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NATURKATASTROPHEN Die Schlangen kommen

Der philippinische Vulkan Mayon spuckt wieder Lava. Zehntausende wurden evakuiert. Mit traditionellen Methoden soll die Gefahr künftig früher erkannt werden.
aus DER SPIEGEL 53/2009

Wenn sich die Nacht über Legazpi senkt, können die Menschen die Gefahr förmlich sehen. Rot fließt die Lava die Hänge des Mayon hinunter, hoch droben leuchtet das Kraterglühen in den philippinischen Himmel. Einer der aktivsten Vulkane der Welt grollt wieder. Seit Wochen schon folgt Eruption auf Eruption. 45 000 Menschen haben Cedric Daep und seine Kollegen bereits evakuiert. »Mit dem Mayon ist nicht zu spaßen«, sagt Legazpis oberster Katastrophenschützer.

Der Mann muss es wissen. Er hat schon viele Naturkatastrophen miterlebt: den schlimmen Ausbruch des Vulkans 1993, der über 70 Menschen das Leben kostete, den Taifun »Reming«, der 2006 mit Geschwindigkeiten von bis zu 250 Kilometern pro Stunde über den Archipel hinwegfegte und mehr als tausend Menschen tötete, auch die letzte große Mayon-Eruption vor drei Jahren. Manchmal kämen sie mit dem Evakuieren kaum noch nach, sagt er. Und er ist überzeugt: »Die Gefahr steigt.«

Es scheint, als gebe die Statistik Daep recht. Der führende Naturkatastrophen-Versicherer Münchener Rück jedenfalls hat nachgerechnet: Gerade einmal 20 Großkatastrophen listen die Experten des Unternehmens in den fünfziger Jahren auf. In den Siebzigern waren es schon 47, und in den neunziger Jahren kamen sie sogar auf 86 schwere Desaster weltweit.

Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften macht ähnliche Erfahrungen. Die Helfer zählen 609 098 Todesopfer von Megakatastrophen zwischen 1987 und 1996, aber schon mehr als 1,2 Millionen von 1997 bis 2006. Eine der am stärksten betroffenen Regionen ist Südostasien, wo kaum eine Woche vergeht, ohne dass irgendwo die Erdkruste birst, Vulkane Feuer speien oder Wirbelstürme Verwüstungen anrichten. Vor allem der Wildwuchs der Städte macht aus den Unbilden der Natur wirklich todbringende Katastrophen.

»Frühere Generationen verfügten noch über das Wissen, wie man solche Gefahren erkennt und das eigene Risiko minimiert«, sagt Katastrophenschützer Daep, »heute jedoch sind diese traditionellen Erkenntnisse weitgehend verschüttet.« Schuld daran seien Migration, Armut und Überbevölkerung, aber auch übertriebene Technikgläubigkeit.

Der Katastrophenschutz rund um Legazpi gilt als vorbildlich. 10 000 Menschen aus Risikogebieten an den Berghängen wurden in neugeschaffene Dörfer umgesiedelt. Vier Prozent seines Budgets gibt Provinzgouverneur Joey Sarte Salceda für den Katastrophenschutz aus. Stolz sagt er: »Bei uns steigt die Zahl der Naturkatastrophen, die Zahl der Opfer aber sinkt.«

Immer stärker setzen Legazpis erfahrene Helfer jetzt auch auf das Wissen der Alten. »Wir dürfen uns nicht allein auf die Technik verlassen«, sagt Daep, »wir müssen die Erfahrungen unserer Vorfahren mit einbeziehen.« Viele Leben seien dadurch schon gerettet worden. So überlebten die Eingeborenenstämme der Nikobaren den tödlichen Tsunami von 2004 angeblich, weil sie vom Gebrüll der Elefanten, dem ungewöhnlichen Verhalten der Echsen und dem Gezwitscher der Vögel gewarnt wurden. In Vietnam künden tieffliegende Libellen von nahendem Regen, und in Indonesien wissen die Alten noch, dass ein verschmutzter Brunnen ein Zeichen für ein bevorstehendes Erdbeben sein kann.

Daep will demnächst eine Broschüre mit den wichtigsten Erkenntnissen zusammenstellen. Dafür reist er unermüdlich von Dorf zu Dorf, unterrichtet, was er schon weiß, und versucht in Erfahrung zu bringen, was die Dorfbewohner ihm voraushaben. Er hat sich notiert, dass Ameisen, die die Wände nach oben laufen, und Ratten, die auf den Dachboden rennen, oft Zeichen für nahendes Hochwasser sind.

Er hat beobachtet, wie wasserscheue Katzen in den Regen liefen und träge Hühner vor einem Erdbeben zu fliegen begannen. Er hat sich sagen lassen, dass die Tiere den Berg hinunterkommen, bevor der Vulkan ausbricht, und in die Berge flüchten, wenn sich das Wasser vor einem Tsunami zurückzieht. »Wenn die Frösche den Tümpel verlassen und die Quellen versiegen, dann nichts wie weg«, sagt Daep.

Die Gefahr, dass dieses Wissen unwiederbringlich verlorengeht, hat jetzt auch die Uno erkannt. In Kuala Lumpur und Kyoto hat die Weltorganisation Workshops veranstaltet, zu denen Regierungsvertreter der betroffenen Länder eingeladen waren, und sie hat ein Austauschprogramm für Katastrophenschützer aus verschiedenen Ländern Asiens auf die Beine gestellt.

Warnungen hat der Mayon auch dieses Mal wieder von sich gegeben. Schon Wochen vor den jüngsten Ausbrüchen registrierten die Dörfler am Berghang vermehrt Schlangenbisse. Übers Radio wurde daraufhin Alarm geschlagen. Alle wussten sofort: Wenn die scheuen Tiere den Berg hinabkommen, ist es auch für uns Menschen Zeit zu gehen. THILO THIELKE

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