Zur Ausgabe
Artikel 92 / 119

Der Schlitzer von Utah

aus DER SPIEGEL 31/1992

Das Gewicht einer ganzen Elefantenherde, den Appetit eines Löwenrudels und den Mund voller Dolche: Bisher galt der Raubsaurier Tyrannosaurus rex als gefährlichstes Ungetüm, das je auf Erden lebte.

Jetzt hat Tyrannosaurus rex Konkurrenz bekommen. Eine neue Gattung von Dinosauriern, die amerikanische Fossilforscher in Utah ausgegraben haben, macht ihm den Ruf der furchterregendsten aller Landkreaturen streitig.

Zwar bringt es der neue, etwa eine Tonne schwere Utahraptor ("Reißer von Utah") mit sechs Metern Länge nur auf die Hälfte der Tyrannengröße, das aber macht er durch Beweglichkeit, Intelligenz und seine tückischen Waffen mehr als wett.

Den Tyrannosaurus rex halten viele Paläontologen ohnehin für zu schwerfällig und träge, als daß er ein sehr erfolgreicher Jäger gewesen sein könnte. »Wie fing er seine Beute?« fragt sich etwa John Horner vom Museum der Rockies in Montana.

Die Arme des Raubsauriers seien so kurz, daß er seine Beute damit kaum habe packen können; nur indem er seine Brust auf den Rücken seiner Beute legte, konnte er sie festhalten. »Und ich bezweifle«, so Horner, »daß andere Dinosaurier so langsam und dumm waren, das mit sich machen zu lassen.« Tyrannosaurus rex müsse folglich vorwiegend ein Aasfresser gewesen sein.

Ganz anders der neue »Reißer von Utah« oder »Superschlitzer«, wie ihn seine Entdecker getauft haben. Mit einem Satz, so vermuten die Forscher, sprang er seine Beute an und verkrallte sich mit den scharfen Klauen seiner Vorderpfoten im Nacken des Opfers. Dann kam die schrecklichste seiner Waffen zum Einsatz: Mit Hieben seiner 40 Zentimeter langen Reißklaue an der Mittelzehe der Hinterbeine konnte er praktisch jedem Gegner den Bauch aufschlitzen. Als »messerprankiges Tretboxen« beschreiben seine Entdecker diesen Kampfstil.

Schon vor der Entdeckung des »Superschlitzers von Utah« kannten die Dinosaurierforscher einen seiner kleineren Verwandten: den Deinonychus ("schreckliche Klaue") - auch er ein besonders gefürchteter Raubsaurier, der seine Beute mit der Klaue der Mittelzehe aufschlitzte.

Aus Fußspuren und Knochenbau schlossen die Wissenschaftler: Der etwa wolfsgroße Räuber war schnell, intelligent und wahrscheinlich ein Warmblütler; er jagte in Rudeln und erbeutete pflanzenfressende Kolosse, die bis zu zehnmal größer waren als er. Es war die Entdeckung des Deinonychus, der die Forscher vor 25 Jahren zwang, ihr altes Bild von der versunkenen Welt der trägen und dummen Riesen zu revidieren.

Jetzt wurden zu dem vergleichsweise kleinen Deinonychus die gewaltigeren und noch unheimlicheren Verwandten aufgespürt, gegen die er sich ausnimmt wie eine Hauskatze neben einem Tiger. Vor 125 Millionen Jahren, am Anfang der Kreidezeit, waren Rudel der jetzt ausgegrabenen Utahraptoren die unbestrittenen Könige der Tierwelt.

Als der schwerfällige Tyrannosaurus rex am Ende der Kreidezeit die Erde eroberte, waren sie schon seit 60 Millionen Jahren verschwunden - seit ebenso langer Zeit, wie danach zwischen der Ära des Tyrannosaurus rex und dem Erscheinen des Menschen verstrich.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 92 / 119
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.