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Kommunikation Dunkle Schatten

Eltern müssen aufpassen: Auch auf dem Datenhighway können Kinder Opfer von Sittenstrolchen werden.
aus DER SPIEGEL 17/1995

Die elektronische Post für Amanda Rose, 12, hatte es in sich. Vier Seiten lang beschrieb ein 15 Jahre alter Junge, welche Sexspielchen er mit ihr vorhatte. Der Brief erreichte das Mädchen am Personalcomputer (PC) zu Hause, der über die Telefonleitung an ein US-Datennetz angeschlossen war.

Die Mutter, Anwältin im Bundesstaat Kansas und selbst seit einem Jahrzehnt mit Computern vertraut, bereitete dem Treiben ein abruptes Ende. Sie sei »sprachlos«, klagte die schockierte Frau. Auf den Fernsehkonsum ihrer Tochter achte sie, im Kino dürfe Amanda nur jugendfreie Filme sehen. Mit den Sex-Episteln aus der Datenleitung aber habe sie »einfach nicht gerechnet«.

Amandas elektronische Zufallsbekanntschaft, der bei den schlüpfrigen Details ein 41 Jahre alter Bekannter die Feder geführt hatte, stammte aus dem Teenietreff eines amerikanischen Mailbox-Dienstes. Dort können sich Jugendliche, die Zugang zu einem PC mit Modem-Anschluß haben, über das Telefonnetz einwählen und von Computerbildschirm zu Computerbildschirm elektronische Schwätzchen halten.

Rasant entwickelt sich die Online-Kommunikation inzwischen auch in Deutschland. So lockt der Telekom-Dienst Datex-J (rund 780 000 Teilnehmer) mit einem elektronischen Treff (Datex-J-Seite L3930031130A), in dem Schüler und Lehrer Botschaften veröffentlichen können. Für fünf Pfennig pro Leseminute ist dort etwa zu erfahren, daß Brigitte eine Blockflöte für Linkshänder sucht, Jonathan nach dem Computerspiel »Dunkle Schatten« fahndet oder Pauker Schröder Probleme mit einer Klassenfahrt hat.

Ein paar Datex-J-Seiten weiter geht es weniger harmlos zur Sache. Zwischen Beate Uhses Plauderecke, Börsendiensten und Anbietern von computerlesbaren Nacktfotos sind für Pädophile und Online-Mitschnacker besonders die zahlreichen Dialogsysteme attraktiv, in die sich Teilnehmer unter Pseudonym einwählen können.

So wurden in der Bar d'amour, Treff des Datex-J-Anbieters Eden, Minder & Co., schon mal Kinder zur Prostitution angeboten, wie ein Journalist der Augsburger Allgemeinen beim Modem-Geplauder im Telekom-Rechner feststellen mußte. Unverblümtes Angebot eines Anonymus an den Zeitungsmann: »Siebenjährige, Frischfleisch? Oder schon gelocht?«

Das Schmuddelimage, das durch solches Treiben entstanden ist, will die Telekom nun endlich abstreifen - auch mit Hilfe einer Marketingoffensive der Firma 1&1 im rheinland-pfälzischen Montabaur, die Datex-J als Familienmedium bewirbt und dem Dienst damit einen wahren Kundenansturm bescherte. Mehr als 20 000 neue Mitglieder lassen sich inzwischen Monat für Monat im Datex-J-Dienst registrieren, die meisten über 1&1.

Anfang Mai tagt zum erstenmal ein neu eingerichtetes Selbstkontrollgremium für Datex-J, außerdem wurden die Geschäftsbedingungen für Anbieter verschärft. Wer Angebote verbreite, die Kinder und Jugendliche sittlich gefährden könnten, werde aus dem Datex-J-Netz ausgeschlossen, versichert Telekom-Fachbereichsleiter Eric Danke: »Wir versuchen sogar, die Inhaltsverzeichnisse sauberzukriegen.«

Denn weitere Pornopannen, das wissen die Telekom-Onliner, würden ihre Wettbewerbsposition im verschärften Konkurrenzkampf um den Online-Markt empfindlich schwächen - Sicherheitslücken und Schmuddelsex könnten potentielle Privatkunden einem vermeintlich »saubereren« Online-Dienst in die Arme treiben. Amerikanische Branchengrößen wie Compuserve oder America Online sind mit dem Problem schon länger vertraut: In den USA wird die Anonymität der virtuellen Treffpunkte von Kindersexbesessenen und Kriminellen geschätzt.

Verschreckt durch Razzien auf Pädophilen-Mailboxen (SPIEGEL 43/1993), versuchen vernetzte Online-»Onkel« ihre Opfer direkt von Bildschirm zu Bildschirm zu kontaktieren. Folge: Mit einer Gesetzesvorlage im US-Kongreß, die das Überwachen elektronischer Kommunikation vereinfachen soll, will nun Senator Jim Exon aus Nebraska »den ,Information Highway' davor bewahren, zum Rotlichtbezirk zu werden«.

Die amerikanische Journalistin Nancy Tamosaitis, die sich als 15 Jahre alte »süße Chrissy« in einem der Online-Dienste tarnte, fand innerhalb weniger Tage einen Berg von Schmuddel-Mail in ihrem elektronischen Briefkasten. Etliche der Schreiber waren 40 Jahre und älter. »Hast du Nacktbilder von Dir?« wollte ein Versicherungsangestellter als erstes wissen. »Charles«, ein angeblich 30 Jahre alter Programmierer, erbat ein Unterhöschen - »getragen, versteht sich«.

Kinder können, warnt Lawrence Magid, Kolumnist der Los Angeles Times, im Cyberspace »genauso wie überall« Opfer von Verbrechen werden. Mancher, so informiert der auch in Deutschland (100 000 Mitglieder) eingeführte Online-Dienst Compuserve Besucher seines Teenietreffs (Befehlswort: GO YDRIVE), wechsle, verschanzt hinter seinem Computer, »Alter, Geschlecht, Beruf und sogar die Persönlichkeit«.

Mit Broschüren und Online-Hilfen in den einschlägigen Diensten versuchen Magid und die amerikanische Kinderschutzorganisation National Center for Missing and Exploited Children mit Sitz in Arlington (Virginia) nun den Datenhighway kindersicher zu machen (siehe auch Kasten).

Andernfalls könnten, warnen die Eltern-Patrouillen im Netz, Kids und Jugendliche auch in die Fänge von Fremden geraten, die sich über die häuslichen Verhältnisse informieren oder ihnen Paßwörter und Kreditkartennummern zu entlocken suchen.

In den USA nutzen bereits einige zehntausend Kinder und Jugendliche, meist vom elterlichen PC aus, die weltweiten Datennetze. Dabei lassen sich allerlei nützliche Hinweise gewinnen. Seine neun Jahre alte Tochter, schwärmt US-Journalist Preston Gralla aus Cambridge (Massachusetts), erledige ihre Hausaufgaben jetzt per Datenfernübertragung. Zum Unterrichtsthema Wale habe sie elektronische Lexika, das Material von News-Agenturen und Bilddatenbanken durchstöbert.

So sparen sich amerikanische Eltern teure Nachhilfe für ihre Kinder, die per Telefonleitung und PC etwa das Academic Assistance Center des drittgrößten Datendienstanbieters America Online erreichen können.

Dort finden sie Beratung für Unterrichtsthemen aus allen Fächern - Befehlswort: Homework.

Inzwischen gibt es in den USA sogar schon eine eigene Online-Software nur für Kinder. Mit KidMail, einem Programm der amerikanischen Softwarefirma ConnectSoft, können sich schon Sechsjährige auf den Datenhighway begeben. Das Programm ist kinderleicht bedienbar, und die Entwickler haben vorgebaut, damit die Kinder nicht auf der Infobahn allein gelassen werden: Die Eltern können die Online-Zeit per Tastendruck festlegen. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Am Datennetz *

hängen inzwischen immer mehr Kinder und Jugendliche auch in Deutschland. Schnelle Modems, mit deren Hilfe sich vom PC aus per Telefonleitung Kommunikationscomputer in aller Welt anwählen lassen, sind inzwischen für weniger als 100 Mark zu erhalten.

Für den Trip auf die Infobahn sollten Eltern mit ihren Kindern über Vorsichtsmaßnahmen sprechen, empfehlen US-Computerpädagogen; ihre Tips: *___Persönliche Daten wie die Adresse, der Name und die ____Anschrift der Schule oder die Arbeitsstelle der Eltern ____sollten nicht an Kommunikationspartner im Netz ____weitergegeben werden. *___Persönliche Zugangspaßwörter oder Seriennummern von ____Programmen gehören nicht auf fremde Bildschirme. *___Angaben über Urlaubszeiten oder regelmäßige Termine ____sollten unterbleiben. *___Treffen mit Online-Partnern sollten nur mit Wissen und ____Zustimmung der Eltern an einem sicheren Ort verabredet ____werden. *___Werden bei einem direkten Dialog mit einem ____Gesprächspartner im Netz unangenehme Fragen gestellt ____oder kommt es zu Beleidigungen, sollte die Verbindung ____unterbrochen und der Betreuer (Sysop) der Mailbox oder ____des Online-Services umgehend informiert werden.

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