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TIERSCHUTZ »Die Leute kaufen Schrott«

Die Pute, von der Agrarwirtschaft als Gesundkost vermarktet, lebt im Elend: Zusammengepfercht, mit Medikamenten traktiert, wachsen überzüchtete Krüppeltiere in Massenhaltung heran. Nur wenige Ökolandwirte füttern glückliches Federvieh in Freiheit.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Der Vogel, den einst Kolumbus aus der Neuen Welt mitbrachte, beflügelt die Kochbuch-Texter zu höchstem Lob: Das buntschillernde Haustier der Indianer, mittlerweile zur reinweißen Turbo-Pute hochgezüchtet, sei ein »Star erster Güte, mit allen Vorzügen ausgestattet, die man sich nur wünschen kann«. Ob Brust oder Keule: »Der Vogel gibt in jedem Stück sein Bestes.«

Die kulinarischen Verheißungen, mit denen die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) für ihr Federvieh wirbt, rühren zugleich an die tierliebende Seele der Verbraucher: Das »Fleischgeflügel«, so die CMA, werde »durch bäuerliche Mäster ausschließlich in Bodenhaltung artgerecht aufgezogen«.

Seit Schweinepest und Rinderwahn grassieren, fliegen die Verbraucher geradezu auf die kalorienarme, eiweißreiche Pute:

* Gemälde »Freedom from want« von Norman Rockwell, 1943.

Jeder Deutsche vertilgt jährlich fast fünf Kilogramm Putenfleisch - vorzugsweise in Form der berüchtigten Schnitzel, mitunter als festlichen Braten, zunehmend aber auch verwurstet zu Spezialitäten wie Sülze, Salami oder Cevapcici.

»Raketengleich« sei in Deutschland der Putenverzehr angestiegen (seit 1990 um 80 Prozent), berichtet die »Lebensmittelzeitung«, weil »die Pute das letzte Tier der Massenhaltung ist, das von Horrormeldungen verschont blieb«.

Doch das schöne Bild von der glücklichen und gesunden Pute trügt: Aufzucht und Mast des beliebten Großgeflügels, längst in agrarindustrieller Massenhaltung betrieben, seien vielmehr »ein wirkliches Trauerspiel«, beklagt Siegfried Ueberschär, Veterinär an der Tierärztlichen Hochschule Hannover: Die hochtechnisierte Truthahn-Produktion, »in die noch niemand richtig reingeleuchtet hat«, sei »noch schlimmer als die der malträtierten Masthähnchen«, sagt der Tierpathologe.

Zwar auf dem Boden, aber in drangvoller Enge, »fast übereinander«, so Professor Ueberschär, sitzen die mehr als sieben Millionen Truthähne und -hennen in deutschen Mastanstalten ein. Im Endstadium der Mast werden pro Quadratmeter 50 Kilogramm »Tiermasse« gehalten, wie es im Fachjargon heißt.

Das kurze Dasein im Dauerlicht der Industriehallen, die für Zehntausende von Puten angelegt sind, läuft »unter minimalem Einsatz menschlicher Betreuung« (Ueberschär) ab - von der gewalttätigen Prozedur des Samen-Melkens und der künstlichen Befruchtung bis zum Einhängen in stählerne Galgen, an denen die flügelschlagenden Tiere kopfunter zur Tötung per Elektroschock ins Wasserbad befördert werden.

Auch die Transporte der Truthühner, wenngleich über kurze Strecken, können zur Qual werden: Die aus den übervoll gestopften Boxen ragenden Flügel brechen im Fahrtwind, wie Hannelore Jaresch vom Bundesverband der Tierversuchsgegner im niedersächsischen Dabe beobachtet und dokumentiert hat. Zur Entladung wurden, nach stundenlangem Warten, »die Tiere an den oft blutigen Beinen gepackt und aus den Boxen herausgerissen«, berichtet die Studienrätin, die auch andere Tiertransporte begleitete.

Die Mastpute sei »nur noch ein elendes Wesen, dem immer mehr Fleischleistung abverlangt wird«, sagt Heinz-Wilhelm Selzer, Präsident des Bundesverbandes Tierschutz, der als Landwirt selber Geflügel hält. Die starke Lobby der Putenmäster, deren Großbetriebe sich in den niedersächsischen Landkreisen Cloppenburg und Vechta konzentrieren, halte jedoch die »nicht tragbaren Zustände erfolgreich unter Verschluß«.

Der ursprünglich lauf- und flugfreudige Hühnervogel, Nachfahr der mexikanischen Unterart Meleagris gallopavo gallopavo, ist durch angezüchtetes überschnelles Wachstum auf groteske Weise mißgestaltet und behindert. »In Deutschland werden die weltweit schwersten Puten überhaupt gemästet«, vermerkt der vom »AgrarBündnis« herausgegebene »Kritische Agrarbericht 1997": Erreichte ein Mast-Truthahn vor 25 Jahren noch ein Endgewicht von rund elf Kilogramm, so bringt er es nun auf fast das Doppelte.

Kläglich rutschen oder liegen, zu Ende ihrer 22 Lebenswochen, die Tiere auf der überbreiten und schweren Brust, dem begehrtesten und teuersten Teil. Skelett, Beine und Sehnen können mit dem viel zu schnellen Wachstum nicht mithalten und verbiegen unter der Fleischlast.

Als sogenannte Qualzucht ist die in deutschen Brütereien und Mästereien am häufigsten gehaltene Hochleistungsrasse »B.U.T.Big 6« nach Paragraph 11 b des Tierschutzgesetzes verboten. Doch der Gesetzgeber läßt den Puten-Produzenten einen Ausweg: 90 Prozent der in Deutschland ausgebrüteten und gehaltenen Zuchttiere werden aus Großbritannien und den USA geliefert, die hiesigen Putenproduzenten können sich darauf zurückziehen, daß sie die Tiere nur vermehren.

Weil in den öden Hallen »die Einförmigkeit nicht zu überbieten ist«, wie der Kasseler Nutztierforscher Detlef Fölsch sagt, attackieren die eingepferchten und mit den ewig gleichen Kraftpellets gepäppelten Vögel ihre Artgenossen.

Ihnen fehlt, wie Professor Fölsch bemängelt, die Abwechslung durch Suche nach vielseitigem Futter, es fehle auch die Möglichkeit zum arttypischen »Aufbaumen« auf erhöhten Sitzgelegenheiten. Ergebnis dieses »Mißmanagements« ist, so Fölsch, das gegenseitige Anpicken, ein Fehlverhalten, das auch Hühner in Legebatterien zeigen: Die frustrierten und gereizten Tiere reißen am Gefieder ihrer Artgenossen und hacken schließlich manchen Nachbarn zu Tode.

Internationale Studien, die das Verhalten der Puten und ihre Mindestbedürfnisse erforschten, lägen längst vor, sagt Fölsch. Doch der Druck der einflußreichen Tierproduzenten, unter denen die Geflügelwirtschaftler die bestorganisierten sind, verhindere, daß die Ergebnisse vom Bundeslandwirtschaftsministerium umgesetzt würden - »eine Schwäche«, so Fölsch, »die beschämend ist«.

Um Einbußen durch Verhaltensstörungen zu verhindern, werden den Puten in der Massenhaltung die Schnäbel gekappt, eine Verstümmelung, bei der, wie Fölsch in Untersuchungen an Küken und Junghennen nachgewiesen hat, Nervenfasern, Bindegewebe und Blutgefäße durchtrennt werden. Schmerzen und ständige Irritationen sind die Folge, die Tiere können sich nicht mehr, wie naturgegeben, das Gefieder putzen.

Der von den Puten-Produzenten stets verharmloste Eingriff sei gemäß Paragraph sechs des deutschen Tierschutzgesetzes »generell verboten«, sagt Veit Kostka, Fachtierarzt für Geflügel in Gießen. Doch gewährt ein neues Gesetz, das im Juni dieses Jahres in Kraft trat, die Ausnahmeerlaubnis, die das zuständige Veterinäramt erteilen kann. Kostka: »Damit ist die Verantwortlichkeit abgeschoben.«

Als Mitarbeiter des hessischen Geflügelgesundheitsdienstes an der Universität Gießen kennt Kostka die Amputation per Laserstrahl aus eigener Anschauung. »Der Schnabel ist ein Tastorgan mit vielerlei Rezeptoren«, betont der Veterinär; ein Humanmediziner kommentiert den Eingriff: »Es ist, wie wenn Sie einem Menschen die Lippen abschneiden würden.«

Den Schnabel der Eintagsküken in den Lichtbogen zu plazieren, um die Schnabelspitze abzubrennen, ist ein leichtes. In »regelrechtes Gemetzel«, so Kostka, sei das Kupieren jedoch bei älteren Tieren ausgeartet: Den Puten, die sich heftig wehrten, wurden in einer hessischen Farm die Schnäbel mit der Gartenschere amputiert. Kostka: »Exaktes Schneiden war dabei unmöglich.«

Wo Tiere in Massenhaltung leben, wird auch mit Medikamenten großzügig umgegangen. Schädlichen Keimen, Milben und Fliegen, die in den Unmengen von Mist hausen, rücken die Putenmäster mit Desinfektionsmitteln und Formalinbegasung zuleibe. Das Federvieh selbst bekommt lebenslänglich Impfungen und Arzneimittel: Aspirin und Tranquilizer sollen Schmerzen und Angriffslust unterdrücken; Antibiotika werden ins Trinkwasser und ins Futter gegeben, um Infektionen zu vermeiden.

Die vorbeugende Antibiotika-Behandlung sei in der Putenmast »an der Tagesordnung«, warnten bereits der Bund für Umwelt und Naturschutz und die Stiftung Europäisches Naturerbe. In der Darmflora der Tiere können die Medikamente resistente Keime heranwachsen lassen, die auch auf den Menschen übertragen werden können. Auch mit der Abluft gelangten solche Keime in die menschliche Umgebung, warnten die Natur- und Umweltschützer.

Da die Tiere ständig Kotpartikel aufnehmen oder einatmen, so Geflügelkundler Mohamed Hafez von der Freien Universität Berlin, verbreiten sich vor allem Atemwegserkrankungen schnell im ganzen Stall. Über die Symptome - »Husten, schaumiger Tränenfluß, Atemnot und eitriger Nasenausfluß« - belehrte der Tierarzt die Mitglieder der Interessengemeinschaft Optimierung Putenmast auf einer Fachtagung.

»Erhebliche wirtschaftliche Verluste, verminderte Gewichtszunahme und erhöhte Medikamentenkosten« seien die Folge des tierischen Schnupfens. Noch teurer kommen die Mäster die Entzündungen der Brustblase: Die häufig vorkommende Erkrankung des Schleimbeutels am Brustbeinkamm ziehen sich die Riesenvögel zu, wenn »wieder mal mit der Einstreu geknausert wird und der Boden ein einziger stinkender Matsch« ist, wie Veterinär Ueberschär erklärt.

Sind die entzündlich vergrößerten Schleimkapseln allzu auffällig, droht ein amtsärztliches »Verwerfen des Tierkörpers«. Das wird beim Akkord-Schlachten am Fließband jedoch umgangen, indem »jede zweite Brusthaut weggeschnitten wird«, wie Augenzeugen aus einem Betrieb im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg berichten.

Weil dort, im Weser-Ems-Gebiet, durch Emissionen aus der Abluft der stinkenden Masthallen, die Luft allmählich zu dick wird, möchten Großbetriebe wie die Firma »Heidemark« gen Ostdeutschland expandieren.

Zwar fördert die EU solche Investitionen, aber die »glänzenden Geschäfte mit den ''dummen'' Puten« ("Lebensmittelzeitung") werden auch behindert: Gegen einen neuen »Putenmastgürtel«, der rund 50 Anlagen mit 2,5 Millionen Tieren vorsieht, wehrt sich jetzt die Arbeitsgemeinschaft der privaten Bauernverbände Ostdeutschlands: »Die Verbraucher merken gar nicht, was sie da für Schrott kaufen«, sagt Geschäftsführer Jochen Dettmer.

»Heidemark« sucht für den Aufbau gigantischer Mastanlagen mit jährlich bis zu 2,5 Millionen Schlachtputen nun Lohnmäster. »Da werden die Bauern zum Abhängigen der Verarbeitungsindustrie«, so Dettmer, »diese Form der Tierhaltung hat nichts mehr mit bäuerlicher Landwirtschaft zu tun.«

Daß es in der Putenhaltung auch ohne Gedrängel und Schnabelkupieren geht, haben Landwirte wie Martin Bohn aus Fahrenzhausen bei München bereits bewiesen: Bohn, seit 20 Jahren mit den Hühnervögeln befaßt, ist seit eineinhalb Jahren, »entgegen allen Unkenrufen«, auf eine »vitale, genügsame und stabile Rasse umgestiegen«.

Die aus England stammenden dunklen Kelly-Bronze-Puten mit ihren roten Halslappen sind eine alte Landrasse, die »30 Jahre lang züchterisch nicht bearbeitet worden ist«, wie Bohn erklärt. Tagsüber stolzieren die Tiere majestätisch über die Wiesen, auch strömender Regen und Kälte stören die robusten Vögel nicht. Bohn: »Das sind bärenstarke Persönlichkeiten.«

Die Bronze-Puten werden mit Ökogetreide, Erbsen, Bohnen und ohne das übliche Sojaschrot großgezogen. Weil die Aufzucht dieser Tiere doppelt so teuer ist wie die der Turbo-Puten, »gehen wir vorerst einen steinigen Weg mit kleinen Mengen«, sagt Bohn.

Immerhin ist er kein Einzelgänger. Manche Bauern aus der Bioszene wie Heinrich Tiemann aus dem niedersächsischen Bassum und Selzer aus dem hessischen Arolsen haben das behäbige Vieh in ihre Landwirtschaft aufgenommen.

Glückliche Alternativ-Puten finden immer mehr Abnehmer. Babykosthersteller Hipp verarbeitet sie in seinen Gläschen. Und mindestens zu Weihnachten liegen sie auch bei Großabnehmern wie Edeka, Tengelmann- und Grosso-Märkten in den Kühltheken. RENATE NIMTZ-KÖSTER

* Gemälde »Freedom from want« von Norman Rockwell, 1943.

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