zulassen, wenn imTierversuch gezeigt wurde, dass die jeweilige Heilmethode ungefährlichist. Erst Mitte April haben zwei wissenschaftliche Untersuchungengezeigt, dass das Krebsrisiko durch Stammzellen größer ist als bislangangenommen.

Zellforscher Mansouri hofft, dieses Problem mit einem sogenanntenSuizid-Gen in den Griff zu bekommen. Bevor die von ihm gezüchtetenNervenzellen zu Tumoren entarten, sollen sie zerstört werden. DieMenschenzellen mit derartigen Terminator-Genen sollen noch dieses Jahrgetestet werden - an Affen. GERALD TRAUFETTER

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