Christian Stöcker

Sensationserfolg »Don’t look up« Wir sind der Asteroid

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Über die Netflix-Produktion »Don’t Look Up« ist ein bizarrer Streit zwischen Kritik und Klimaforschung entbrannt. Rezensenten finden den Film schrill und plump, Klimafachleute feiern ihn. Aktuelle Nachrichten geben letzteren recht.
Foto:

Niko Tavernise / AP

Seit Tagen drücke ich mich jetzt davor, mir diesen Film anzusehen, obwohl, oder eben weil, ich die Vermutung habe, dass er mir aus der Seele sprechen wird.

Er verfügt über eine unglaubliche Starbesetzung (in einer einzigen Einstellung des Films sind 6 Oscars und 35 Nominierungen  gemeinsam im Bild vertreten), gefiel vielen Kritikern aber nicht besonders – auch Oliver Kaever vom SPIEGEL nicht . Sehr viele Klimaforscherinnen und -forscher aber feiern »Don’t Look Up«, Leute aus der Klimabewegung erst recht.

Das ist der Grund, warum ich den Film bislang meide: Er erzählt offenbar einfach die gegenwärtige Realität, nur dass der Klimawandel durch einen Meteoriten ersetzt wurde, vor dem die Wissenschaft warnt, was von Politik, Medien, Wirtschaft und sozialen Medien tatkräftig und bemüht heiter ignoriert wird. Das soll satirisch überspitzt sein, aber die große Frage ist: Geht das überhaupt noch?

Irgendwann will man einfach brüllen

Leute, die die Erhitzung der Erdatmosphäre und das globale Artensterben als die menschheitsbedrohende Doppelkatastrophe erkannt haben, die sie nun einmal sind, fühlen sich seit Jahren genau so, wie die von Jennifer Lawrence und Leonardo di Caprio gespielten Figuren im Film das offenbar tun. Weil ihnen niemand richtig zuhört. Irgendwann will man die Leute einfach anbrüllen.

Der auf Twitter sehr aktive Klimaforscher Peter Kalmus schrieb in einem Gastbeitrag für den britischen »Guardian« , »Don’t Look Up« sei »der Film, der die entsetzliche Nichtreaktion der Gesellschaft auf den Klimakollaps präziser darstellt als jeder andere, den ich je gesehen habe«.

Die Debatte hat sich mittlerweile in eine Metadebatte verwandelt – für »Forbes« etwa nahm der Klimajournalist David Vetter die Kritiker auseinander , die den Film nicht mochten, illustriert mit zahlreichen Zitaten von »plump« über »schrill« bis hin zu »gehemmt und unentspannt«. »Nach der Ansicht dieser Kritiker darf man ruhig Filme über die Klimakrise machen – solange man es auf eine Weise tut, die den Zuschauer einlullt und beruhigt«, ätzt Vetter.

Das Publikum scheint den Film zu lieben

Wie auch immer man zu dem Film steht, das Netflix-Publikum scheint ihn zu mögen, und zwar weltweit. Von Argentinien über Südafrika und Vietnam bis Neuseeland, in 94 Ländern ist der Film unter den Top Ten der aktuell meistgestreamten Filme des Dienstes. Insgesamt 111 Millionen Stunden »Don’t Look Up« wurden weltweit in einer einzigen Woche gestreamt, mehr als viermal so viele, wie der zweitplatzierte Film schaffte. In den sozialen Medien ist der Hashtag #dontlookup schon seit den Weihnachtsfeiertagen ein Dauertrend.

Klimakrise

Lesen Sie mehr über die neuesten Entwicklungen, Hintergründe und spannenden Lösungsansätze in unserem Themenspezial.

Alle Artikel

Womöglich kann man den Film aus Kritikerperspektive völlig zu Recht alles vorwerfen, was die Kritiker ihm vorwarfen, aber vermutlich haben Klimaforscher und Publikum trotzdem recht: Die Welt braucht diesen Film. Und noch möglichst viele andere, die in die gleiche Kerbe hauen, möglichst brutal, möglichst einfach zu verstehen, mit möglichst viel Star-Power. Unterhaltsam, aber nicht schonend. Denn dass ein Film allzu plump darstellt, dass die Welt sich gerade in eine Katastrophe hineinmanövriert, wenn das aber nun einmal den Tatsachen entspricht, mag ein aus ästhetischer Perspektive relevanter Einwand sein, sonst aber eben nicht, wenn er beim Publikum funktioniert. Relevanz schlägt Ästhetik oder Subtilität, wenn es um die Zukunft der Erde geht, sorry (sage ich, nach wie vor, als jemand, der sich seit Tagen vor dem Ansehen drückt).

Und nun zu ein paar echten Fakten

Um ein paar aktuelle Fakten zusammenzufassen, die tatsächlich relevant sind:

Der Thwaites-Gletscher in der Antarktis, eine Eisfläche von der doppelten Fläche Österreichs, wird möglicherweise in ein paar Jahren abbrechen und dann ins Meer rutschen.

Hier kann man sich ansehen, wie das aussieht. Die Animation aus Satellitenbildern zeigt das Zerbrechen der Eisfläche binnen weniger Jahre, beginnend 2018 (der Tweet stammt von einem auf Fernerkundung spezialisierten Forscher der französischen Großforschungseinrichtung CNRS). Achten Sie mal auf den Spalt rechts oben.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wenn der Thwaites-Gletscher vollständig ins Meer geflossen ist, wird der Meeresspiegel 65 Zentimeter höher liegen als jetzt. Zur Erinnerung: Steigt der Meeresspiegel nur um einen Meter, bekommt beispielsweise die Nordsee diverse neue Buchten, die dann unter anderem bis Hamburg und Bremen reichen. Von den vielen Millionenstädten an den Küsten der Welt ganz zu schweigen.

Wenn die Menschheit Glück hat, wird das beim Thwaites-Gletscher Jahrhunderte dauern, aber der ist ja nicht der einzige instabile Teil des antarktischen Eisschildes. Es sei »eine Riesenüberraschung« gewesen, dass das der Gletscher so schnell zerfällt, so Erin Pettit , von der Oregon State University. Wenn Fachleute in ihrem eigenen Fachgebiet von bedrohlichen Entwicklungen überrascht werden, ist das immer bedenklich, und im Bereich der Klimaforschung passiert das im Moment leider ständig.

20 Grad zu warm

Dazu kommt: Das Eis schmilzt bekanntlich auch überall sonst auf dem Planeten.

In Alaska beispielsweise, also auf der anderen Halbkugel, ist es derzeit deutlich zu warm. Um genau zu sein: 20 Grad Celsius zu warm , mitten im Winter, und das ist natürlich wieder einmal ein neuer Rekord. Rekordtornados in Kentucky, Waldbrände in Colorado, mitten im Winter, und die Ahrtal-Katastrophe  ist übrigens gerade einmal ein halbes Jahr her. Das hört jetzt nicht mehr auf, es wird immer schlimmer.

Während all das in vollem Gange ist, erreichen uns gleichzeitig solche Nachrichten: Die Lufthansa muss 18.000 Flüge leer oder halbleer starten lassen , obwohl sie das lieber nicht täte, denn das kostet Geld und, aus planetarer Sicht viel wichtiger: Sprit, der sich dann bekanntlich in CO₂ verwandelt. Wenn die Fluggesellschaft diese Leerflüge storniert, dann droht sie Start- und Landerechte in der EU zu verlieren. Jeder dieser Leerflüge produziert Tonnen oder gar Dutzende Tonnen von Kohlendioxid, dazu kommen Stickoxide und Wasserdampf, die ebenfalls zum Treibhauseffekt beitragen.

Das ist das Niveau der Alarmbereitschaft selbst im doch eigentlich klimabewussten Europa.

Unterdessen schwadronieren CDU-Politiker weiterhin davon, die »Verspargelung der Landschaft« durch Windkraftwerke verhindern zu wollen (natürlich zugunsten der Kohle, des dreckigsten fossilen Brennstoffs überhaupt) und der neue CDU-Vorsitzende Friedrich Merz denkt laut über neue Atomkraftwerke nach. Neben allen anderen Punkten, die gegen Kernkraft sprechen: Diese Kraftwerke zu bauen, würde zehn Jahre oder mehr dauern . Das CO₂-Budget zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels reicht nur noch siebeneinhalb.

Wie vor 66 Millionen Jahren

Gleichzeitig zur Cryosphäre zerstört die Menschheit gerade große Teile der Biosphäre. Tatsächlich ist das sechste Massenaussterben der Erdgeschichte bereits in vollem Gang, da ist sich die Fachwelt einig. Der letzte Vorfall, der zu einem vergleichbaren Artensterben führte, war der Einschlag eines Asteroiden im heutigen Mexiko, der vor 66 Millionen Jahren die Dinosaurier ausrottete. Das ist der Vergleichsmaßstab, aber diesmal sind wir der Asteroid. Und nein, das ist keine Übertreibung.

Der TV-Meteorologe Özden Terli hat das schon einmal genau so formuliert: »Wir sind der Meteoriteneinschlag des Holozäns«. Kürzlich hat Terli den Clip noch einmal gepostet , jetzt mit Bezug zum Netflix-Film – das Original stammt aber von 2019, ist also zwei Jahre älter als »Don’t Look Up«.

Man kann sehr gut verstehen, warum Leute, die sich mit dem Zustand der Erde professionell beschäftigen, den Film rein gar nicht zu schrill oder gar plump finden. Nichts könnte so schrill und plump sein wie die Realität.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.