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Medizin Doppelter Kreislauf

Mit einer neuen Methode rettet ein Bochumer Chirurg Raucherbeine - er schließt sie an eine Herz-Lungen-Maschine an.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Das Kreuzbein machte dem Patienten zu schaffen. Eine chirurgische Korrektur war unvermeidlich. Durchgeführt wurde sie am Bochumer St.-Joseph-Hospital. Die Operation verlief erfolgreich.

Vier Tage später lag der 30jährige Patient erneut auf dem OP-Tisch. In den tiefen Venen seiner Unterschenkel hatten sich Blutgerinnsel gebildet - eine gefürchtete Komplikation bei Frischoperierten. Schwemmt der Blutstrom einen solchen Thrombus in die Lunge, kommt es zur lebensgefährlichen Embolie. Die Blutpfropfen müssen deshalb schleunigst entfernt werden.

Problematisch werden die Klumpen aus geronnenem Blut, wenn sie Venen im Unterschenkel verstopfen. Dann bilden sich immer mehr Thromben, die mit der Zeit die meisten der rund hundert Venenklappen im Unterschenkel stillegen. Das normalerweise hochaktive Venengeflecht degeneriert zu einem starren Röhrensystem, in dem das sauerstoffarme Blut nach unten wegsackt. Die Folge: In der unteren Beinregion herrscht permanenter Bluthochdruck.

Nach medizinischen Schätzungen für die alten Bundesländer laboriert derzeit ein Drittel der 13 Millionen Venenkranken an den Folgen solcher Thrombosen. Nach längerem Stehen schwellen die Beine an, das Gehen fällt schwerer, schließlich kommt es zum offenen Bein mit nicht heilenden, ständig nässenden Geschwüren.

»Jeder Patient mit diesem postthrombotischen Symptom kostet die Kassen 100 000 Mark«, erläutert Achim Mumme, Gefäßchirurg am Bochumer St.-Joseph-Hospital. Allein in Westdeutschland plagen sich eine Million Menschen mit offenen Beinen herum.

Behandelt wird das Übel mit Hilfe von Enzymen, welche direkt ins Blut injiziert werden. Sie greifen die Blutklumpen an und lösen sie auf. Doch die Methode hat gefährliche Nachteile: Die Enzymkur legt die Blutgerinnung im gesamten Körper lahm. Bei drei Prozent der Behandelten kommt es zu Komplikationen wie inneren Blutungen, vor allem im Gehirn, was tödlich enden kann.

Viele Risikopatienten, darunter Frischoperierte, bleiben deshalb von der Enzymbehandlung ausgeschlossen - nicht jedoch am Bochumer St.-Joseph-Hospital, wo Chirurg Mumme ein Verfahren entwickelt hat, mit dem sich die Gefahr unstillbarer Blutungen bannen läßt: Mumme schließt mit Thrombosen verstopfte Beine an eine Herz-Lungen-Maschine an.

Im Fall des frischoperierten Kreuzbein-Patienten holte er zunächst mit einem Ballon-Katheter das zusammengeklumpte Blut heraus. Es zeigte sich, daß er nur 70 Prozent der tödlichen Thromben entfernen konnte. An das restliche Thromben-Material war im kaum überschaubaren Netz der Adern nicht heranzukommen. Der Einsatz von Enzymen kam wegen der frischen Operationswunden nicht in Frage.

Kurzerhand klemmte Mumme Oberschenkelvene und -arterie ab. Die beiden großen Blutgefäße wurden an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Für die nächsten 60 Minuten lebte der Patient mit zwei getrennten Blutkreisläufen. Der Körper versorgte sich auf natürliche Weise, die Zirkulation im Bein wurde von der Maschine übernommen.

In den separierten Beinkreislauf ließ der Operateur anschließend die Enzyme strömen, welche die Gerinnungspfropfen in den Venen zügig abbauten. Ein Risiko für die frischen Operationswunden in der Beckengegend bestand danach nicht mehr. Ein Thermostat hielt das Blut im kranken Bein konstant auf 40 Grad. Bei dieser Temperatur entfalten die Enzyme ihre stärkste Wirkung. Nach einer Stunde wurde das Blut mit dem Wirkstoff abgelassen, das Bein wieder an den Hauptkreislauf angeschlossen.

Schon zu Beginn des Jahrhunderts gab es erste Versuche, durch Blutstauungen mittels Kompressen die Wirkung von Medikamenten lokal einzugrenzen. Die Methode einer zweiten, vom Körperkreislauf abgehängten Blutbahn, in der extrem hoch dosierte, aggressive Medikamente zirkulieren, wurde in der Tumorbekämpfung entwickelt; dort ist sie allerdings umstritten.

Gemeinsam mit dem Dortmunder Gefäßspezialisten Gerd Walterbusch übertrug Chirurg Mumme das Verfahren auf die Thromben-Behandlung - mit beachtlichem Erfolg: *___Die Dosierung des Wirkstoffs läßt sich um das 10- bis ____20fache steigern. *___Die im Separat-Kreislauf zirkulierenden Enzyme werden ____während der Behandlung nicht von der Leber abgebaut; ____die gesamte Dosis steht für die Auflösung der ____Blutgerinnsel zur Verfügung.

Rund 60 Thrombose-Patienten wurden an der Klinik in Bochum und im Dortmunder St.-Johannes-Hospital inzwischen nach der neuen Methode behandelt. Bei 30 Prozent von ihnen lösten sich alle Blutpfropfen auf. Bei den übrigen konnten zumindest in den oberen Schichten die Blutklumpen abgetragen werden. Mit neuen, wirksameren Medikamenten, so glauben die Ärzte, ließe sich die Erfolgsquote noch steigern.

Obwohl der Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine teuer ist, läßt sich mit der Mumme-Methode Geld sparen. Sie ist billiger als die Enzymbehandlung ohne Separat-Kreislauf - und allemal preiswerter als das Laborieren am offenen Bein.

Auch bei Raucherbeinen, die durch Arterien-Thrombosen entstehen, greifen Mumme und Walterbusch auf die lokal begrenzte Enzymkur zurück, allerdings nur in Fällen, in denen die herkömmliche Therapie erfolglos geblieben ist. Bei 20 Patienten, denen eine Amputation schon bevorstand, kam die neue Technik zum Einsatz. 12 von ihnen behielten ihr Bein.

Bei den übrigen kam auch diese Hilfe zu spät. »Wer alles tut, um sein Bein durch lebenslanges Rauchen zu ruinieren«, meint Mumme, »der schafft das auch irgendwann.« Y _(* Mit einer wärmeisolierenden ) _(Metallfolie. )

Raucherbein-Behandlung in Bochum*: Amputation vermieden

VOSSGRAFF

[Grafiktext]

Thrombose-Behandlung mit d. Herz-Lungen-Maschine

[GrafiktextEnde]

* Mit einer wärmeisolierenden Metallfolie.

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