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STADTPLANUNG Der Wahn der Technokraten

Um Platz für die Montage des Riesen-Airbus A3XX zu schaffen, will der Hamburger Senat das »Mühlenberger Loch« im Elbstrom zuschütten - wider alle Vernunft. Ein einzigartiges Süßwasserwatt würde geopfert, die Flußlandschaft verschandelt, die Gefahr von Sturmfluten in Kauf genommen. Das zweifelhafte Genehmigungsverfahren geht in die entscheidende Phase.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Von einem »lieblichen Erdenfleck«, in seiner »Vollkommenheit einzig auf dem Continent«, schwärmte der Kaufmann Caspar Voght 1828 in einem Brief an den Hamburger Bausenator Martin Jenisch. Über dem Elbhang hatte der hochgebildete, weitgereiste Handelsherr riesige Ländereien als Park und Mustergut gestaltet, mit prächtigen Ausblicken auf den Strom und die blauen Hügel in der Ferne.

Weitläufige Landschaftsgärten im damals neuen englischen Stil legten sich fortan, nach dem Voghtschen Vorbild, auch andere Hamburger Großkaufleute zu: Als Bürger mit Weitsicht, die vom hohen Ufer aus nach ihren Segelschiffen Ausschau halten konnten, schufen sie eine Reihe von heute öffentlichen Parks, die mit dem Panoramablick auf die Elbe locken und das Gesicht der Stadt prägen.

Ein industrielles Monstrum von zwei Kilometern Länge und 58 Metern Höhe soll künftig die bislang freie Aussicht über den breiten Strom verstellen.

An den schönsten Plätzen, die Caspar Voght einst »den Freunden und der Ruhe« widmete, wird es dazu noch wie von Preßlufthämmern dröhnen: Die Täler und Wiesen des Parks mitsamt den angrenzenden Wohngebieten liegen in der Probeflugschneise des Riesen-Jets A3XX, den die DaimlerChrysler Aerospace AG (Dasa) mitten in der Elbe bauen lassen möchte; hundertjährige Bäume werden aus der Bahn des neuen Superfliegers geräumt werden müssen.

Für sein Projekt braucht der Konzern, derzeit am Südufer der Elbe ansässig, neue Montage- und Lackierhallen von überdimensionalen Ausmaßen: 14 Stockwerke hoch soll die zwei Kilometer lange Hallenfassade aufragen (siehe Grafik Seite 212). Der geplante Super-Airbus ist so gewaltig, daß er die Halle des Hamburger Hauptbahnhofs nahezu ausfüllen würde.

Dem Vorhaben, um das auch Rostock und Toulouse konkurrieren, will der rotgrüne Senat bereitwillig ein Herzstück des Stroms opfern - mit Ausbauplänen, wie sie schon in der Nazi-Zeit für »Großhamburg« zu Papier gebracht worden waren: Das »Mühlenberger Loch«, Europas größtes Süßwasserwatt, soll zu fast einem Drittel zugeschüttet werden, um Baugrund für die Erweiterung der schon bestehenden Dasa-Werft zu schaffen, die verlängerte Startbahn soll weit in den Fluß hinausreichen.

Hamburg soll sich nach dem Willen der Stadtväter zu einem der weltweit führenden Standorte der Flugzeugherstellung aufschwingen. Nur Seattle und Toulouse wären der Hansestadt dann noch ebenbürtig.

Für das Renommierprojekt ist der Senat bereit, jede Vernunft zu opfern: Den schon heute vom Lärm des Flughafens Fuhlsbüttel geplagten Hamburgern will er nun auch die Testflüge der neuen Riesenjets zumuten. Ein einzigartiger Rückzugswinkel seltener Vogel- und Fischarten muß weichen. Die Gefahr neuer Sturmfluten wird in Kauf genommen.

In seinem Drang, Hamburg endlich zur »Metropolregion« zu machen, treibt vor allem Wirtschaftssenator Thomas Mirow das Projekt »mit allen Mitteln« voran - ein Kraftakt, gegen den sich eine große Koalition von Sachkundigen mit unterschiedlichsten Einwänden stemmt.

Der erbitterte Widerstand von hanseatischen Bürgern, Wissenschaftlern, Naturschützern und Juristen gilt dem Größenwahn der Hamburger Wirtschaftsbehörde, aber auch dem schildbürgerhaften Fürwitz des Amtes für Strom- und Hafenbau, das

* Bei der Landung auf dem Hamburger Dasa-Gelände.

landschaftliche Ressourcen und Flächen des Elbstromtals schon seit Jahrzehnten stetig zerstückelt, abgegraben und kanalisiert hat - kurzsichtige Eingriffe, die letztendlich hausgemachte Katastrophen wie die Sturmflut von 1962 herbeiführten.

Für eine geplante Hafenerweiterung wurden am Südufer der Stadt ganze Ortschaften platt gemacht. Konzepte für die hochfliegenden Umstrukturierungen fehlen bis heute, der erhoffte Hafen-Boom blieb aus. Geblieben ist der unermüdliche Eifer der Behörde und ihres mächtigen Amts, das nun nach dem »Mühlenberger Loch« giert und mit der Dasa alle als Ersatz angebotenen, weniger kostbaren Bauflächen abgelehnt hat.

Weil jedoch, nach europäischem Naturschutzgesetz, für das einzigartige Süßwasserwatt und seine Tierwelt zumindest »Ausgleich« gefunden werden muß, haben sich die Beamten absurde Verschiebeaktionen ausgedacht: Als Notlösung, bisher in Europa ohne Vorbild, sollen nahe gelegene, gänzlich anders geartete Naturschutzflächen ausgebaggert, geflutet und in Wattengebiete umgewandelt werden - hanebüchene Vorschläge, die nach Überzeugung von Uwe Westphal, Ornithologe beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), den »grotesken Technokratenwahn« deutlich machen, »der hier am Werk ist«.

Um die Pläne von Senat und Dasa, die schon mit Probebohrungen und Erdreichuntersuchungen vorangetrieben werden, doch noch zu vereiteln, sind nun zu einem Mammutverfahren mehr als 2600 »Einwender« auf den Plan getreten. Mit vielfältigen Argumenten trafen sie sich in den letzten beiden Wochen zum entscheidenden »Erörterungstermin«, der sich an die vorgeschriebene Auslegung der Behördenpläne anschließt.

»Auf eigene Kosten und eigenes Risiko«, so hatte 1997 Hamburgs damaliger sozialdemokratischer Bürgermeister Henning Voscherau dem Konzern versprochen, werde die Freie und Hansestadt »alle erforderlichen Verfahren durchführen": Die enorme Summe von 1,8 Milliarden Mark ist die Hansestadt bereit zu investieren, in der Hoffnung auf »4000 neue Arbeitsplätze in der Metropolregion« (Voscherau) - die von der Dasa allerdings keineswegs garantiert werden.

Gegen die großzügige Offerte zugunsten eines privatwirtschaftlichen Unternehmens, von Voscheraus Nachfolger Ortwin Runde bereitwillig übernommen, kämpfen nun seit dem 1. Februar im Erörterungsverfahren Widerständler von beiden Seiten der Elbe.

Obstbauern und hanseatische Großkaufleute, Botaniker, Ornithologen und Gewässerkundler, Villenbesitzer, Bürgervereine, Umweltverbände und Seglervereine treffen sich mitsamt ihren Rechtsanwälten zur täglichen Acht-Stunden-Debatte mit den Verfechtern von Airbus-Bau und Wattaufschüttung.

Die Themen der Antragsgegner umfassen 150 unterschiedliche Aspekte. Angeprangert werden die nicht bedachten Folgen der geplanten Elbverfüllung - von der Klimaverschlechterung über neue Flutkatastrophen und gesundheitsschädliche Lärmbelästigungen bis hin zum Aussterben von streng geschützten Tier- und Pflanzenarten.

Mindestens bis zum 18. Februar soll die leidenschaftlich geführte Diskussion in der Harburger Friedrich-Ebert-Halle andauern; längst ist der Streit, mit allen Elementen von der Schmierenkomödie bis zum Trauerspiel ausgestattet, keine Hamburgensie mehr.

Einen »bundesweit einmaligen« Mißstand, der die Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens in Zweifel geraten läßt, beklagt Rechtsanwalt Peter Mohr, der vier Naturschutz- und Bürgervereine sowie Privatpersonen vertritt: Anhörungs-, Planfeststellungs- und Genehmigungsbehörde sind bei diesem Verfahren miteinander identisch - anders gesagt: Antragstellung und Begutachtung liegen in einer Hand.

So ist die auf dem Podium mit einem Dutzend Beamten vertretene Wirtschaftsbehörde zugleich zuständig für das gesetzlich vorgeschriebene Planfeststellungsverfahren, das darüber entscheidet, ob die Auswirkungen des Großprojekts im öffentlichen Interesse zumutbar sind. Der Verhandlungsleiter ist Untergebener von Wirtschaftssenator Mirow, der das Bauvorhaben energisch vorantreibt.

»Da beginnen die Bauchschmerzen«, kommentierte sogar das bislang den Plänen zugeneigte »Hamburger Abendblatt": »Daß die Wirtschaftsbehörde Prüfinstanz in eigener Sache ist, läßt zumindest Zweifel an der Objektivität des Verfahrens aufkommen.«

Pathetisch drückte, in der gereizten Stimmung des ersten Verhandlungstags, Einwender Walter Hinneberg seine Empörung über den berüchtigten Hamburger Politfilz aus: »Wir alle befinden uns auf einer Beerdigung«, rief der 80jährige Schiffsmakler in den Saal. »Hier wird die Demokratie beerdigt, und Beerdigungsunternehmer ist die Freie und Hansestadt Hamburg.«

Über »Schlamperei« und »grobe Mängel« bei der Erarbeitung der Planungsunterlagen beklagen sich der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, aber auch Anwälte und unabhängige Wissenschaftler in großer Zahl. In 23 Aktenordnern verstaut, flankieren die Unterlagen den Podiumstisch der Wirtschaftsbehördler und ihres mächtigen Amtes; den Naturschutzverbänden und Vereinen wurden die Papiere per Spediteur in Umzugskisten ins Haus gebracht.

Auf drei Millionen Mark werden allein die Kosten für die vom Senat bestellten Gutachten veranschlagt. Den lukrativen Auftrag für die Vergabe der Gutachten und die Koordination des gesamten Verfahrens erhielt das private Hamburger Umweltberatungsbüro von Bodo Fischer, der für die Behörde und DaimlerChrysler gleichzeitig spricht.

Fischer hat auf seinen PR-Touren für die Werfterweiterung verbreitet, das Mühlenberger Loch sei erst von den Nazis gegraben worden - in Wirklichkeit ist es seit Menschengedenken Bestandteil des Elbe-Urstromtals. Wahr ist: Auch die Nationalsozialisten verfolgten schon bizarre Elbe-Bebauungspläne, die Berater Fischer sich nicht scheute seinen Unterlagen beizufügen. Noch 1944 sollten Strom und Hafen von Großhamburg rechtwinklig kanalisiert und ausgebaut werden. Im Mühlenberger Loch war bereits 1937 ein Landeplatz für Wasserflugzeuge eingerichtet worden.

In den Aktenordnern finden sich auch Karten und Baupläne aus den späteren Jahren, die »die Planungsanmaßung und Inkompetenz« der Wirtschaftsbehörde und des Amtes für Strom- und Hafenbau deutlich machen, wie Architekt Heinz-Bernd Millhagen sagt, der den »Verein zum Schutz des Mühlenberger Loches« vertritt.

Der »brutale und dummerhaftige Umgang mit Ressourcen und Flächen« (Millhagen) zeigte sich beispielsweise an Maßnahmen, die später zur Ursache der Sturmflutkatastrophe von 1962 wurden: Damals hatte das Amt den Fluß immer einschneidender begradigt und vertieft und damit den Tidenhub stetig vergrößert, ohne daß die Deiche erhöht wurden.

Die Folge: Bei Sturmfluten staut sich das Wasser immer höher auf, es kann nicht - wie in früheren Zeiten - seitlich in Wiesenareale ablaufen. Auch bei den Flutkatastrophen an Rhein und Oder wirkte sich diese Fehlentwicklung aus, die letztlich den Hirnen der Strombauplaner entsprungen ist.

»Teetje mit de Utsichten« nannten, wegen seiner hochtrabenden Pläne, die Hamburger ihren Wirtschaftssenator Helmut Kern, der in den späten Sechzigern die Zerstörung des Süderelberaums in Gang setzte. Voller Pläne, die nicht fundiert waren, trieb Kern, Helmut Schmidts Seglerfreund, den Um- und Zubau der geschichtsträchtigen, ehemals idyllischen Elbregion voran - mit grandiosem Hafenwachstum begründete Aktivitäten, von denen, neben dem großen Container-Terminal, ein vorwiegend chaotisches Gemenge und ein 40 Meter hoch aufgetürmtes Baggerschlickmassiv geblieben sind.

Traurige Berühmtheit erlangte das Schicksal des Süderelbe-Dorfes Altenwerder, das nach jahrelangem Widerstand und heftigen Protesten für die angekündigte Hafenerweiterung 1974 geräumt und 1994 platt gewalzt wurde; inzwischen liegen die Arbeiten wieder still.

Gewässerkundler warnen jetzt, da das Mühlenberger Loch geopfert werden soll, vor neuen katastrophalen Sturmfluten durch Strömungs- und Volumenveränderungen: Werden wie geplant etwa 200 Hektar Wasserfläche zugeschüttet, kann das Watt nicht länger als Ausdehnungs- und Rückhaltefläche für die Hochwasserfluten der eingeengten Elbe dienen. Ohnehin ist das Mühlenberger Loch, so der Hamburger Hydrobiologe Professor Hartmut Kausch, nur als »winziger Rest« ehemals weitläufiger, natürlicher Überflutungsareale geblieben.

Wissenschaftler und Naturschutzverbände bemühen sich seit langem, von den seit 1962 gradlinig eingedeichten rund 1000 Hektar Vorland »wenigstens einen Bruchteil wieder freizukriegen«, sagt der Hamburger Nabu-Geschäftsführer Manfred Prügel, »ganze 20 Hektar kamen dabei heraus«. Die Versuche, zu reparieren, was das Amt für Hafenbau einst anrichtete, sind mühselig, denn ein Großteil der eingedeichten Flächen sind inzwischen verpachtet und landwirtschaftlich genutzt.

Während der Überflutungsraum dahinschmolz, so Biologe Prügel, »wurden die Stürme eher stärker": »Die Wasserstände könnten künftig noch dramatischer ansteigen.« Da können immer höhere Deiche allein keine Sicherheit mehr bieten.

Solange es unverbaut bleibt, reguliert das Mühlenberger Loch mit dem Gezeitenwechsel auch die Selbstreinigung des Hauptstromes. Der Hamburger Innenstadt, in die meist westliche Winde wehen, gewährleistet die Wattenfläche frische Luft.

Eine wichtige Funktion hat das Gewässer auch als Wärmepolster, das den Obstbau im Alten Land erst möglich macht: Wird die Flachwasserzone zubetoniert, drohen den Bauern, die jetzt mit ihren An-

* Biologen Westphal (M.), Prügel.

wälten zum Verfahren angerückt sind, beträchtliche Ernteverluste. Ausgleichszahlungen für Wassersprühanlagen, die die Obstblüten mit einer dünnen Eisschicht vor dem Erfrieren schützen, mußte die Stadt Hamburg schon in Millionenhöhe leisten, weil die Eindeichungen nach 1962 das Klima verschlechtert hatten.

Die neuerliche Landnahme, der auch die in der Hansestadt mitregierenden Grünen zugestimmt haben, sei »ein Anschlag auf Hamburgs Einzigartigkeit, Schönheit und Identität«, klagt Architekt Millhagen. Das Arbeitsplatzargument sei fadenscheinig und nur »draufgesattelt«; die versprochene Zahl wurde im Januar vom Wirtschaftspolitischen Sprecher der Bürgerschaft schon halbiert.

Wenn überhaupt, dann bekäme Hamburg den Auftrag, für den Groß-Airbus die Endmontage vorzunehmen. »Aber was«, fragt Einwender Johannes Menssen, »hat das Zusammenschrauben des Großflugzeugs mit Hochtechnologie zu tun?« Hinzu kommt: Die Flugzeugbauer, die man dafür braucht, seien ohnehin »Mangelware beim Arbeitsamt« und müßten von auswärts nach Hamburg geholt werden. Überdies ist die Aussicht auf die hochsubventionierten Jobs höchst ungewiß.

In Luftfahrtkreisen wird spekuliert, daß die Endmontage des A3XX wahrscheinlich nach Toulouse geht. Hinter vorgehaltener Hand äußern auch Hamburger Dasa-Topmanager diese Erwartung. Doch auch das konkurrierende Rostock wäre den Kritikern recht. Sie halten es für den geeigneteren Standort: In Rostock gibt es ökologisch unbedenkliche Flächen in hinreichendem Abstand zur Wohnregion sowie einen von der Dasa schon genutzten Testflugplatz.

Solcherlei Einwände mögen weder der neue Bürgermeister ("Der A3XX könnte für Hamburg so etwas werden wie die Nasa für Houston") noch der alte hören. Gegen die Hanseaten, die das Projekt als Unfug bekämpfen, fuhr Voscherau schweres Geschütz auf: »Wer in Hamburg hätte das Recht«, dem Senat bei seinem Vorhaben »in den Rücken zu fallen, und würde nicht aus der Stadt gejagt?«

Ornithologen, Fischkundler und Botaniker sehen indessen voraus, daß mit der Elb-Verbauung das empfindliche ökologische Gefüge mit seinen vielerlei Funktionen für die Fauna und Flora zusammenbricht. Die drei Kilometer breite Wasserfläche außerhalb der Fahrrinne ist, als nahrungsreicher Zufluchtsort für seltene Vögel und Fische, auch nach EU-Naturschutzrecht gleich mehrfach geschützt.

Wenn die idyllische Stromlandschaft die kommenden Monate noch unversehrt erlebt, werden dort im Frühling wie eh und je Tausende von Zugvögeln zur Rast einkehren. Zu den international streng geschützten Arten zählt die scheue, rostbraune Löffelente mit flaschengrünem Kopf, die zum Wappentier des Streits geworden ist und sich von tierischem und pflanzlichem Plankton aus dem Flachwasser ernährt; unter Schutz stehen auch Krickenten, Brandgänse und sibirische Zwergschwäne, die in kleinen Trupps in das Süßwasserwatt einfliegen. »Prioritär« geschützt nach europäischen Richtlinien sind auch vom Aussterben bedrohte Pflanzen wie der Schierling-Wasserfenchel, der mit seinen weißen Blütendolden bis zu einem Meter hoch aus dem Wasser ragt.

Massenhaft vorkommende Kleinkrebse und Wattwürmer sind Hauptspeise von 30 Fischarten, die auf den Sandbänken des Mühlenberger Lochs laichen. Die vielgrätige, nach EU-Vorschrift geschützte Finte hat hier ihre wohl größten europäischen Bestände. Neuerdings macht sich auch der (ebenfalls prioritäre) Nordseeschnäpel wieder breit, ein silberglänzender, wohlschmeckender Lachsverwandter, der schon als ausgestorben galt.

Die nunmehr geplante Zu- und Aufschüttung zugunsten des Flugzeugbaus würde, mitsamt dem Bau von Kaianlagen und neuen Deichen, nach Überzeugung des Ornithologen Westphal das ganze Watt »völlig entwerten«. Das Restareal würde sich verfestigen, der Tierwelt gingen Nahrungsgründe und Ruhe verloren, scheue Vögel wie die Löffelenten hätten durch die Einengung ihres Lebensraums nicht mehr die notwendige Fluchtdistanz.

Als »miserabel«, »sinnlos« und »unbrauchbar« beurteilen die Gewässerkundler Hartmut Kausch und Ralf Thiel die zum Erörertungstermin vorgelegte »Analyse und Bewertung der Bedeutung des Mühlenberger Loches und der geplanten Maßnahmen für die Fischfauna«.

Die Bestandsaufnahme sei mit falschen Methoden (viel zu große Maschenweite, ungeeignetes Gerät, viel zuwenig Probenstellen) und zur falschen Jahreszeit nur flüchtig vorgenommen worden, die »überragende Funktion« des Flachwassergebiets als Kinderstube für Jungfische werde auf diese Weise völlig unterschätzt.

»Fehlerhafte Berechnungen« haben auch die Münchner Lieferanten des schalltechnischen Gutachtens eingestehen müssen. Sie sollten die Lärmbelastung für die Anwohner bewerten, die durch Probeflüge zwischen 6 und 22 Uhr über dem nördlichen Elbufer entsteht. Nun heißt es: »Die vorhabensbedingten Belastungen sind dort höher als angegeben.«

Ohnehin sind die Hamburger durch den zivilen Luftverkehr viel stärker lärmgeplagt als die Bewohner anderer deutscher Großstädte. Um den innenstadtnah gelegenen Flughafen Fuhlsbüttel anzusteuern, müssen Jets aller Größenklassen jeweils den gesamten bewohnten Stadtraum überfliegen - in Stoßzeiten mit weniger als einer Minute Abstand hintereinander.

Mit dem Dasa-Vorhaben holt sich Hamburg nun einen zweiten Flugplatz direkt an die westlichen Wohngebiete. Das Gedröhn startender und landender Riesenvögel über Häusern, Parks und Gärten, das mit jedem der werktäglichen 35 Überflüge als Spitzenwert den Geräuschpegel eines Preßluftbohrers erreicht, wird noch durch die täglichen sechsstündigen Probeläufe der Riesendüsen des A3XX verstärkt.

Während der Bauzeit sollen zudem vom Frühsommer dieses Jahres an Tag und Nacht acht hydraulische Schlagrammen für die neuen Kaianlagen 40 Meter lange Pfähle in den Wattboden treiben - eine Baumaßnahme, deren Lärmbelastung von den Gutachtern offenkundig ebenfalls fehlerhaft errechnet wurde.

Als wahren Schildbürgerstreich sehen die Ornithologen die von der Wirtschaftsbehörde immer neu unterbreiteten Ausweichvorschläge für das bedrohte Stück urwüchsiger Natur.

Um den nach EU-Gesetz vorgeschriebenen Ausgleich für das vernichtete »Feuchtgebiet internationaler Bedeutung« zu schaffen, zu dem das Mühlenberger Loch 1992 deklariert wurde, sollen die dort rastenden und gründelnden Vögel in andere Regionen umgeleitet werden. Als neue Heimstatt für das Federvieh haben die Planer unter anderem die Gefängnisinsel Hahnöfersand oder den schleswig-holsteinischen Twielenflether Sand ausgeguckt.

Teile von Hahnöfersand, so der Behörden-Vorschlag, sollten zu diesem Zweck geflutet und in ein Watt umgewandelt werden, ein Prozeß, der, wenn er überhaupt gelänge, Jahre dauern würde. Gleichsam als Alcatraz des Nordens, so spotteten Einwender, würde der Knast aus dem Wasser ragen.

Zwei Millionen Kubikmeter Sand, entsprechend der Ladung von 120 000 Lastern, müßten bewegt werden, um die gräbendurchzogene Weidelandschaft Twielenflether Sand zum Süßwasserwatt umzubauen - ein Vorschlag, über den sich auch Kieler CDU- und FDP-Politiker mokierten. Der Twielenflether Sand ist bereits ein anerkanntes europäisches Naturschutzgebiet, allerdings nicht als Watt, sondern als Brut- und Rastgebiet für Wiesenvögel. Die müßten dann den Wattvögeln weichen und würden ihrerseits Wohnrecht an einem Ersatzplatz beanspruchen. Ein »absurdes Theater«, so Biologe Westphal, denn: »Natur ist nicht nach dem Bausatzprinzip an beliebiger Stelle machbar.«

All diese Manöver wären überflüssig, wenn sich die Dasa mit einer der vorgeschlagenen Alternativflächen zum Mühlenberger Loch hätte anfreunden können.

Die Airbus-Planer mochten sich mit keiner der Alternativen ernsthaft befassen, die ihnen Ersatz für das Unersetzliche boten (siehe Grafik Seite 208). So verwarfen sie, nach kurzer Untersuchung, auch das von den Grünen vorgeschlagene Gebiet der »Westerweiden« unweit des jetzigen Werksgeländes, das allerdings gleichfalls unter Naturschutz steht. Nicht genehm war auch der nahegelegene, von Obstgärten bestandene »Rosengarten«. Begründung in beiden Fällen: zu klein, nicht geeignet, im Fall des »Rosengartens« auch rechtlich zu schwierig wegen langwieriger Enteignungsprozeduren.

Auch der Vorschlag, das Gelände der stillgelegten Deutschen Werft mitsamt der nahegelegenen Rüschhalbinsel zu nutzen, paßte der Dasa nicht. Hier könnten die Bauteile des A3XX ohne bedeutende Eingriffe in den Naturhaushalt zusammengeschraubt werden. Es wäre ein »sinnvolles Flächen-Recycling betrieben worden, indem die Dasa ein altes Hafenrevier saniert und wieder als Industriestandort belebt hätte«, meinen die Einwender. Begründung auch hier: für die Bedürfnisse der Flugzeugschrauber zu klein.

In der Friedrich-Ebert-Halle geht unterdessen der verbissene Kleinkrieg weiter, den die Wirtschaftsbehörde gegen die Einwender führt. Einer von deren Anwälten brachte letzten Dienstag ans Licht: Um

* Bei der Fahrt auf den Dasa-Parkplatz überquert das Flugzeug eine Straße.

die Kritiker zu demotivieren, hatte die Behörde im öffentlichen Anzeiger des Senats schon die Ankündigung für die Ausschreibung der Verfüllungsarbeiten gedruckt.

Die Einwender nannten das eine »Provokation«, selbst der von der Behörde eingesetzte Verfahrensleiter gehörte zu den Düpierten: »Ein Versehen.« Die Protestler reagierten mit Zornesausbrüchen. Architekt Millhagen: »So schnell geben wir nicht auf.«

Immer noch hoffen beide Parteien auf Brüssel, von wo Unterstützung oder Veto kommen soll. Dort prüft die dänische Umweltkommissarin Ritt Bjerregaard zur Zeit die zahlreichen Einsprüche und Klagen ebenso wie die Anträge des Senats.

Ihr Diktum hält sich die Kommissarin noch offen: Sie habe »noch nicht entschieden, ob ein Verstoß gegen die Richtlinien« vorliege. Bjerregaard: »Sollte ein Verstoß vorliegen, werde ich ihn mit Sicherheit ahnden.« RENATE NIMTZ-KÖSTER

* Bei der Landung auf dem Hamburger Dasa-Gelände.* Biologen Westphal (M.), Prügel.* Bei der Fahrt auf den Dasa-Parkplatz überquert das Flugzeugeine Straße.

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