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Die Schätze der »Nuestra Señora de las Maravillas«

Foto: Brendan Chavez / Allen Exploration

Spektakulärer Fund Der verlorene Schatz der »Maravillas«

Viermal wurden in 350 Jahren legendäre Schätze aus dem Schiff »Nuestra Señora de las Maravillas« geborgen. Beim fünften Mal ging man jetzt wissenschaftlich vor – mit entsprechendem Erfolg.

Im Grunde beginnt die Geschichte der spanischen Galeone »Nuestra Señora de las Maravillas« mit der Bergung eines ganz anderen Schiffes: Im Oktober 1654 sank vor der Küste Ecuadors die »Capitana«. Ihre Ladung hätte kostbarer kaum sein können. Goldmünzen im Wert von fünf Millionen Pesos und Silberschmuck füllten die Frachträume, vor allem aber sollte sie eine im Auftrag des Königs Philipp IV. gefertigte, lebensgroße Statue der Jungfrau Maria nach Spanien bringen. 200 Kilogramm, heißt es, wog die mit Gold und Smaragden geschmückte Heiligenstatue. Und Philipp war nicht gewillt, sie verloren zu geben.

Tatsächlich fanden die Spanier das Wrack in nur rund zehn Metern Tiefe, und so gelang die Bergung ihres Schatzes. Den brachte man nun nach Havanna, wo er auf die 650 Tonnen schwere »Nuestra Señora de las Maravillas« umgeladen wurde: Ein mächtig schweres Schiff, das am Neujahrstag 1656 mit 650 Seelen an Bord und einem Geleitschutz aus 22 Kriegsschiffen Richtung Spanien aufbrach.

Weit kam sie nicht. Ungünstiges Wetter und Inkompetenz führten am 4. Januar zur Katastrophe: Erst übersah jemand in der Flotte ein Riff, und als dann viel zu spät Warnung gegeben wurde, brach Hektik aus. Ein kleineres Schiff rammte die »Maravillas«, als die einen hierhin abdrehten, die anderen dorthin. Nur 45 Menschen überlebten, als Schiff und Schatz irgendwo im flachen Meer um die Bahamas versanken.

Die »Nuestra Señora de las Maravillas« (künstlerische Vorstellung): Das schwerste Schiff der Flotte

Die »Nuestra Señora de las Maravillas« (künstlerische Vorstellung): Das schwerste Schiff der Flotte

Foto: Allen Exploration

Und noch einmal versuchte Spanien, die Galeone und ihre Fracht zu bergen. Gefunden war sie schnell, doch als die Seeleute Haken herabließen und versuchten, sie in weniger tiefe Gewässer zu schleppen, zerbrach die »Maravillas«. Über ein weites Gebiet, hieß es, verteilten sich Trümmer und Schätze, und bald schon bedeckte Sand, was von der Galeone übrig geblieben war. Der Versuch ihrer Bergung war gescheitert, der Schatz verloren.

Es sollte der Beginn einer 350 Jahre dauernden Suche werden – die Reichtümer der »Maravillas« wurden Legende. Deren letztes Kapitel schrieben in diesem Jahr nun Unterwasserarchäologen und Taucher unter Leitung des Unternehmens Allen Exploration , die zuletzt von der Regierung der Bahamas eine Lizenz für die Schatzsuche bekommen hatten. Sie hoben den Schatz, der bald in einem neuen Museum auf den Bahamas ausgestellt werden soll. Was er umfasst: auf jeden Fall außergewöhnlich wertvolle Schmuckstücke, Münzen, Edelsteine. Mehr Details sind bisher nicht bekannt: Das »Wreckwatch Magazine«  wird in seiner nächsten Ausgabe exklusiv darüber berichten.

Abenteurer auf Schatzsuche: »Viele Spesen...«

Es scheint auf jeden Fall viel zu sein – mehr als bisher gefunden wurde. Denn tatsächlich wurde der erste Teil des Wracks der »Maravillas« bereits 1972 entdeckt: Der Abenteurer Robert F. Marx fand den Bug des Schiffes 1972  und barg rund 1700 Münzen und andere Wertgegenstände. Darüber, wem das alles gehören sollte, entbrannte schnell ein heftiger Disput – die Bahamas beanspruchen Rechte auf Funde in ihren Gewässern. Zu einer freundlichen Einigung kam es nicht, Marx rührte die PR-Trommel : Seine Mannschaft ließ er für Fotografen bis an die Zähne bewaffnet an Bord seines Bergungsschiffes posieren, die Schauspielerin Cybill Shepard trat in der populären Jay-Leno-Show mit einem Kreuz um den Hals auf, das Marx aus dem Wrack geholt hatte.

Ihm folgte ab 1982 James Herbert Humphreys Jr.  Der Finanz-, Hotelerie- und Charterflugunternehmer leistete sich mit der »Beacon«, einem umgebauten Kabelverlegungsschiff, eines der modernsten Explorationsschiffe der Zeit. Und anders als Marx achtete er darauf, einen ordentlichen Vertrag mit den Bahamas abzuschließen: Die ließen ihn Suchen und Bergen. Fündig wurde auch Humphreys schnell, doch mehr als Einzelstücke kamen kaum dabei herum. Noch 1987 berichtete der SPIEGEL beiläufig über seine Suche. Humphreys hatte seine Schätzungen über das, was er da zu finden versuchte, von einem Wert von einer auf 1,6 Milliarden Dollar gesteigert . Fantasien, die unter anderem der Fund eines 49,6-Karat-Smaragds beflügelt hatte.

Trotzdem: Viel mehr als ein paar Millionen Dollar kam bei der jahrelangen Suche nicht herum. Zu wenig, um auch nur den Aufwand zu decken – »viele Spesen, nichts gewesen«, wie der Volksmund sagt.

Mehr Ausgrabung als Schatzsuche

Vielleicht, weil auch er falsch suchte. Marx wie Humphreys waren primär Schatzsucher, die nach Wertsachen in großer Quantität suchten. Anders nun Allen Exploration, die die Zusammenarbeit mit professionellen Unterwasserarchäologen suchten. Sie gingen systematisch vor, kartierten, erfassten und beschrieben: Ziel war nicht nur, Artefakte zu finden, sondern auch, die Geschichte der »Nuestra Señora de las Maravillas« zu Ende zu schreiben.

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Die Schätze der »Nuestra Señora de las Maravillas«

Foto: Brendan Chavez / Allen Exploration

Für Carl Allen, der die Suche finanziert, ist das kein Geschäft, sondern Teil seiner philanthropischen Tätigkeiten. Der US-Amerikaner, dessen Privatvermögen auf fast eine halbe Milliarde Dollar geschätzt wird, ist vor einigen Jahren auf die Bahamas gezogen – und hat sich dort die kleine Insel gekauft, vor der Teile des Wracks gefunden wurden. Der Tag habe sein »Leben verändert«, sagte er 2020 in einem Interview mit »Boat International«. Und dass er es als Teil seiner »Mission« sehe, möglichst viele der zahlreichen Wracks rund um die Bahamas zu bergen: »Da draußen vor der Tür liegt genug, um die Staatsverschuldung der Bahamas zu tilgen.«

Das sehen auch andere so. Dass Allen von der Regierung der Bahamas lizenziert worden war, nach der »Maravillas« zu tauchen, war erst vor wenigen Monaten bekannt geworden und auf teils heftige Kritik gestoßen . Zahlreiche ortsansässige Unternehmen hatten sich vergebens um entsprechende Lizenzen bemüht. Den Ausschlag gab angeblich die philanthropische Stoßrichtung des Allen-Projekts, die eben keinen primär kommerziellen Nutzen suche, sondern die Funde in einem Museum auf den Bahamas präsentieren wolle .

Ihre Spuren, Überreste und Ladung fanden sie in nicht allzu großer Tiefe über eine Strecke von 13 Kilometern am Meeresboden verteilt. Sie sammelten sie ein, ein Stück hier, ein Stück da. Kein Wrack, sondern ein gigantisches Puzzle.

Dass sie fündig wurden, verdankten sie allerdings auch Veränderungen, die das Meer um die Bahamas seit den Siebziger- und Achtzigerjahren durchlaufen hat: Die Korallenriffe sind tot, der Meeresboden liegt mitunter kahl und nackt da. Und vereinzelt glitzerten dort eben auch Funde, sagte Firmengründer Carl Allen dem »Guardian «.

Was und wie viel genau, wird man am 8. August erfahren. Dann öffnet in Freeport, Bahamas, das neue maritime Museum . Es ist den Funden der »Maravillas« gewidmet.

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