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Die Stunde der Vampire

Wer nachts keine Ruhe findet, kann bei einer »Schlafschule« Rat suchen. Ein Ortstermin.
Von Karen Andresen
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Beginnen wir mit einer heiteren Geschichte, beginnen wir mit der Anekdote von der Schlaftablette auf dem Nachttisch.

Eine ältere Dame, geplagt von schlaflosen Nächten, hatte sich einen der kleinen weißen Helfer parat gelegt, für alle Fälle. Als sie eines Nachts wieder einmal das Gefühl hatte, stundenlang kein Auge zuzumachen, griff sie zur Pille - und schlief anschließend so gut wie lange nicht.

Am nächsten Morgen dann die Überraschung: Die Schlaftablette war noch an ihrem Platz. Der kleine weiße Knopf aber, der auch auf dem Nachttisch gelegen hatte, der war weg.

Als der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley die Geschichte in seiner »Schlafschule« erzählt, lächeln einige Teilnehmer wissend. Wie vertrackt die Sache mit der Nachtruhe ist, haben sie alle schon am eigenen Leib erfahren. Einmal, erzählt eine 70-Jährige, habe ihre Tochter, eine Apothekerin, von einem neuen Präparat berichtet. Sie habe die Tablette genommen und gut geschlafen.

Gewirkt allerdings hatte nicht die Pille, sondern eine Illusion: das vermeintliche Wundermittel war ein Placebo. Kaum war der Trick aufgeflogen, kehrte der alte Feind zurück. Oft beschleicht die alte Dame schon um fünf Uhr nachmittags die Angst vor der Nacht, die dann meist auch wirklich ziemlich ungemütlich wird. Nun ist sie zu Zulley gekommen, um diese »ewige Unruhe« endlich loszuwerden.

Der nächtliche Schlaf, nach Umfragen ist er für mehr als jeden dritten Deutschen ein Problem. Aber wie erkennt man eigentlich, ob es wirklich eine behandlungsbedürftige Schlafstörung ist, die einen umtreibt? Und was kann man tun, um den Horror auf der Matratze zu bannen? Wer darauf Antworten sucht, ist bei dem Leiter des Regensburger Schlafmedizinischen Zentrums richtig. Im nordwürttembergischen Bad Mergentheim oder in Kranzbach bei Garmisch-Partenkirchen berät Zulley mehrmals jährlich Leidtragende.

Sieben Frauen und ein Mann sind diesmal nach Bad Mergentheim gekommen, ins »Kurhaus König«, einem Gebäude mit dem Charme der sechziger Jahre. Der Kursus von Freitagnachmittag bis Sonntagmittag kostet 280 Euro, Verpflegung und Übernachtung inklusive. 150 Euro übernimmt die Barmer, andere gesetzliche Kassen zahlen ebenfalls dazu, wenn auch manchmal erst nach energischem Drängen.

Am Samstagnachmittag stehen »Progressive Muskelentspannung« und Gymnastikübungen auf dem Programm, aber nichts wird an diesem Wochenende auf die acht Schlafsuchenden so beruhigend wirken wie die Vorträge des freundlichen Professors aus Regensburg.

Wer an seinen Seminaren teilnimmt, hat oft schon einen langen Leidensweg hinter sich. Ingrid Kuth beispielsweise: Die 53-Jährige ist mit ihrem Bett angereist, einer riesigen Luftmatratze. Stolze sechs Kilogramm wiegt das Ding. Auf einer normalen Unterlage hält sie es vor Gelenk- und Muskelschmerzen nicht aus, erzählt sie, an Schlaf sei gar nicht zu denken. Also muss das schwere Monstrum mit, wohin immer es die ehemalige Medizinisch-Technische Assistentin zieht.

Im Urlaub hat sie ihr ungewöhnliches Gepäck sogar schon in zweifacher Ausfertigung dabei gehabt, aus Angst, nachts könne ihr ein kleines Loch in der Matratze die Ruhe rauben. Natürlich schränke sie das »in ganz vielem ein«, sagt sie, aber »was soll ich machen?«

Neben Ingrid Kuth kämpft Heinz-Dieter Offtermatt tapfer gegen seine Ermüdung an. Seit zwei Jahren schlafe er schlecht, berichtet der Betriebswirt, »und ich habe den Eindruck, es wird von Woche zu Woche schlechter«. Termine morgens zwischen elf und zwölf? Unmöglich, da erfasse ihn regelmäßig eine bleierne Müdigkeit. Wichtiges wird deshalb, wenn es irgend geht, schon früh zwischen acht und zehn Uhr erledigt.

Zwei-, vielleicht dreimal im Monat aber schläft er »wie ein Bär«. Warum nicht immer?, fragt sich der 55-Jährige und sucht in Bad Mergentheim eine Antwort.

Ja, warum schlafen viele Menschen eigentlich so schlecht, und gibt es einen oder vielleicht mehrere Tricks, um das zu ändern? Gleich am ersten Tag des Kurses hält Zulley zwar kein Zaubermittel parat, aber eine Information, die bei allen den Blick auf ihre nächtliche Ruhepause radikal verändert. Wie oft wacht ein normaler Schläfer auf?, fragt er in die Runde. Einmal, sagt eine Rentnerin, eine andere glaubt: zweimal. Achtmal, ruft eine Dritte und sieht dabei aus, als komme sie sich reichlich kühn vor.

Alles falsch. 28-mal, sagt Zulley und lächelt ob der Erschütterung, die diese Zahl unter den Teilnehmern auslöst. Das kann doch nicht sein, murmeln sie, und: Dann schläft man ja gar nicht.

Doch, sagt der Schlafexperte, denn meistens sei man weniger als drei Minuten lang wach und erinnere sich morgens an kein Erwachen mehr. Durchschlafen? Hört sich gut an, macht aber kein Mensch. »Wir schlafen immer nur in kurzen Portionen«, erklärt Zulley, und das sei eine Reminiszenz an die Zeit der Evolution, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren.

Am tiefsten ist der Schlaf in der ersten Hälfte der Nacht, leichter in der zweiten. Und auch sonst ist einiges los in der Zeit, die wir Bettruhe nennen. Hinter den geschlossenen Lidern rollen wir mit den Augen, bewegen uns häufig (bis zu 70- mal pro Nacht), manchmal rast das Herz, und alle 90 Minuten sind wir wie gelähmt. Sonst, sagt Zulley, würden wir unsere Träume ausleben.

Zur Illustration zeigt er eine kleine Filmsequenz aus einem Schlaflabor. Bei dem Schläfer klappt es mit der »Lähmung« ganz offensichtlich nicht. Er erhebt sich, gestikuliert und beginnt dann, die Gardinen von der Stange zu reißen.

Als Zuschauer ist man da sofort bereit, die zeitweilige Lähmung für eine wunderbar praktische Erfindung der Natur zu halten. Nur bei Männern, fügt Zulley hinzu, kämen solche nächtlichen Ausbrüche vor, im Schlaf würden diese manchmal sogar ihre friedlich neben ihnen schlafenden Ehefrauen wild traktieren.

Aber was heißt eigentlich schlafen, wenn im Dunkeln so viel passiert? Man müsse sich den Schlaf, so der Experte, wie ein Haus vorstellen: »Türen und Fenster sind zu, und drinnen steppt der Bär.«

Sehr erholsam klingt das nicht, ist es aber dennoch. Viele Menschen wachen morgens auf und fühlen sich wunderbar ausgeruht. Und die anderen?

Schlafstörungen müssen auch die nicht unbedingt haben. »Misstrauen Sie Ihrer eigenen Einschätzung«, rät Zulley. Ganz verkehrt sei es etwa, sich gleich nach dem Aufwachen zu fragen, ob man gut geschlafen habe. Wer gerade aus tiefstem Schlaf aufgewacht sei, wisse die Antwort darauf nicht. Wichtig sei, wie es einem tagsüber gehe.

Dauernde Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und das mindestens vier Wochen lang, dann sprechen Experten von einer Schlafstörung. Weit über 80 verschiedene Varianten gibt es davon, und auch die Ursachen können sehr unterschiedlich sein.

Schlafapnoe kann ein Grund sein, sich tagsüber abgeschlagen zu fühlen, Funktionsstörungen der Schilddrüse beeinträchtigen den Schlaf und auch Depressionen. Etwa die Hälfte seiner Patienten habe depressive Symptome, berichtet Zulley. Und auch diesmal rät er einigen Teilnehmern, sich bei einem Verhaltenstherapeuten oder einem Psychiater zusätzliche Hilfe zu holen.

Für alle anderen gilt: Oft reicht es schon, gelassener mit den nächtlichen Eigentümlichkeiten umzugehen. Ein Vorsatz, der allerdings gar nicht so leicht in die Tat umzusetzen ist. Die wachen Minuten zwischendurch, die zum ganz normalen Schlaf gehören, sind zwar eine kurze Zeit, wenn man wieder einschläft, aber sie sind eben auch lang genug, um sich furchtbar aufzuregen. Warum kann ich nicht schlafen, morgen ist ein anstrengender Tag, wie soll ich das bloß schaffen? Aus Minuten können so leicht Stunden werden.

»Was macht man gegen das Grübeln?«, fragt eine ältere Teilnehmerin, und ihre Stimme verrät, dass da jemand spricht, der mit solchen Nächten reichlich Erfahrung hat. Zulley empfiehlt, sich die schwarzen Gedanken schnell zu verbieten und an Angenehmes zu denken. Das Anschauen von schönen Fotos, die auf dem Nachttisch bereitliegen, könne beim Wiedereinschlafen helfen. Sanfte Musik auch, Hörbücher, wenn es sich nicht gerade um aufregende Krimis handele, und Beten.

Besonders gefragt sind solche Kniffe für die Zeit zwischen drei und vier, die »biologische Geisterstunde«, wie Zulley sie nennt, die »Stunde der Vampire«.

Die Mitte der Nacht ist nun erreicht, jetzt endet, was gemeinhin der gesunde Schlaf vor Mitternacht genannt wird. Der Schlaf wird leichter, der Kreislauf labiler, und dann hat in dieser Zeit auch noch das Melatonin - ein Hormon unser inneren Uhr, das auch die Stimmung senkt - seine höchste Konzentration im Körper erreicht. Beste Voraussetzungen, um sich in Schauergeschichten zu verlieren.

Wer jetzt wach liegt, grübelt und ganz kribbelig wird, der sollte besser aufstehen und sich mit einer möglichst reizarmen Tätigkeit ablenken. Bügeln, weiß der Therapeut, sei da bei den Damen sehr beliebt. Einige Teilnehmerinnen nicken.

Und wie hält man es am besten mit den Schlaftabletten? Nur als »allerletztes Mittel«, antwortet der Experte, allerhöchstens zweimal pro Woche, denn »langfristig haben Medikamente keinen Erfolg«. Hat der Mond Einfluss auf den Schlaf?, fragt jemand. Nein, sagt Zulley, und Wasseradern, wie manche behaupten, auch nicht.

Wichtig aber sei es, schon durch die Gestaltung des Tages für eine entspannte Nacht zu sorgen: ein regelmäßiger Lebensrhythmus, Sport, vier Stunden vor dem Zubettgehen nichts mehr essen, abends nach acht Uhr keine Probleme wälzen. Und manchmal kann nach Zulleys Erfahrungen sogar eine kleine Rache nächtliche Wunder bewirken. Die Teilnehmerin eines früheren Schlafkurses fand keine Ruhe mehr, seit es in Nachbars Garten einen Teich samt Fröschen gab. Die Tiere quakten, die Nachbarn stritten, an Schlafen war überhaupt nicht zu denken.

Irgendwann beschlossen die Dame und deren Mann, sich auch so ein Biotop anzuschaffen, frei nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir. Und siehe da, kaum war der Tümpel angelegt, zeitigte er auch schon erfreulichste Nebenwirkungen: Die vormals vom Froschkonzert enervierte Dame konnte wieder schlafen. Der Krach störte sie nicht mehr - schließlich waren es nun auch die eigenen Lurche, die draußen kraftvoll lärmten.

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