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ARCHÄOLOGIE Ehrfürchtige Scheu

Gran Pajaten, eine Geisterstadt der Indios im peruanischen Regenwald, soll jetzt erforscht werden. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Durchnäßt von täglichen Regenstürzen und entkräftet durch die schwüle Hitze, quälten sich die Männer durch den tropischen Regenwald der peruanischen Anden. Jeden Schritt durch das dampfende Grün mußten sie sich mit Machete-Hieben freischlagen.

Nach fünf Tagen hatten sie es endlich geschafft: Vor ihnen lag, an einem Steilhang über einem namenlosen Fluß, ein Komplex von Häusern und Türmen, mächtigen Mauern, überwucherten Straßen und großen Hügelgräbern - Überreste der sagenhaften, im Dschungel verlorenen Stadt Gran Pajaten.

»Uns beschlich eine ehrfürchtige Scheu«, erinnerte sich Archäologe Dr. Thomas Lennon von der University of Colorado, als er und seine Begleiter letzten Sommer die in 2600 Meter Höhe gelegene Stadt mitten im wolkenverhangenen Regenwald erblickten. Vom nächsten Jahr an, so gab er vorletzte Woche der Presse bekannt, will der Wissenschaftler zusammen mit amerikanischen und peruanischen Kollegen das Rätsel von Gran Pajaten zu lösen versuchen.

Wer war das Volk, das dieses urbane Gemeinwesen (und sicher auch noch weitere) geschaffen hat? Woher kam und weshalb verschwand es - offenbar ganz plötzlich - wieder im Dunkel der Geschichte?

Wie war es den Menschen möglich, in dem (von Eingeborenen so genannten) »Wolkenwald« eine derart hochstehende Kultur zu entwickeln? »Wir stehen«, so Lennon, »vor einem Berg von Rätseln.«

Mit Sicherheit wissen die Experten nur, daß Gran Pajaten zwischen 500 und 1500 nach Christus bewohnt war - von Indios, deren Kultur, so Lennon, »einmalig ist und völlig unterschiedlich von der Zivilisation der Inkas« (die ihre Blütezeit erst im 15. Jahrhundert erreichte). Nach Ansicht von Experten könnte sich die Geisterstadt als ebenso »aufschlußreich und aufregend für die Forschung« erweisen wie das berühmte Inka-Zentrum Machu Picchu.

Nachdem Lennon und seine Begleiter einige der überwucherten Ruinen freigelegt hatten, konnten sie erkennen, über welche enormen handwerklichen Fähigkeiten die Bewohner von Gran Pajaten verfügt haben: *___Schiefergedeckte Türme erheben sich in kühner ____Konstruktion am Rand einer 300 Meter hohen Felswand; an ____den Regentraufen der Türme, möglicherweise ____Begräbnisplätze für die herrschende Schicht, hängen bis ____zu 90 Zentimeter große geschnitzte »Holzfiguren von ____ersichtlich männlichem Geschlecht«. *___Bergabwärts befinden sich 16 mehrstöckige Rundbauten, ____offenbar Wohnhäuser, gefertigt aus Schieferziegeln, ____Holz und lehmartigem Mörtel. Deren Außenwände sind mit ____Tierdarstellungen, geometrischen Formen und seltsamen ____Figuren geschmückt - mittels Schieferziegeln stilisiert ____dargestellte Körper mit kunstvoll aus Stein gehauenen ____Köpfen, die einen Federschmuck tragen. *___Terrassierte Felder, mühevoll in den Berg gehauen, ____"weisen auf eine hochentwickelte Landwirtschaft hin« - ____angesichts des starken Niederschlags müssen die ____Bewohner der Stadt über ein ausgeklügeltes ____Kanalisationssystem zur Ableitung der Wassermassen ____verfügt haben.

»Geradezu unglaublich, wie sich hier alles trotz des extrem feuchten Klimas erhalten hat«, so die amerikanische Anthropologin Jane Wheeler, die zusammen mit Lennon das Forschungsprojekt leitet. Die Wissenschaftler fanden beispielsweise große Stoffstreifen, massenhaft intakte Töpferware von bisher unbekanntem Stil, an manchen Wänden ist noch nicht einmal die Farbe abgeblättert - alles Anzeichen dafür, daß die 500 Kilometer nordöstlich von Lima (in der heutigen Provinz San Martin) gelegene Urwaldsiedlung niemals erobert und gebrandschatzt wurde. »Es sieht so aus«, so Lennon, »als sei hier seit Jahrhunderten niemand gewesen.«

Erst 1963 hatten peruanische Wissenschaftler, durch Legenden über Gran Pajaten auf die Spur gebracht, die vergessene Stadt wiederentdeckt. Doch wegen ihrer Unzugänglichkeit - um hinzugelangen, muß man über einen 4300 Meter hohen Paß - konzentrierten sich die einheimischen Wissenschaftler auf andere Grabungsstätten.

In Pataz, dem letzten bewohnten Dorf am Rande des Urwalds, machten die amerikanischen Forscher den inzwischen 61jährigen Carlos Torrealba ausfindig, der damals die peruanische Expedition geführt hatte - mit Hilfe von 10 Trägern und 14 Maultieren hatte er die Weißen ans Ziel gebracht. »Unser Weg führte unter Bäumen hindurch, über Bäume hinweg und durch Bäume hindurch«, erinnerte sich ein Teilnehmer.

Die versteckte Lage hinter dem dichtgrünen Schanzwerk des Urwalds dürfte auch der Grund dafür sein, daß Gran Pajaten der Zerstörung durch die mit Kreuz und Donnerbüchse marodierenden Spanier oder später den Plünderungen durch einheimische Grabräuber entgangen ist - anders als etwa die 1980 entdeckte Siedlung Buritaca, einer der Stammsitze der sogenannten Tairona.

Von diesem hochentwickelten Volk aus der Vor-Inkazeit, das ebenfalls im Bergdschungel (des heutigen Kolumbien) ansässig war, erhoffen sich die Experten Rückschlüsse auf die Lebensweise der Bewohner von Gran Pajaten: Die Tairona schafften es, trotz des steilen Geländes und des nahezu ganzjährig niederprasselnden Regens auf dauerhaften Kulturen Mais und Bohnen, Chili, Manjok und Kartoffeln, Avocados und Obst zu ziehen. Ihre befestigten Terrassen wurden durch ringsum laufende Gossen entwässert und mit Grün-Dung fruchtbar gehalten.

Sie züchteten Bienen und hielten Papageien für ihren üppig bunten Federschmuck, wie ihn auch die jetzt aufgefundenen Steingestalten in Gran Pajaten tragen. Die Tairona jagten und handelten mit den Küstenstämmen, die ihnen Fisch lieferten. Wie andere Hochland-Indios auch, kauten sie Koka-Blätter als Appetitzügler und Muntermacher.

Wenig Zweifel freilich haben die Archäologen, daß Gran Pajaten - genauso wie Buritaca - spätestens im 15. Jahrhundert von den expansionswütigen Inkas erobert wurde: Vereinzelte Funde von typischen Inka-Töpferwaren deuten darauf hin.

Dies würde auch das offenbar fluchtartige Verschwinden der Bevölkerung von Gran Pajaten erklären: Nachdem die spanischen Konquistadores den Inkas den Garaus gemacht hatten, verließ die nunmehr führerlos gewordene Bevölkerung auch die Stadt Gran Pajaten. Von

der Erforschung der Geisterstadt im Regenwald erhoffen sich die Wissenschaftler auch Antwort auf die historische Preisfrage, warum das mächtige Inka-Reich von einem Haufen durchfallgeplagter, untereinander zerstrittener spanischer Glücksritter gleichsam im Handstreich erobert werden konnte.

War es tatsächlich so, wie die meisten Fachleute bislang annehmen, daß die Bevölkerung nach Ermordung des machthabenden Inkas den weißen Eindringlingen führerlos ausgeliefert waren? Oder waren ihre Reihen durch aus Europa eingeschleppte unbekannte Infektionskrankheiten wie Grippe oder Windpocken derart dezimiert und entmutigt, so eine andere Theorie, daß sie den Eroberern physisch und psychisch nichts mehr entgegenzusetzen hatten?

Die Antwort könnten die Archäologen schon im nächsten Sommer gefunden haben, wenn sie die Hügelgräber von Gran Pajaten öffnen: »Wir glauben, daß wir eine gute Chance haben, dort Mumien zu finden«, so Lennon. »Dann werden wir wissen, ob dieses Gebiet von Epidemien heimgesucht worden ist.«

[Grafiktext]

KOLUMBIEN Quito ECUADOR Iquitos Amazonas Maranon GRAN PAJATEN BRASILIEN PERU Trujillo Ucayali PAZIFIK Lima Machu Picchu Titicaca-See BOLIVIEN Arequipa CHILE PERU Kilometer

[GrafiktextEnde]

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