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LINGUISTIK Deutscher Sonderweg

In jahrelanger Fleißarbeit haben Max-Planck-Forscher einen Weltatlas der Sprachen erstellt - die erste vergleichende Zusammenschau der menschlichen Kommunikation.
Von Katharina Kramer
aus DER SPIEGEL 31/2005

Es ist brütend heiß in der kleinen namibischen Siedlung ohne Strom und fließend Wasser am Rande der Kalahari-Wüste. Hier leben die !Xoon, früher abfällig Buschmänner genannt, die heute meist für kargen Lohn auf Farmen von Bantus oder weißen Buren arbeiten. Im Schatten eines Kameldornbaums hat Sprachwissenschaftler Roland Kießling von der Universität Hamburg sein Aufnahmegerät aufgebaut.

Frida, eine junge !Xoon, erzählt eine traditionelle Fabel von einem Schakal und einer Hyäne, die einen Buren überlisten wollen. Was Fridas Lippen entströmt, klingt für europäische Ohren wie von einem fremden Planeten. Verschiedenste Schnalz- und Knacklaute folgen dicht aufeinander. Mal hören sie sich an wie ein Kuss, mal wie ein kurzer Peitschenknall. Obendrein benutzt die Frau ungewohnte Vokale: gehaucht, nasal, guttural - und das alles mit gespenstischer Leichtigkeit und Geschwindigkeit.

Ihre Sprache enthält mehr Laute als jede andere der Welt: 126 Konsonanten (darunter 83 Schnalze) und 30 Vokale. Dagegen nimmt sich das Deutsche bescheiden aus mit 23 Konsonanten und 14 Vokalen (Kombinationen wie »sch« oder »ei« mitgezählt).

Zu Ehren kommt die Rekordsprache jetzt in einem neuartigen Weltatlas der Sprachstrukturen**. Mehrere Jahre lang haben

Linguisten des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie daran gearbeitet. Zahlreiche Feldstudien wie die von Kießling flossen mit ein.

Das Standardwerk liefert zum ersten Mal eine vergleichende Zusammenschau von lautlichen und grammatischen Eigenschaften von Sprachen aller Erdteile. 142 Weltkarten zeigen die geografische Verteilung der verschiedenen sprachlichen Merkmale - von der Zahl der Konsonanten über den Satzbau bis zur Zahl der grammatischen Fälle. Über 2000 Sprachen wurden ausgewertet - immerhin ein Drittel aller Zungen der Erde. Auf jeder Karte finden sich durchschnittlich 400 Sprachen aus unterschiedlichen Sprachfamilien. 7000 Forschungsarbeiten von Einzelsprachexperten haben die über 50 Autoren des Großprojekts einbezogen.

»Wir wollen den Reichtum der menschlichen Sprache dokumentieren«, sagt Mitherausgeber Martin Haspelmath. Linguisten verzettelten sich oft im Betrachten weniger Idiome oder gründeten ihre Theorien nur auf große europäische Sprachen: »Häufig sind es aber gerade die kleinen unbekannten Sprachen, die unsere Vorstellung von den Möglichkeiten menschlicher Kommunikation erweitern.«

Der Atlas soll helfen, Schneisen in den globalen Sprachendschungel zu schlagen. Welche Merkmale treten besonders häufig und welche besonders selten auf? Wie sind regionale Besonderheiten zu erklären? Inwiefern beeinflussen sich die Sprachen gegenseitig?

Bei ihren Forschungen stießen die Wissenschaftler auf mancherlei Überraschungen. Das Deutsche beispielsweise erwies sich als exotischer als vermutet. Mit der wohl bizarrsten Wortstellung überhaupt beschreiten die Deutschen einen einmaligen Sonderweg. Fast alle Sprachen kennen eine feste Wortfolge, ohne Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebensätzen. Im Englischen beispielsweise gilt stets die Reihenfolge Subjekt-Verb-Objekt. Weltweit am häufigsten kommt die Anordnung vor, bei der das Verb immer am Schluss steht.

Ganz anders im Deutschen: Wir halten uns bei Hauptsätzen nur an eine Regel - das Verb gehört an die zweite Stelle. Die übrigen Wörter verteilen wir, wie es uns gerade gefällt ("Der Mann nimmt das Buch« oder »Das Buch nimmt der Mann"). Komplizierter noch: Im Nebensatz kommt das vagabundierende Verb an eine andere Position als im Hauptsatz - nämlich ans Ende ("weil der Mann das Buch nimmt").

Das deutsche Lautrepertoire reicht zwar nicht an das !Xoon heran, dennoch kommen zwei höchst seltene Vokale vor: ö und ü. In nur vier Prozent der ausgewerteten Sprachen treten diese beiden Laute auf. In Afrika, Südasien, bei den australischen Ureinwohnern sowie den Indianern Amerikas gibt es diese Klänge so gut wie nie.

Mit seinen vier grammatischen Fällen liegt das Deutsche hingegen nur im Mittelfeld. Ein Drittel der untersuchten Sprachen hat mehr als vier Fälle, ganz vorn liegen Sprachen mit über zehn; diese häufen sich im Kaukasus und bei den australischen Ureinwohnern, auch Ungarisch und Finnisch zählen dazu. Die Ungarn etwa gebrauchen 21 Fälle, meist dort, wo im Deutschen Präpositionen stehen: Ungarn sagen nicht »im Haus« oder »aus dem Haus«, sondern hängen jeweils eine andere Endung an ihre Vokabel für Haus.

Manches Phänomen, das Europäern vollkommen exotisch erscheint, ist in anderen Weltregionen weitverbreitet: Vielerorts entscheidet die Tonhöhe über die Bedeutung des betreffenden Wortes. So heißt »ma« im Chinesischen je nach Tonhöhe »Mutter«, »Pferd«, »Hanf«

oder »schimpfen«. Fast in jeder zweiten Sprache werden solche Tonunterschiede gemacht, darunter in fast allen Sprachen Schwarzafrikas. Die !Xoon beispielsweise drücken mit hohen und tiefen Tönen Zukunft und Vergangenheit aus.

Wer auf den Karten nach Verteilungsmustern sucht, stößt auch auf den Einfluss von Kultur und Umwelt. Dort wo es früher große Reiche und streng hierarchische Gesellschaften gab, werden beispielsweise noch heute vermehrt Höflichkeitsformen eingesetzt. In Japan, Thailand und Korea etwa reichen direkte Anreden (wie das »Sie« im Deutschen) gegenüber Höhergestellten nicht aus. Diese werden immer mit ihrem Status betitelt: »Möchten der Lehrer einen Tee?«

Anhand der Karten lässt sich auch gut nachvollziehen, wie sich Sprachen einst ausbreiteten. Deutsch, Englisch, alle romanischen und slawischen Sprachen sowie Persisch und Hindi gehen auf das Indoeuropäische zurück. So unterscheiden alle diese Sprachen männliche und weibliche Formen. Die meisten Sprachen außerhalb der indoeuropäischen Familie hingegen, etwa Finnisch, kennen keine Geschlechtsunterscheidung und benutzen für Mann und Frau ein und dasselbe Pronomen.

Lange führten Linguisten verwandte Sprachstrukturen vor allem auf einen gemeinsamen Ursprung zurück. Doch der Atlas zeigt nun, dass Übereinstimmungen sich mindestens so häufig auf Kontakte zwischen benachbarten, oft gar nicht verwandten Zungen gründen. So häufen sich im Westen Amerikas Sprachen, die nachweisbar nicht zu einer Familie zählen, aber alle mit einem seltenen Phänomen aufwarten: Beweisformen. Jeder Sprecher muss durch Verbendungen anzeigen, auf welche Quelle er seine Aussage stützt. Die Tuyuca-Indios in Brasilien markieren beispielsweise, ob sie eine Handlung selbst gesehen, selbst gehört, selbst erschlossen oder nur aus zweiter Hand erfahren haben.

Warum sich solche Besonderheiten häufig über Tausende Kilometer ausbreiten, dann jedoch irgendwo Halt machen, ist für die Forscher einstweilen eine offene Frage. »Die Karten geben uns viele Rätsel auf«, sagt Max-Planck-Forscher Haspelmath, »die Linguisten noch lösen müssen.«

Bis dahin wird so manche Sprache des Atlasses wohl schon vom Erdboden verschwunden sein: Alle zwei Wochen stirbt eine aus. Als Folge von Globalisierung und Verstädterung, fürchtet Haspelmath, werden in den nächsten hundert Jahren mindestens die Hälfte der heutigen Idiome verstummen.

Auch das !Xoon mit seinen nur noch 4000 Sprechern droht auszusterben. Die jüngeren !Xoon setzen alles daran, die tristen Halbwüstensiedlungen zu verlassen und in der Stadt ihr Glück zu machen. Dort werden sie ihre Muttersprache bald vergessen haben. KATHARINA KRAMER

* Das Ausrufungszeichen steht für einen Schnalzlaut.** Martin Haspelmath (u. a.): »The World Atlas of LanguageStructures«, Oxford University Press, Oxford; 712 Seiten; 275Pfund.

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