Globale CO₂-Emissionen Die Welt hat auf Pause gedrückt – nicht Reset

Vor gut fünf Jahren wurde der Klimavertrag von Paris beschlossen – doch wie weit sind die Staaten der Welt bei der Umsetzung? Forscher haben nun eine Zwischenbilanz gezogen.
Unterschiedlich umweltfreundliche Formen der Energieversorgung

Unterschiedlich umweltfreundliche Formen der Energieversorgung

Foto:

acilo / Getty Images

Ist das Glas halb leer – oder vielleicht doch halb voll? Diese Frage hilft in vielen Situationen, die Perspektive zu ändern. Beim Blick auf die Zukunft des Weltklimas nicht. Dort sind die Verhältnisse anders: Nach dem Abschluss des Klimavertrags von Paris im Jahr 2015 sind in 64 Ländern die Emissionen im Zeitraum zwischen 2016 und 2019 im Vergleich zu den fünf Jahren davor gesunken. In 150 Ländern hingegen sind sie weiter gestiegen.

Das geht aus einer aktuellen Auswertung hervor, die Forschende der University of East Anglia, der Standford University und des Global Carbon Project gerade im Fachmagazain »Nature Climate Change«  veröffentlicht haben. In der Summe ergibt sich für den Zeitraum demnach ein Anstieg der Emissionen um 0,21 Gigatonnen pro Jahr im Vergleich zu den fünf Jahren davor. Um die Ziele des Klimavertrags zu erreichen, um also die Erderwärmung auf zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, am besten sogar auf nur anderthalb, wären dagegen jährliche Emissionsreduktionen im Bereich von ein bis zwei Gigatonnen nötig.

Vielen der wohlhabenderen Staaten – konkret sind es 25 von 36 – sei es gelungen, ihre Emissionen zwischen 2016 und 2019 zu senken, so die Forscher. Dazu gehörten etwa Großbritannien (im Schnitt -3,6 Prozent pro Jahr) und Deutschland (-1,3 Prozent), aber auch die USA (-0,7 Prozent).

»Die Bemühungen der Länder zur Reduzierung der CO2-Emissionen seit dem Pariser Abkommen beginnen sich auszuzahlen, aber die Maßnahmen sind noch nicht umfangreich genug«, sagt Studienleiterin Corrine Le Quéré von der University of East Anglia.

Weiterhin Neubau von Kohlekraftwerken in China

Auch in einigen Staaten mit mittlerem Einkommen – 30 von 99 – gingen die Emissionen zurück, dazu zählte etwa Mexiko (-1,3 Prozent). In anderen Ländern aus dieser Gruppe sank zwar der jährliche Anstieg der Emissionen, nicht aber deren absolute Menge. Wichtigster Vertreter war hier China (+0,4 Prozent). Im Zeitraum von 2011 bis 2015 war der Treibhausgasausstoß des Landes dagegen noch um jährlich 6,2 Prozent gewachsen.

(Der SPIEGEL-Klimabericht – Die neuesten Entwicklungen, Forschungsergebnisse und Hintergründe zur Klimakrise als Newsletter: jede Woche direkt in Ihr Mail-Postfach. Jetzt anmelden.)

Weitere, teils deutliche Steigerungen gab es in einkommensschwachen Staaten. Diese setzen oft vor allem auf fossile Brennstoffe, um ihre Wirtschaft aufzubauen. »Die Frage ist, wie sie das so sauber wie möglich tun können«, sagt Co-Autor Glen Peters vom Center for International Climate Research in Oslo im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Negativer Spitzenreiter bei den Emissionen war Kambodscha mit einem jährlichen CO2-Plus von 24,9 Prozent. Dabei sei das Land durchaus in einer guten Position, um die Vorteile klimafreundlicher Energieerzeugung zu nutzen, so der Forscher. Wirtschaftlich schwächere Länder fühlen sich allerdings beim Umbau ihrer Wirtschaft und bei der Anpassung an den Klimawandel nicht gut genug von den reichen Staaten unterstützt.

Insgesamt gibt es nach Zählung des Teams weltweit etwa 2000 Gesetze und Regelungen im Kampf gegen den Klimawandel. Dass trotzdem zum Beispiel in China noch neben den Erneuerbaren auch Kohlekraft weiter ausgebaut wird, erklärt Peters mit konkurrierenden politischen Zielen. Zwar gebe es auch landesweite Umweltschutzziele, jedoch existierten für die einzelnen Provinzen auch Vorgaben zum Wirtschaftswachstum – und die ließen sich am besten mit dem Bau neuer Infrastruktur erreichen. Dazu gehörten eben leider auch neue Kohlekraftwerke, so der Forscher.

Rückgang von 2020 müsste sich jedes Jahr wiederholen

China hat gerade ein Emissionshandelssystem für CO2-Verschmutzungsrechte eingeführt, das im Grundsatz mit dem in der Europäischen Union vergleichbar ist. Beide Systeme sind aber nicht verbunden und das chinesische umfasst zunächst auch nur 2200 Firmen, vor allem staatliche Betreiber von Kraftwerken.

Was in puncto Rückgang der globalen CO2-Emissionen möglich ist, hat das Jahr 2020 gezeigt, als der Kohlendioxidausstoß im Jahresschnitt um nicht weniger als sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr sank. Verantwortlich dafür war allerdings nicht der Klimaschutz, sondern die Folgen der Corona-Pandemie.

Durch den coronabedingten Wirtschaftseinbruch wurden damit nach den Berechnungen der Forscher rund 2,6 Gigatonnen CO weniger ausgestoßen. Zur Erinnerung: Das ist zum einen etwa der Ausstoß der gesamten Europäischen Union, zum anderen die Größenordnung der jährlichen Reduktionen, die zur Einhaltung der Ziele von Paris nötig wären.

Treibhausgasausstoß legt wieder zu

Doch es sieht nicht so aus, als seien wir bereits auf Kurs, diese Einsparungen dauerhaft zu erreichen. Die Welt hat die Pausentaste gedrückt – und nicht Reset. Gegen Ende des Jahres 2020 hat der Treibhausgasausstoß bereits wieder zugelegt, wohl auch weil China die Folgen der Pandemie im Gegensatz zu Europa oder den USA mittlerweile wieder weitgehend im Griff zu haben scheint.

In einer unabhängigen Untersuchung ist die Internationale Energieagentur gerade zu dem Schluss gekommen, dass die CO-Emissionen im Dezember bereits um zwei Prozent über dem Vorkrisen-Monat Dezember 2019 lagen – und der Ausstoß steige weiter.

Forscher Peters beklagt ein strukturelles Problem: Zwar sei 2020 die Infrastruktur für fossile Brennstoffe in der Krise weniger genutzt worden – doch sie existiere eben noch immer. Werden sie bald wie vorher ausgelastet, würden auch die Emissionen wieder auf das Niveau vor der Pandemie ansteigen. »Es sieht so aus, als würden wir dieses Jahr wieder die Werte von 2019 erreichen. Das wäre eine unglückliche Entwicklung.«

Die Welt, sagt der Forscher, habe die Möglichkeit bisher nicht genutzt, sauberer aus der Krise zu kommen.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.