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GERICHTSMEDIZIN Der Mix macht's

Wie lassen sich Leichen zu Brühe verflüssigen? Die belgische Justiz untersuchte die Frage mit einem Menschenversuch.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Beim Beseitigen von Leichen entfalten Mörder bisweilen gräßlichen Erfindungsreichtum: Sie verbrennen sie, betonieren sie in Hausfundamente ein oder verfüttern sie an ihren Hund. Wo kein Corpus mehr ist, so wähnen die Unholde, da ist auch kein Corpus delicti mehr.

Die Kaltblütigsten unter ihnen bevorzugen seit jeher das Bad des zerstückelten Körpers in Salzsäure. Der vielfache Frauenmörder Lutz Reinstrom aus Hamburg bediente sich Anfang der neunziger Jahre dieser Technik, mit der auch die italienische Mafia eine lange Tradition verbindet. Unzählige Krimi-Autoren ließen sich von Säurewannen inspirieren, im Spielfilm »Trio Infernal« führt Michel Piccoli die chemische Bestattung im heimischen Badezimmer vor.

Im rückstandslosen Morden war aber wahrscheinlich kaum jemand so erfolgreich wie der Horror-Pastor Andras Pandy, 72, der seit über einem Jahr im belgischen Brüssel in U-Haft sitzt. Vier seiner acht Kinder soll der gebürtige Ungar auf dem Gewissen haben, außerdem mindestens eine seiner Ehefrauen. Hinzu kommen noch eine unbekannte Anzahl von Kindern aus Rumänien und von Frauen aus Ungarn. 10, vielleicht 20 oder noch mehr Menschen könnte der Geistliche ermordet haben - doch abgesehen von ein paar Knochenresten und einigen Zähnen fehlt von den meisten Leichen jede Spur.

Wo sind die Toten? Pandy-Tochter Agnes, die mit ihrem Vater im Inzest lebte und nach eigenen Angaben ihre Mutter erschoß, hat das Rätsel gelöst: Gemeinsam mit ihrem Vater habe sie die Toten einfach aufgelöst und im Abfluß weggespült. Als Lösungsmittel will sie einen schlichten Abflußreiniger verwendet haben.

Dieses Geständnis überzeugte den Brüsseler Untersuchungsrichter Bruno Bulthé nicht. Der Mann, Teil einer im übrigen des Eifers unverdächtigen Justiz, verlangte nach unumstößlichen Beweisen. Es genügte ihm nicht, daß Ermittler Steaks in Reiniger-Flüssigkeit verschwinden ließen. Auch Gutachten von Chemikern stellten ihn nicht zufrieden. Bulthé ordnete den definitiven Plausibilitätstest an: Forschern der Katholischen Universität Löwen gab er den Auftrag, einen Menschen aufzulösen.

Die Wissenschaftler gingen wie befohlen zu Werke, nicht ohne sich zunächst im Tierexperiment zu üben. Sie steckten Schweinsköpfe in Reiniger, weil die Schädeldecke von Schweinen ähnlich hart wie die von Menschen sei. Als sie mit etwas Übung Schweinsköpfe wie Butter in der Reiniger-Soße zerfließen lassen konnten, machten sich die Forscher an einem Freiwilligen zu schaffen. Der Freiwillige hatte seinen Körper prämortal der Wissenschaft zur Verfügung gestellt - nicht für Jux und Tollerei, doch über diesen Einwand setzten sich Forscher wie Richter auf der unerbittlichen Suche nach der Wahrheit hinweg.

Zur »Korrosion«, wie Präparatoren das Auflösen von Leichenteilen nennen, teilten die Forscher den Freiwilligen nach Pandy-Art in Stücke. Literweise schütteten sie Abflußreiniger über die Teile. Es zischte und brodelte. Die Fotoapparate der Forscher klickten, ihre Videokameras surrten. Nach kaum 24 Stunden war alles vorbei. Dem Leichnam erging es wie zuvor den Steaks und den Schweinsköpfen: Er war nicht mehr da.

Weggeputzt wurde der Tote vom Rohrreiniger »Cleanest«. Dem englischen Superlativ wurde das Teufelszeug gerecht. Kaum ein Knöchelchen ließ es übrig, keine Haare, keine Zähne. »Cleanest« hatte den Körper fast gänzlich verflüssigt und erwies sich damit klar dem Konkurrenzprodukt »Destop« überlegen, dessen Benutzung Agnes Pandy eingestanden hatte. Somit blieb offen, ob sie bei der Angabe des Markennamens gelogen hatte.

Ein für allemal hat die belgische Korrosionsstudie aber klargestellt: Starke Rohrreiniger taugen zur unauffälligen Beseitigung von Toten besser als die in der Kriminalmystik so beliebte Salzsäure. HCl, wie der Chemiker sie nennt, hinterläßt nämlich Reste in der Brühe. Biologisches Material flockt aus und bildet kleine Stücke, die in Abwasserrohren leicht zu Verstopfung führen. Rohrreiniger hingegen sind als ultraaggressive Mix-Präparate wie gemacht dafür, Leichen zu fressen: Fettlöser und Eiweißzersetzer machen Gelee aus dem Fleisch, Kalklöser lassen die Knochen schmelzen.

Fraglich bleibt, was die Forscher mit dem Freiwilligen nach seiner Verwandlung in Ätz-Brühe anstellten. Entsorgten sie die Totensuppe als Sondermüll in Giftfässern? Haben sie ihn, reichlich verdünnt, fortgespült, wie es auch im Hause Pandy üblich war? Alle schweigen.

Erst letzte Woche hat die Brüsseler Staatsanwaltschaft das Experiment eingeräumt, das schon vor einigen Wochen stattgefunden hat. Kein Wort hingegen kommt dem Richter Bulthé über die Lippen. Ebenso verschlossen zeigt sich die Universität von Löwen. Die Namen der Forscher gibt sie nicht preis.

Die belgische Presse unterdessen mault, und Forscher mahnen, daß die Verflüssigung eines Menschen überflüssig war, weil tote Tiere auch gereicht hätten. Sie erinnern an die bewährte Maxime der Gerichtsmediziner: »Prüfe, ob du ein Experiment deiner Leiche oder der deines Kindes zumuten würdest.«

All jenen jedoch, die noch eine Leiche im Keller haben, hilft die Forscherarbeit aus Belgien bei der Auswahl geeigneter Rohrreiniger auch nicht weiter. Jenes »Cleanest«, das in Löwen zum Einsatz kam, ist nicht mehr käuflich. Schon vor Jahren hat der Hersteller seine Giftformel entschärft. MARCO EVERS

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