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Verhaltensforschung DUELL DER ROTEN GIGANTEN

In den Urwäldern von Borneo hat die kanadische Anthropologin Birute Galdikas jahrzehntelang mit Orang-Utans gelebt. Die scheuen, einzelgängerischen »Waldmenschen«, wie die Affen von den Eingeborenen genannt werden, gewährten der Forscherin ungeahnte Einblicke in ihre Gewohnheiten und ihr soziales Verhalten.
aus DER SPIEGEL 25/1995

Zwei Monate lang durchlitt die junge Anthropologin alle Qualen der grünen Hölle Borneos: Auf den Streifzügen durch den dampfenden Dschungel zerstachen ihr Sandfliegen und Moskitos jeden Quadratzentimeter Haut. Wenn sie durch schwarze Gewässer watete, sogen sich Egel am ganzen Körper fest und quollen dann, blutgesättigt, aus Socken und Unterwäsche.

Nachts durcheilten große Wolfsspinnen das notdürftige Quartier der Forscherin. Ganze Armeen von Feuerameisen verscheuchten sie gelegentlich aus ihrer Hängematte.

Schlimmer als all diese Plagen jedoch, so erinnert sich Birute Galdikas, 49, »waren Ungeduld, Frustration und die Angst zu versagen": Als 25jährige war sie ausgezogen, den »Waldmenschen« zu studieren, auf malaiisch »Orang Utan«.

Doch die großen rothaarigen Baumaffen sind »Meister im Versteckspielen« (Galdikas). Sie hangeln sich einzeln und leise, nicht in lärmenden Trupps wie andere Affen, durch die dunklen Wipfel des Regenwaldes. Dort oben blieben die Orangs für die ungeübten Augen der Kanadierin zunächst unsichtbar: Nur im Sonnenlicht leuchtet das grellfarbene Haar der Orangs, das schattige Laub hingegen verschluckt alle Farbe.

Erst nach Wochen hatte sich Birute auf das richtige Suchbild eingestellt. Formlose schwarze Schatten verrieten ihr die Anwesenheit der großen Tiere. Endlich, am Heiligabend 1971, konnte sie ihr Notizbuch füllen. Erstmals hatte sie einen ganzen Tag lang einem Orang-Utan-Weibchen mit Baby folgen und die beiden beobachten können.

Beth und Bert, wie sie ihre Erstlinge nannte, eröffneten die Karriere der Wissenschaftlerin als Primatologin von Weltrang. Was die Britin Jane Goodall für die Schimpansen ist, die Amerikanerin Dian Fossey für die Gorillas, wurde Birute Galdikas für die Orang-Utans, eine Menschenaffenart, die wegen ihrer einzelgängerischen Lebensweise lange als kaum erforschbar galt.

Alle drei Affenforscherladys haben mit dem 1972 gestorbenen Anthropologen Louis Leakey, Entdecker bedeutender Menschen- und Menschenaffenfossilien in Ostafrika, einen gemeinsamen geistigen Ziehvater. Alle drei rückten den geliebten Primaten behutsam, aber so beharrlich auf den Pelz, daß sie ungeahnte Einblicke in das Verhalten der Tiere gewannen.

Nahezu 25 Jahre nachdem Birute, die jüngste im Dreierbunde, im Dschungel von Borneo ihre Forschungsstation »Camp Leakey« einrichtete, hat nun auch sie das abenteuerreiche Resümee ihrer Verhaltensstudien veröffentlicht. Mit Galdikas'' Band »Reflections of Eden« (der im September unter dem Titel »Meine Orang-Utans« im Scherz Verlag erscheint) vervollständige sich »die berühmteste Trilogie der Primatenforschung«, kommentierte die britische Wissenschaftszeitschrift Nature**.

Welche Schwierigkeiten die mutige Forscherin zu meistern hatte, bescheinigte ihr ihre britische Kollegin. »Um an Informationen zu gelangen und Verhaltensweisen zu beobachten, die ich mit etwas Glück an einem einzigen Tag sehen kann«, so Jane Goodall, »braucht Birute ein Jahr.«

Schimpansen und Gorillas leben die meiste Zeit am Boden und tummeln sich in größeren Verbänden. Die scheuen Orangs hingegen machen sich für Eindringlinge unsichtbar oder versuchen, sie zu vertreiben. Zielsicher warfen die »Waldmenschen« aus ihren Verstecken mit abgestorbenen Bäumen nach der Forscherin. Ihr sei nur deshalb nichts geschehen, weil die Baumruinen sich in Lianen verhedderten, berichtet Birute.

Dennoch gelang es der in Deutschland geborenen Kanadierin litauischer Abstammung, in die Welt der Orangs einzutauchen. Kleider und Schuhe moderten, Infektionskrankheiten schüttelten sie immer wieder, ihr Mann verließ sie mitsamt Kind, doch Birute hielt an ihrem Vorhaben fest: »Ich war dazu bestimmt, die Orang-Utans zu studieren.«

Aus ihrer tiefen Verbundenheit mit »unserer unschuldigen Affen-Verwandtschaft« macht Birute Galdikas kein Hehl. Im Lauf der Jahre wurde sie, ähnlich wie die 1985 in ihrem afrikanischen Camp ermordete Dian Fossey, zur Vorkämpferin für ihre Affenart: Das Aufpäppeln und Auswildern von Orang-Jungen, die illegal gefangen und deshalb konfisziert wurden, ist ihr mittlerweile mindestens ebenso wichtig geworden wie die rein wissenschaftliche Arbeit und ihre Professuren an der kanadischen Fraser-Universität und an der Universität in Jakarta.

Diese Zuneigung führte auch dazu, daß Affenforscherin Galdikas sich einem Forschungsprojekt verweigerte, mit dem die Routen der Tiere durch den Urwald telemetrisch aufgezeichnet werden sollten: »Es gab keine Garantie, daß die unter die Haut operierten Minisender völlig ungefährlich für die Tiere waren.«

Raubbau an der uralten Spezies, die mittlerweile vor allem durch Waldvernichtung von der Ausrottung bedroht ist, hatten die menschlichen Vettern schon im vergangenen Jahrhundert betrieben. Als Darwins Abstammungslehre zunehmend populär wurde, wuchs auch das Interesse der Öffentlichkeit an den Menschenaffen. Die Folge: Immer mehr europäische und amerikanische Zoos ließen sich Orang-Utans von Sumatra und Borneo heranschaffen.

Mit eingeborenen Helfern kreisten holländische Tierfänger größere Urwaldgebiete ein, fällten alle Bäume bis auf eine einzige Gruppe, in die sich die Affen zurückgezogen hatten. Vom Hunger aus ihrem Versteck getrieben, gerieten ganze Orang-Familien in die Netze der Fänger, viele Tiere wurden beim Fang getötet oder gingen auf dem Schiffstransport zugrunde. Aber auch hinter den Zoogittern überlebten nur wenige - von Menschen übertragene Krankheiten, vor allem Tuberkulose, rafften die in Gefangenschaft gehaltenen Affen hinweg.

Wenig zimperlich verfuhren in der Vergangenheit auch die Naturforscher mit ihren Studienobjekten. Um den »Pongo pygmaeus«, so der wissenschaftliche Name für den Orang-Utan, zu studieren und zu sezieren, erschossen sie zuhauf Exemplare dieser Affenart. In ehrfürchtigem Abstand dagegen hielten sich die Eingeborenen: Die Indonesier sahen in den rotzotteligen Wesen mit den langklafternden Armen eine geheimnisvolle wilde Menschenvariante: Die Orangs könnten sprechen, täten es aber nicht, um nicht zur Arbeit gezwungen zu werden.

»Schwächlich und mickrig« kam sich Forscherin Galdikas vor, als sie im Wald von Kalimantan, wie Borneo auf indonesisch heißt, plötzlich Throatpouch gegenüberstand: TP war der erste Orang-Utan, der sich an die Anwesenheit der Menschenfrau gewöhnte und sie monatelang in seiner Nähe duldete.

Auf 90 Kilogramm schätzte Birute das Gewicht des mürrischen, reizbaren Riesen, dessen gewaltiger Kehlsack ihm den Namen gab: Schmatzend, kreischend und brüllend warf er, bei der geringsten Provokation, Baumstümpfe um und riß Farne und Sträucher aus.

Krachend war TP den Baum hinuntergerutscht und hatte die Forscherin ** Birute Galdikas: »Reflections of Eden - My _(Years with the Orangutans of ) _(Borneo«. Little, Brown / Gollancz; 408 ) _(Seiten; 24,95 Dollar. ) _(* Mit Orang-Jungen Sugito (auf dem ) _(Arm) und Sobiarso (an der Hand). )

angestarrt - »mit flammendem Blick und gesträubtem Haar«. Doch am Ende wurde keine der Gruselgeschichten, die über Angriffe der mächtigen Männchen auf Menschen umgehen, wahr.

»Was ich als aggressive Absichten gedeutet hatte«, berichtet Galdikas, »war einfach Angeberei.« Nachdem Throatpouch auf seine Weise klargemacht hatte, wer Herr im Haus ist, ließ er sich weiter seine Termiten schmecken. Von nun an kam TP regelmäßig aus den Baumkronen herab: »Er führte mich in das merkwürdig einzelgängerische Leben eines erwachsenen Orang-Utan-Mannes ein.«

Nur äußerst selten beobachtete Birute das Zusammentreffen von TP mit anderen Männchen. Doch die Hartnäckigkeit und Unerschrockenheit der von tropischem Fieber und eintöniger Kost geschwächten Forscherin lohnte sich. Am Ende konnte sie als erste einen Zweikampf der einsamen Riesen um ein Weibchen dokumentieren.

»Wie Sumo-Ringer, Kinn an Kinn«, so schildert die Wissenschaftlerin das Duell, griffen TP und ein plötzlich hinzugekommener anderer »orangeroter Gigant« mit ihren muskelbepackten Armen umeinander. Ohne einander loszulassen, polterten die beiden Rivalen von den Bäumen herab, kletterten wieder hinauf, bissen einander in die Schultern, in die Ohren und in die breiten, vom Kopf abstehenden Backenwülste.

Bis auf gut einen Meter konnte sich Birute in der Hitze des Gefechts den Widersachern nähern: »Ihre Rücken glänzten vom Schweiß, und der Geruch ihrer stechenden Ausdünstungen blieb über dem Waldboden hängen.«

Schließlich zog sich der Eindringling zurück, und TP verkündete mit einem langen, gewaltigen Brüllen seinen Triumph.

Männliche Mutmaßungen über die sexuelle Aura von Menschenaffen hatten sich noch stets um die Arbeit von Affenforscherinnen gerankt. Mit anzüglichen Schlagzeilen ("Blondine zieht Schimpansen Männern vor") witzelten Zeitungen über Jane Goodall, bevor sie durch ihre Langzeitstudien und Filme zur international gefeierten Primatologin aufstieg. Ähnlichen Verdächtigungen sahen sich Dian Fossey und Birute Galdikas ausgesetzt.

Anthropologe Leakey, der die drei Forscherinnen auf je eine Affenart ansetzte, hatte dabei allerdings anderes im Sinn. Der Grandseigneur der Anthropologie war davon überzeugt, daß Frauen besser geeignet seien, Tiere teilnehmend, nicht unterwerfend zu beobachten.

Auch sozial und biologisch, meinte Leakey, seien weibliche Wissenschaftler besser auf die von ihm propagierten Langzeitstudien vorbereitet. Hingabe über viele Jahre, wie beim Großziehen von Kindern, ist die Voraussetzung für den Erfolg. Viele männliche Primatologen hingegen, so erinnert sich auch Birute, seien ungeduldig von einer Affenart zur anderen gewechselt.

Aus Hunderten von individuellen Orang-Utan-Biographien filterte Birute Galdikas neue Erkenntnisse über den schwersten Hangelkletterer Asiens - von der Vielfalt seiner pflanzlichen und tierischen Ernährung, die mehr als 400 ausgewählte Speisen umfaßt, bis zu Eigentümlichkeiten des Liebeslebens, das in Kopulationen von Angesicht zu Angesicht gipfelt, gelegentlich auch in Vergewaltigungen.

Daß »Sex eine mächtige Kraft ist, die Orang-Utans zueinanderzieht«, fand Birute durch die jahrelange Beobachtung von Georgina und den verschiedenen männlichen Tieren bestätigt, mit denen das junge Weibchen wanderte und Kontakt aufnahm.

Die freundliche, neugierige Georgina mit dem gestylt wirkenden Mittelscheitel und den schweren Lidern verhalf der Forscherin auch zu Erkenntnissen über das soziale Netzwerk, das die Orangs trotz ihres Hangs zur »heiteren Selbstgenügsamkeit« (Galdikas) besitzen.

Zwar bilden heranwachsende Orangs keine festen Cliquen wie etwa menschliche Jugendliche, doch auch die Menschenaffen streifen in diesem Lebensabschnitt mit Gleichaltrigen umher. Am zurückgezogensten leben die erwachsenen Männchen. »Distanzierte Freundschaften«, aber auch gepflegte Feindschaften fand Birute hingegen häufiger bei weiblichen Orang-Utans. »Ihre Beziehungen und Kontakte sind feiner strukturiert und geordnet, als ich erwartete.«

Einfallsreich, findig und geschickt in der Nachahmung, etwa beim Entfachen eines Feuers, zeigten sich ehemals gefangene Orang-Utans, die wieder freigelassen wurden. Ihre wildlebenden Genossen dagegen nutzen, wie die Wissenschaftlerin beobachtete, in ihrem Dschungel-Dasein keinerlei technische Hilfsmittel.

Nur alle acht Jahre bekommt die Orang-Frau Nachwuchs, den sie dann, wiederum etliche Jahre lang, mit der sprichwörtlichen Affenliebe umsorgt. Die Säuglingssterblichkeit, so Galdikas, sei »praktisch gleich Null«.

Die erwachsenen Orangs erreichen, meist unbehelligt von Krankheiten, ein Alter von 30 bis 35 Jahren. Natürliche Feinde haben sie in ihrer Dschungel-Umgebung kaum.

Doch menschlicher Einfluß hat die einst reichen Orang-Bestände Sumatras und Borneos auf insgesamt etwa 10 000 Tiere schrumpfen lassen. Obwohl die indonesische Regierung sich für den Schutz ihrer Menschenaffen einsetzt, fressen sich Kettensägen in den Regenwald vor.

Wie sehr die Orang-Kinder von ihren Müttern abhängig sind, bekam Birute dann auch selber zu spüren: Von Anfang an sprang sie als Ersatzmutter für verwaiste Affenbabys ein. Auch heute noch werden Jungtiere von den indonesischen Behörden aus den Händen von Schmugglern und Händlern befreit. Mittlerweile hilft jedoch, im erweiterten Camp Leakey, eine ganze Schar von internationalen Freiwilligen bei der Aufzucht und späteren Auswilderung der Kleinen.

Sugito, der erste ihrer Pfleglinge, klammerte sich Tag und Nacht an die Menschenmutter: »Wenn ich ihn anfangs gelegentlich abzusetzen versuchte, verfiel er in Wut oder schrie mitleiderregend.« Schließlich hatte sich Birute an das »warme, manchmal feuchte Bündel an meinem Körper gewöhnt«.

Ungeniert gibt die Wissenschaftlerin zu, daß sie den »rosigen Gesichtern mit den glänzenden braunen Augen und dem flaumigen orangefarbenen, fast gelben Haarkranz« nicht widerstehen konnte, auch als sie längst eigene Kinder hatte.

Sugito, Akmad, Sobiarso und all die anderen Orang-Sprößlinge, schreibt die Wissenschaftlerin, »wurden meine Waldfamilie, und die Wälder von Kalimantan wurden mein Zuhause«. Y

** Birute Galdikas: »Reflections of Eden - My Years with theOrangutans of Borneo«. Little, Brown / Gollancz; 408 Seiten; 24,95Dollar.* Mit Orang-Jungen Sugito (auf dem Arm) und Sobiarso (an der Hand).

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