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Der mündige Kranke

Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient hat sich im Laufe der Jahre verändert: Der Leidende will und soll heute bei seiner Behandlung mitentscheiden. Doch die neue Selbstbestimmung hat Nebenwirkungen. VON SIMONE KAISER
aus SPIEGEL Wissen 2/2009

Kommen eine Seele und ein Körper gemeinsam zum Arzt. Sagt die Seele zum Körper: Geh du ruhig vor, dich versteht er besser.

Lange fasste dieser Witz den Alltag in deutschen Arztpraxen zusammen. Der gemeine Mediziner galt als Experte für körperliche Symptome - und als Ignorant hinsichtlich der seelischen Probleme seiner Patienten. Der Hausarzt war für viele erste und zugleich letzte Entscheidungsinstanz. In den sogenannten Sprechzimmern wurde in erster Linie diagnostiziert - und wenig diskutiert.

Seit man allerdings weiß, wie unmittelbar sich die Mitbestimmung eines Patienten etwa bei der Therapiewahl auf den Behandlungserfolg auswirken kann, hat sich die Beziehung zwischen Arzt und Patient gravierend verändert. Die Stärkung der Patientenrechte, aber auch der Kostendruck in Krankenhäusern, Praxen und bei den Krankenkassen hat dazu beigetragen, die Patientenzufriedenheit stärker in den Fokus ärztlicher Arbeit zu rücken. Heute spricht man gern vom »mündigen Patienten«, der »Halbgott in Weiß« wurde in den Ruhestand versetzt.

Einfühlungsvermögen und Vertrauen gelten als die Schlüsselbegriffe im sich wandelnden Arzt-Patienten-Verhältnis. »Der direkte positive Einfluss ärztlicher Empathie auf das Wohl des Patienten ist inzwischen unumstritten«, sagt Melanie Neumann vom Zentrum für Versorgungsforschung an der Universität Köln.

Die Soziologin, 34, beschäftigt sich seit Jahren mit den heilungsfördernden Effekten einer gelungenen Arzt-Patienten-Kommunikation, besonders bei Krebspatienten. »Empathie nützt ja nicht nur dem Kranken. Untersuchungen zeigen, dass auch Ärzte beruflich zufriedener und weniger gestresst sind, wenn sie offen mit ihren Patienten reden.«

Eine verbesserte Diagnosegenauigkeit und ein größerer physischer und psychischer Behandlungserfolg sind laut Neumann die wichtigsten Folgen. Ein weiterer Aspekt ist zudem die höhere Akzeptanz einer gewählten Behandlungsmethode. Wenn der Patient das Gefühl hat, sein Arzt habe versucht, sich in seine Situation hineinzudenken, wenn er glaubt, man habe letztlich gemeinsam entschieden - dann sind die Erfolgsaussichten einer Behandlung besonders hoch.

Umfragen belegen, dass Patienten heute ihre Behandlung aktiv mitgestalten möchten. Gewünscht wird vor allem ein partnerschaftliches Verhältnis zum behandelnden Arzt.

Auf die Frage, wer ihrer Meinung nach über ihre Behandlung bestimmen sollte, gaben etwa im Jahr 2008 bei einer Umfrage der Techniker Krankenkasse 65 Prozent der Befragten an, gemeinsam mit ihrem Arzt entscheiden zu wollen. Nur 6 Prozent der Versicherten im Alter zwischen 18 und 70 Jahren möchten demnach die Entscheidung allein ihrem Arzt überlassen.

Die sogenannte Partizipationspräferenz schwankt jedoch je nach Krankheitszustand, Herkunft, Alter und Bildungshintergrund des Patienten. So sind chronisch Kranke, die etwa an Rückenschmerzen leiden und deren Alltag ständig durch ihre Krankheit beeinflusst wird, besonders stark an einer Mitbestimmung interessiert.

Eine Befragung unter Tumorpatienten aus verschiedenen Leipziger Krankenhäusern zeigte vor einigen Jahren Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen auf: Befragte, die im Osten aufgewachsen waren, hatten ein geringeres Bedürfnis, bei der Therapiewahl mitzuentscheiden, als Patienten aus dem Westen.

Patienten unter vierzig mit Hochschulabschluss gelten gemeinhin als die Patientengruppe mit dem größten Interesse an einer kritisch-konstruktiven Diskussion mit ihrem Arzt. Sie sind auch schneller bereit, den Mediziner zu wechseln, kommt bei ihnen dieser Punkt zu kurz. Kein Wunder, schließlich ist oft entsprechendes Vorwissen von Vorteil, will der Patient mit seinem Spezialisten annähernd auf Augenhöhe über die Vor- und Nachteile einer Behandlung debattieren.

In ihrem im Mai 2009 erschienenen Aufsatz »Wollen Patienten mündig sein?« bezeichnen Thomas Nebling und Anja Fließgarten »das Vorhandensein ausgeprägter Gesundheitskompetenzen« als eine wichtige Voraussetzung für die Selbst- und Mitbestimmung der Patienten. Dazu zählen nach Meinung der Autoren auch »die Fähigkeiten zur Beschaffung, Verarbeitung und Nutzung von Gesundheitsinformationen« sowie deren »kritische Prüfung«, um sich am Ende überhaupt eine eigene Meinung bilden zu können.

Genau hier aber lauern die Risiken und Nebenwirkungen der neuen Patientenmitbestimmung. Zum einen werden Mediziner in ihrer Ausbildung noch immer zu wenig im partnerschaftlichen Umgang mit dem Patienten geschult. Zum anderen fällt bei der aktuellen Vielfalt an Therapiemöglichkeiten das Urteil richtig oder falsch oft schon dem Experten schwer.

Versicherungsbroschüren, Hilf-dirselbst-Literatur, Online-Foren: Der medizinische Laie sieht sich einer wahren Informationsflut an oft gut gemeinten, aber in der Summe mitunter verwirrenden Ratschlägen ausgeliefert. Bevor sie im Wartezimmer Platz nehmen, haben sich viele Kranke heute schon im Internet eine erste persönliche Diagnose zusammengegoogelt (siehe Kasten).

»So neu wie man denkt, ist dieses Phänomen allerdings nicht«, meint Lutz Kindt. 33 Jahre lang hat Kindt als Hausarzt praktiziert, der inzwischen 68-Jährige hat viele Generationen von Patienten behandelt. »Wenn vor 20 Jahren in einem Gesundheitsmagazin im Fernsehen ein Bericht über eine seltene Krankheit lief, hatte ich am nächsten Tag die Praxis voll.«

Der Rheinländer hält große Stücke auf das »Miteinander« zwischen Mediziner und Patient. Aus diesem Grund müsse ein Arzt »aber auch bemerken, wann er einen Patienten mit der Entscheidungsfindung überfordert«, so die Meinung des Mediziners. »Im Gespräch mit einer Bäuerin kann ich weniger Fachbegriffe verwenden, als wenn eine Biologiestudentin vor mir sitzt. Entscheidend ist in jedem Fall das gegenseitige Vertrauensverhältnis.«

Aus Sicht der Mediziner hat unter anderem die gesteigerte Klagefreudigkeit der Kranken dieses Vertrauen in den letzten Jahren belastet. »Zu Beginn meiner Tätigkeit notierte ich vor allem Symptome und Laborwerte. Am Ende musste ich, immer den potentiellen Streitfall im Hinterkopf, selbst gemeinsam verworfene Therapievorschläge dokumentieren«, berichtet Kindt.

Trotzdem weigert sich der Arzt bis heute, seine Patienten nur als Kunden und sich selbst als simplen Dienstleister zu betrachten, wie es mittlerweile oft gefordert wird. »Patientenmitbestimmung als ein Zeichen von Qualitätsmanagement ist eine Sache«, sagt Kindt.

»Spätestens aber wenn es um eine lebensbedrohliche Erkrankung oder etwa Demenz geht, brauchen Sie einen empathischen Arzt, der sich nicht scheut, Verantwortung zu tragen, und schnell eine Entscheidung trifft.«

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