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Drehbuch gegen die Angst

Gewalt, Verfolgungsjagden, Stürze ins Bodenlose - jeder fünfte Deutsche leidet unter Alpträumen. Psychologen haben Strategien gegen die Schreckensbilder entwickelt.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Sie kommen im Morgengrauen, fünf junge Männer, die sich zielstrebig auf das Haus zubewegen. Sie haben Baseballschläger in der Hand und wirken aggressiv. Sie haben es auf mich abgesehen, denkt Petra Fischer* mit wachsender Angst, sie werden mich umbringen. Die Düsseldorfer Sekretärin steht im Nachthemd im Wohnzimmer, sieht die Männer durchs Fenster immer näher kommen und fühlt sich vollkommen hilflos.

Die Angreifer schlagen die Terrassentür ein und sind innerhalb weniger Sekunden bei ihr. Als einer der Männer drohend seinen Baseballschläger über ihrem Kopf erhebt, wacht Petra Fischer schweißgebadet auf.

Die Angestellte hat diesen grässlichen Traum fast jede Woche einmal. Er nimmt sie so mit, dass sie sich an ihren »Alptraumtagen«, wie sie sagt, kaum auf ihre Arbeit konzentrieren kann. Es muss etwas passieren, findet sie, sie will nicht länger passiv sein, sondern sich aktiv gegen die Gewaltbilder zur Wehr setzen.

Sie meldet sich bei der Diplompsychologin Johanna Thünker an, die an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität eine ambulante Alptraumtherapie anbietet. »Bedrohung, Verfolgung, Gewalt sind klassische Alptraumthemen«, erklärt Thünker, 24.

Der »Alp« ist eine furchterregende halb Mensch-, halb Tiergestalt aus der

nordischen Mythologie, die im Volksglauben tückisch auf der Brust des Schlafenden hockt und ein beklemmendes Angstgefühl auslöst: »Träume sind Produkte eines Teufels aus der Maschine, Hilferufe eines gefangenen Unter-

bewusstseins«, sagt der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg.

Die Schreckensbilder entwickeln sich meist aus »normalen« Träumen. Sie kommen, haben Forscher herausgefunden, überwiegend im leichteren Traumschlaf der zweiten Nachthälfte vor.

Alpträume unterscheiden sich von einer Schlafstörung namens »Pavor nocturnus«, auch Nachtschreck genannt, die an die Tiefschlafphase gekoppelt ist und bei der die Menschen nach dem panikartigen Erwachen orientierungslos sind. Diese Angstattacken treten vor allem bei Kindern auf, in der gleichen Schlafphase wie Schlafwandeln. Am Morgen wissen die Betroffenen meist nichts mehr davon.

Alpträumer können sich dagegen meist sehr gut an ihre Schreckensphantasien erinnern. Nach einer Studie der »Apotheken Umschau« hat jeder fünfte Deutsche nächtliche Angstträume. Knapp drei Prozent leiden einmal pro Woche oder öfter an stark negativen, panikmachenden Visionen.

Frauen erleben den nächtlichen Thriller häufiger als Männer - allerdings erst ab dem Alter von etwa zehn Jahren. Vorher werden Jungen und Mädchen gleichermaßen von bösen Träumen aufgeschreckt. Warum sich das später ändert, ist unklar.

»Alpträume sind Träume, die von starken negativen Emotionen wie Wut, Ekel und Angst beherrscht sind«, sagt Thünker. Mal stürzt der Alpträumer von einem Turm herab, mal fühlt er sich verfolgt von feindlichen Monstern, mal muss er mitansehen, wie Angehörige sich verletzen, angegriffen oder von Naturkatastrophen heimgesucht werden.

Nicht immer ist der Alpträumer das arme Opfer. Eine von Thünkers Patientinnen kam zur Therapie, weil ein Traum sie wieder und wieder peinigte; darin agierte sie als aggressive Täterin, die mit einer Axt auf kleine Kinder losging.

Früher, erläutert Thünker, gab es zwei psychologische Meinungen: »Alpträume sind völlig willkürlich«, lautete die eine, »die Traumbilder offenbaren immer seelische Konflikte« die andere. Beide sind inzwischen überholt, sagt die Psychologin: »Nach dem derzeitigen Stand der Forschung sind Alpträume eine Mischung aus Erinnerungen, Alltagserleben, Gefühlen und Befürchtungen, die häufig willkürlich zusammengepuzzelt sind.« Darum könne man die Alpträume in der Regel nicht deuten.

Natürlich spielt die aktuelle Lebenssituation eine Rolle: Wer am Arbeitsplatz unter großem Stress und Leistungsdruck steht oder unter Mobbing zu leiden hat, wen etwa Verlustängste wegen einer bevorstehenden Trennung plagen, der ist weitaus anfälliger für Alpträume als jemand, dessen Leben sehr harmonisch und geruhsam läuft. »Wem es schlecht geht, bekommt Alpträume noch obendrauf«, so Thünker.

Forschungen zufolge können Träume mit intensiven Ängsten oder anderen negativen Emotionen drastische Auswirkungen auf die Gesundheit haben, ja sogar zu gefährlichen Veränderungen am Herzen führen. Denn die emotionale Erregung im Schlaf kann so groß werden, dass sie eine unregelmäßige Herztätigkeit hervorruft. So haben Studien im Schlaflabor bewiesen, dass gewalterfüllte Träume auch bei Gesunden Herzrasen bis hin zum Kammerflimmern auslösen können.

Was Träume bedeuten und inwieweit das nächtliche Horrorkino Körper und Seele beeinträchtigt, untersucht Michael Schredl, 46, seit Jahrzehnten. Schredl ist Psychologieprofessor und Wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und einer der führenden Traumforscher.

Nicht nur Alltagsstress erzeugt die Horrorbilder. Auch andere Faktoren können sie auslösen, erklärt Schredl: traumatische Erlebnisse, genetische Veranlagung, Medikamente gegen Bluthochdruck, Parkinson oder Depressionen, Alkohol-, Medikamenten- und Drogenmissbrauch sowie psychische Erkrankungen.

Auch Charakter und Temperament haben einen Einfluss. »Menschen wechseln nachts nicht einfach ihre Persönlichkeit«, sagt der Traumforscher. Deshalb gelte: Ängstliche, dünnhäutige, sensible Menschen erleben auch in ihren Träumen mehr Besorgnis und Furcht, und wen Prüfungen, Krankheiten, Trauer und Berufsprobleme besonders mitnehmen, wird eher zum Panikträumer.

Schon Kinder werden von Angstträumen heimgesucht. In einer Studie mit über 600 Schülern hat Schredl sich intensiv mit den nächtlichen Dramen in den Träumen von Kindern und Jugendlichen befasst. In der Hälfte der Fälle rennen die Kinder panisch weg oder verstecken sich voller Angst. 20 Prozent der Kinder sterben sogar in ihrem Traum oder erleiden schwere Verletzungen, 15 Prozent von ihnen beobachten, wie anderen Gewalt angetan wird. In jedem zehnten Traum stürzt das kindliche Traum-Ich in die Tiefe.

Bei Kindern, die Schulprobleme hatten, fanden Schredl und seine Kollegen häufiger furchterregende Träume. Andere »Stressoren« waren die Trennung der Eltern, Krankheiten, Unfälle, der Tod eines nahestehenden Menschen. Kinder, die viel vor der Glotze hängen, hatten - zur Überraschung der Forscher - aber nicht mehr, sondern sogar weniger Alpträume als ihre Altersgenossen mit geringem Fernsehkonsum.

Ein anschauliches Beispiel für kindlichen Traumhorror und seine Bewältigung zeigt nicht nur der Kinderbuchklassiker »Wo die wilden Kerle wohnen« von Maurice Sendak, in der der Junge Max die Monster der Nacht zähmt, sondern auch der Erfolgsfilm »Wer früher stirbt, ist länger tot«. Der Schüler Sebastian wird - im Traum - wegen 2713 Vergehen angeklagt. Besonders schwer wiegt, dass er bei seiner Geburt angeblich den Tod seiner Mutter verschuldet hat. Die Männer, die über Sebastian zu Gericht sitzen, wollen ihn zur Strafe ins Fegefeuer werfen - bevor es dazu kommt, wacht der Junge jedes Mal schweißnass und schreiend auf.

Sebastian will die bizarren Bilder loswerden und wird aktiv: Er versucht, seinem Vater eine neue Frau zu besorgen - und löst damit etliche Turbulenzen aus. Aber so entkommt er schließlich seinem nächtlichen Grusel-Gefängnis.

Auch im wirklichen Leben gibt es wirksame Strategien gegen den nächtlichen Stress. Schredl arbeitet, wie Thünker auch, mit einer einfachen, effektiven Methode, die der Schlafforscher Barry Krakow von der University of New Mexico in Albuquerque entwickelt hat. Deren erstes Gebot lautet, so Schredl: »Man sollte den furchtbaren Trauminhalten nicht ausweichen, sondern sich ihnen stellen.« Denn wie bei Angststörungen und Phobien führen Abwehr und Vermeidung eher zu einer Verschlimmerung der Symptome - die Nachtszenarien kehren immer wieder.

Die Strategien für Erwachsene und Kinder unterscheiden sich nur wenig; Schredl empfiehlt, Kinder den nächtlichen Terror malen zu lassen. Er erzählt von einem Fünfjährigen, der sich von zwei Gespenstern bedroht fühlte.

Als er das auf ein Blatt Papier brachte, sah es so aus: Die beiden Gespenster malte er riesig, sich selbst ziemlich klein. Ob er denn nichts tun könne, um sich gegen die Geister zu wehren, fragte ihn der Therapeut. Da hatte der Junge eine Idee: Zwischen sich und die bedrohlichen Gespenster malte er ein Tier, das ihn beschützte. Danach wurde die nächtliche Bedrohung deutlich schwächer.

Die Therapie bei Erwachsenen läuft in der Regel über acht Stunden. Dabei wird der Traum zunächst in all seinen Einzelheiten betrachtet. Dann, erklärt die Psychologin Thünker, »fangen wir an, das Drehbuch des Traums positiv umzuschreiben«. In diesem Prozess begleitet und berät sie die Patienten. Sie gehen unterschiedliche alternative Szenarien durch, bis eine Variante passt und sich für den Betroffenen »stimmig« anfühlt.

Auch die Sekretärin, die sich nachts immer vor den Männern mit den Baseballschlägern gefürchtet hatte, fand nach einigen Therapiestunden zu einer »Traumlösung«. Danach versteckt sie sich nicht mehr im Haus, sondern steht im Morgengrauen auf ihrer Terrasse in Trainingsanzug und Turnschuhen. Als die Schlägertypen wieder anrücken, empfängt sie sie mit den Worten: »Bleiben Sie doch zum Frühstück!« Dann bietet sie Kaffee und frische Brötchen an. Und, siehe da, es funktioniert: Die Männer lassen die Baseballschläger sinken - und nehmen die Einladung dankbar an.

Dieses neuerdachte Happy End stellte sich Petra Fischer mehrmals am Tag mit geschlossenen Augen vor, ausgeschmückt mit allen Details. »Die neuen Bilder müssen fest im Gedächtnis verankert sein«, so Thünker.

Dass die Traumtherapie tatsächlich funktioniert, zeigen Untersuchungen: Bei vielen Menschen schwächen sich die Alpträume ab oder lösen sich ganz auf. Petra Fischer »frühstückte« einige Male mit den ehemals bedrohlichen Männern, dann verschwand der Traum.

* Name von der Redaktion geändert.

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