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Raumfahrt Dummes Ende

Neue Enthüllungen über den sowjetischen Aufbruch ins All: Er war waghalsig, schlecht koordiniert und pannenreich.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Das Spektakel schien ganz nach dem Geschmack des Sowjetführers Nikita Chruschtschow. Im November 1957, pünktlich zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution, schossen seine Ingenieure erstmals ein Lebewesen ins All.

Eine Woche lang, so verkündeten die Sowjets stolz, habe die Hündin Laika in der Umlaufbahn gekläfft. Dann habe ihr der Dosierautomat an Bord vergiftetes Futter vorgesetzt; planmäßig und sanft sei der Vierbeiner entschlummert.

Alles Lug und Trug. In Wahrheit umkreiste tagelang ein Kadaver die Erde. »Schon kurz nach dem Start begann die Kabinentemperatur zu steigen«, erinnert sich der damals am Hundeexperiment beteiligte Biomediziner Abram Ghenin, 74. Die Raumkapsel sei falsch isoliert gewesen. Laika wurde geröstet, sie starb qualvoll an einem Hitzschlag. Die Welt erfuhr nichts davon.

»Mit dem Laika-Märchen fing die propagandistische Verfälschung an, der russische Aufbruch ins All war weniger ruhmreich als bislang geschildert«, resümiert der Berliner Raumfahrtexperte Harro Zimmer. Nach dem Ende der Sowjetunion berichteten ihm die noch lebenden Veteranen jetzt offen von verheimlichten Pannen und Fehlschlägen. Seine Interviews hat Zimmer zu einem Buch über »Glanz und Elend der russischen Raumfahrt« (Untertitel) verarbeitet*.

Nach der gefeierten Laika-Mission konzentrierten sich die Sowjetingenieure darauf, eine unbemannte Kapsel auf die Mondoberfläche zu entsenden. Mit allen Mitteln suchten sie ihren amerikanischen Konkurrenten zuvorzukommen. Um die Erdanziehungskraft zu überwinden, war eine entsprechend schubstarke Rakete erforderlich - aber zunächst ging alles schief. Reihenweise stürzten die sowjetischen Prototypen ab.

Anfang 1959 gelang es endlich, die Robotersonde »Luna 1« auf die Reise zum Erdtrabanten zu schicken. Doch Luna verfehlte ihr Ziel um 6000 Kilometer, sauste am Mond vorbei und entschwand für alle Zeiten im Leerraum. Trotzig ordnete der oberste Partei-Ideologe Michail Suslow an, die Pleitemission als »vollen Erfolg« zu preisen.

Reibungslos verlief, solange man der sowjetischen Darstellung glaubte, auch die Erdumrundung von Jurij Gagarin, der 1961 als erster Mensch ins Weltall flog. Verheimlicht haben die Zensoren, was erst Anfang dieses Jahres ruchbar wurde (SPIEGEL 15/1996): daß der spätere Held der Sowjetunion nur knapp einer tödlichen Katastrophe entging.

Seine Pilotenkapsel, so beweisen Tagebuch-Notizen, rotierte während des Landemanövers plötzlich heftig und unkontrolliert. »Alles drehte sich um mich herum«, berichtete Gagarin später. Das hintere Versorgungsmodul war nicht wie vorgesehen von der Pilotenkapsel abgetrennt worden. Erst in letzter Minute riß der störende Ballast ab.

Zu solchen technischen Desastern kam es nicht etwa, weil die Sowjetunion so schlechte Ingenieure hatte. Schuld an dem Gemurkse war vielmehr die politische Führung, die im Weltraum-Wettlauf mit den Amerikanern ihre Techniker permanent zu größerer Eile antrieb. Immer wieder waren die Raketenbauer gezwungen zu improvisieren, Zeit für ausgefeilte Lösungen blieb ihnen nicht. »Wir beschlossen, alles möglichst einfach zu machen«, erinnert sich Chefkonstrukteur Konstantin Feoktistow, 70.

Anfang der sechziger Jahre mußte für den bemannten Raumflug ein Landeapparat entwickelt werden. US-Ingenieure fanden in aufwendigen Windkanalversuchen heraus, daß eine kegelförmige Kapsel aerodynamisch am günstigsten wäre. Ihre Sowjetkollegen hingegen wählten ohne größere Tests einfach die Kugelform. Feoktistow: »Mit unserer frühen Entscheidung für die Kugel haben wir viel Arbeit und Zeit eingespart.«

Mit dieser pragmatischen Einstellung bauten die Sowjetingenieure ihre gesamte Raumfahrttechnik auf. Während die Amerikaner einen raffinierten High-Tech-Raumanzug entwarfen, glich das sowjetische Modell einer altmodischen Taucherausrüstung. Für einen Mondspaziergang wäre der klobige russische Raumanzug untauglich gewesen: Ein Kosmonaut, der hingefallen wäre, hätte kaum wieder aufstehen können.

Auch bei der Auswahl ihrer Raumfahrer hatten die Sowjets nicht immer Glück - am wenigsten mit Walentina

Tereschkowa, die 1963, von Chruschtschow persönlich ausgewählt, als erste Frau im Weltraum kreiste. Der Flug geriet zur Zitterpartie: Die Russin im All war in so schlechtem Zustand, daß ihre Funksprüche kaum verständlich waren. Häufig wurde ihr schwindlig, und sie schlief ein. Nach ihrer Landung wurde sie als Heldin herumgereicht. Für die folgenden 19 Jahre durfte keine Kosmonautin mehr an den Start.

Was die Technik anging, zählte bei den Sowjets nie die eleganteste oder die sicherste Lösung, sondern immer nur die schnellste. »Bei unserer Führung war ja weniger das Technische wichtig«, klagt der ehemalige Kosmonaut Anatolij Kuklin. »Nur Propaganda und Autorität hatten Bedeutung.«

Im Wettkampf der Systeme konnten die Sowjets stets einen höheren Einsatz wagen als die Amerikaner; ein Menschenleben zählte im Russenreich weniger. Auf ihren Himmelfahrtskommandos mußten die Kosmonauten oft Kopf und Kragen riskieren - so auch beim legendären ersten Weltraumspaziergang.

Mitte 1965 sollte nach den Plänen der US-Raumfahrtbehörde Nasa ein Astronaut während einer Erdumkreisung seine »Gemini«-Kapsel verlassen. Die russischen Raketenmanager waren alarmiert. Hastig wurde in ein »Woschod«-Raumschiff eine Luftschleuse für den Ausstieg eingebaut. Doch der unbemannte Testflug ging schief: Beim ferngesteuerten Öffnen der Luftschleuse kam es zur Explosion; das Raumschiff zerplatzte zu einer Trümmerwolke.

Trotz dieses Fehlschlags startete schon einen Monat später »Woschod 2« mit zwei Kosmonauten an Bord ins All. Im Orbit angekommen, öffnete Alexej Leonow die - nicht erfolgreich erprobte - Luke der Luftschleuse und schwebte an einem Kabel nach draußen. Zwölf Minuten lang genoß der Kosmonaut den Fernblick auf seine Heimatwelt. Als er aber wieder in sein Raumschiff einsteigen wollte, paßte er plötzlich nicht mehr durch die Luke.

Unter den Druckverhältnissen im Hochvakuum hatte sich sein Raumanzug wie ein Luftballon aufgebläht, viel stärker als vorausberechnet. »So ein dummes Ende«, fluchte Leonow. Panik stieg in ihm hoch. Leonow verringerte den Druck im Anzug, seine einzige Chance, aber lebensgefährlich. Mit letzter Kraft zwängte er sich kopfüber zurück in die Kapsel.

In der Kabine ging das Drama weiter. Zu ihrem Entsetzen bemerkten die beiden Kosmonauten, daß die Ausstiegsluke nicht hermetisch schloß. Luft entwich aus ihrem Gefährt. Um den allmählichen Verlust auszugleichen, pumpte die Lebenserhaltungsautomatik reinen Sauerstoff in die Kabine, der allerdings die Feuergefahr drastisch erhöhte. Beim Eintauchen in die Erdatmosphäre hätte der Funke eines elektrischen Schalters ausgereicht, um die gesamte Kabine in Brand zu setzen.

Schließlich versagte auch noch ein Flüssigkeits-Bremstriebwerk. Mit ziemlichem Karacho schlugen die Kosmonauten in der sibirischen Eislandschaft auf.

Dennoch jubelten die sowjetischen Raumfahrtmanager. Wieder einmal war der Klassenfeind überrundet. Das blieb allerdings ihr vorläufig letzter Triumph: Den alles entscheidenden west-östlichen Wettlauf zum Mond verloren die Sowjets.

»Die russischen Raketenbauer wären durchaus imstande gewesen, vor den Amerikanern einen Mann auf den Mond zu bringen«, analysiert Zimmer, »wenn sie sich nicht gegenseitig das Wasser abgegraben hätten.«

Ausgerechnet in der zentralistischen Sowjetunion gab es keine Behörde, die - vergleichbar der amerikanischen Nasa - alle Raumfahrtaktivitäten des Landes koordiniert hätte. Statt dessen wurstelten Dutzende unabhängiger Konstruktionsbüros (OKB) nebeneinander her, jeweils von unterschiedlichen Ministerien finanziert.

Ständig kämpften die Konstruktionsbüros gegeneinander um Mittel und Macht. Die bedeutenderen OKBs starteten ihre eigenen Raketen, die sie von eigenen Kontrollzentren aus steuerten. Zimmer: »Diese absurde Zersplitterung der Kräfte hat die sowjetische Raumfahrt in ihrer Entwicklung massiv behindert.«

Vor allem die Chefs der beiden größten und mächtigsten OKBs waren Feinde fürs Leben. Sergej Koroljow, der als der russische Wernher von Braun gilt, trieb mit seinem OKB-1 die bemannte zivile Raumfahrt voran. Sein Widersacher Wladimir Tschelomej versorgte mit seinem OKB-52 die Militärs.

Die Gegnerschaft der beiden Raumfahrtchefs ging zurück auf persönliche Gründe. Schon in den dreißiger Jahren hatte Koroljow zu den Pionieren der Raketentechnik gehört. Im August 1933 zündete er die erste sowjetische Versuchsrakete. Das Aggregat, kaum schwerer als ein Reisekoffer, stieg 400 Meter hoch. Doch dann geriet Koroljow in den Strudel von Stalins Säuberungswelle.

1938 kam er in das nordsibirische Straflager Kolyma. Als einer von wenigen überlebte er die Gulag-Hölle - denn nun brauchten ihn die Militärs für ihr anlaufendes Raketenprogramm. Koroljow wurde ein Aufpasser an die Seite gestellt, ein junger, ehrgeiziger Ingenieur: Wladimir Tschelomej.

Gegen Ende des Krieges trennten sich die Wege der beiden. Koroljow, der jahrelang eine erneute Deportation befürchtete, stand unter Erfolgsdruck. Autoritär und starrsinnig peitschte der ehemalige Gulag-Häftling seine Leute zu immer höherer Arbeitsleistung und brachte so die sowjetische Raumfahrt in den fünfziger Jahren an die Weltspitze. Doch gleichzeitig gewann sein verhaßter Rivale Tschelomej, gefördert von den Militärs, immer mehr an Einfluß.

Anfang der sechziger Jahre kam es zum offenen Kampf. Beide wollten unbedingt den Mond erobern. Getrennt voneinander ließen sie ihre Ingenieure neue Generationen von Trägerraketen und Raumschiffen entwickeln: Die Sowjetunion leistete sich gleich zwei Mondprogramme.

Erst Ende 1965 setzte Koroljow durch, daß die konkurrierenden Programme unter Führung seines OKB-1 zusammengelegt wurden (einen Monat danach starb er an Darmkrebs). Doch zu diesem Zeitpunkt war der Vorsprung der Amerikaner nicht mehr aufzuholen. Mehrere Probeflüge mit der neuen, von Tschelomej entworfenen Trägerrakete »Proton« scheiterten; meist fiel während des Fluges eines der Triebwerke aus.

In ihrer Not spielten die russischen Raketenbauer ihren letzten Trumpf aus. Am 17. Juli 1969, vier Tage bevor der US-Astronaut Neil Armstrong den staubigen Erdtrabanten betrat, schwenkte die unbemannte »Luna 15« in eine Mondumlaufbahn ein. Die Amerikaner waren irritiert.

Der Geheimplan der Sowjets: Die neuartige Robotersonde sollte weich auf dem Himmelskörper landen, Mondgestein einsammeln und es - vor den Amerikanern - zurück zur Erde schaffen.

Der Versuch scheiterte: Mit 500 Stundenkilometer schlug »Luna 15« im Mare Crisium auf und regte sich nicht mehr.

* Harro Zimmer: »Der rote Orbit«. Verlag Franckh-Kosmos,Stuttgart; circa 160 Seiten; 24,80 Mark (erscheint im September).

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