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SPRACHE Ein halber Goethe

Die Gelehrten sind sich über den deutschen Wortschatz des sogenannten Durchschnittssprechers nicht einig - trotz eindrucksvoller Untersuchungen an Schulkindern. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Im kommunistischen Reich der Freiheit, schwärmte einst Leo Trotzki werde »der durchschnittliche Menschentyp« das Niveau eines Aristoteles, Goethe oder Marx erreichen.

Ein Traum, und nicht einmal ein schöner. Noch vor einer Generation, als die Statistiker über die Sprachwissenschaft herzufallen begannen, hieß es in ersten (groben) Vergleichsschätzungen, Goethes literarischer Wortschatz umfasse rund 15000 Wörter und Shakespeares etwa 21000.

Der deutsche Mensch, behauptet wenigstens die (nicht ganz sattelfeste) Schatzstatistik, scheint inzwischen jenen Wortreichtum Goethes erlangt zu haben: der »aktive« - also mündlich oder schriftlich gebrauchte - Wortschatz »eines deutschen Durchschnittssprechers«, weiß Meyers majestätische Goldschnitt-Enzyklopädie anzugeben, umfasse derzeit »12000 bis 16000 Wörter, davon etwa 3500 Fremdwörter«.

Aber der sogenannte Durchschnittssprecher hat Goethe noch keineswegs erreicht - auch das war ein Traum, wenn auch ein schöner. Goethes Gesamtwortschatz, haben die bienenfleißigen Sprachgelehrten des Goethe-Wörterbuchs herausgefunden, umfaßt mindestens 80000 Wörter - während sich Shakespeare laut Harvard-Konkordanz mit rund 29000 begnügt.

Der international angesehene Münchner Linguist Harald Weinrich meint sogar, die Schätzungen der Goethe-Gelehrten lägen wohl immer noch zu niedrig. Und die Meyer-Angaben hält er auch wegen der Fachsprachen - von der Medizin bis zur Autoindustrie; vom Computer-Chinesisch ganz zu schweigen - für zu gering angesetzt.

Doch Weinrich meldet ebenso Skepsis an. Er mißtraut dem vagen Stereotyp des »Durchschnittssprechers«, dem als mehrdeutigem Mittelwert keinerlei soziale Relevanz zukommt, es sei denn, er werde mit einer Berufsgruppe, etwa dem Facharbeiter, gleichgesetzt. Und Weinrich sagt zudem, die moderne Sprachwissenschaft verzichte auf den schwer abgrenzbaren Terminus »Fremdwort« - in den statistischen Angaben fallen oft genug Lehnwörter (wie Farbangaben) und Fremdwörter zusammen.

Die Frage bleibt also: Wer ist der ominöse Durchschnittssprecher - und auch: Für wen ist er das?

Autor des »Wortschatz«-Artikels im Großen Meyer ist Günther Drosdowski, temperamentvoller Chef der Duden-Redaktion - und so tauchen die Meyer-Zahlen genauso im gleichen Artikel von Band 9 ("Richtiges und gutes Deutsch«, 3. Auflage, 1985) des zehnbändigen Duden auf.

Drosdowski hält alle älteren Angaben zum Wortschatz für Legenden. Er beruft sich auf - durchaus eindrucksvolle - neuere Untersuchungen über den Erwerb des individuellen Wortschatzes bei Kindern, wobei Fünfzehn- bis Sechzehnjährige bereits rund 14000 Wörter benutzten und auch Sechsjährige schon mit 4500 bis 6000 Wörtern Eltern und Erzieher erstaunten.

In einer Arbeit zur Struktur des kindlichen Wortschatzes von Gerhard Augst/ Andrea Bauer/Anette Stein (1977) wurde ein kleiner Schulanfänger überaus pingelig befragt und getestet.

Die überraschten Forscher ermittelten: »Der aktive Wortschatz des Kindes liegt mit 5253 Wörtern weit über den in der Forschung bekannten Zahlen. Da aber bei einem Vergleich des Sozialmilieus ... aber auch bei der Berücksichtigung der Tests nicht vermutet werden kann, daß das beobachtete Kind sprachlich besonders begabt ist, darf man folgern, daß der aktive ... Wortschatz der Kinder heute allgemein größer ist als in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts.«

Dabei verfügte der liebe Kleine über ein beachtliches Repertoire an

»Schimpfwortreihen«, die er etwa mit »Arsch-», »Scheiß-», »Blöd-» bildete. Ihn kümmerten die - per Hochrechnung ermittelten - 107569 Wörter aus dem Wahrig-Wörterbuch wenig: nach Auskunft der Forscher benutzte er rund 1200, die »im Wahrig fehlen«.

Schon 1969 hatte Gertraud Heuß die sich angekündigte Wörter-Explosion auch durch »die immense mediale Beeinflussung« der Kinder zu erklären versucht - und die drei Sprachforscher folgerten 1977 bereits aus ihren Reihenuntersuchungen an Grundschulkindern einen, »gesprochenen Wortschatz« von 5000 bis 10000 Wörtern.

Diskutabel mutet jedoch ihre Behauptung an, das passive Inventar des Gelesenen oder Gehörten bei jenen Kindern lasse sich auf 25000 bis 40000 Wörter veranschlagen: eine ungeheure Zahl, ein halber Goethe im Kinde - vergleichbar nur dem beachtlichen Optimismus des Großen Brockhaus (1974), der dem »durchschnittlich Gebildeten bis zu 50000 Wörter« zuschrieb.

Immerhin meinte 1979 etwa der Linguist Peter Kühn in einer vorzüglichen Abhandlung über den Grundwortschatz: »Von mehreren hunderttausend Wörtern einer Sprache werden nicht mehr als 4000-5000 Einheiten von den einzelnen Sprechern/Schreibern beherrscht.«

Mögen »Einheiten« auch nur Substantiva bedeuten. Kühn verwies ausdrücklich auf eine Arbeit von Verlee, der 1963 feststellte, einfache Leute verwendeten »kaum mehr als 2000 Vokabeln«, und auch den Gebildeten seien höchstens »4000-5000 Wörter 'geläufig'«.

Auch über den durchaus nicht einsilbigen Erstbundeskanzler Konrad Adenauer ging einst in Bonn die Rede, er verfüge nur über einen aktiven Wortschatz von rund 1000 Wörtern. Zumindest seine lakonischen Memoiren schienen das Gerücht in grober Annäherung zu bestätigen.

Trotz eindrucksvoller Kinder-Zahlen sind sich also die Gelehrten wie immer nicht einig: Der Durchschnittssprecher ist, vom statistischen Mittel abgesehen, bestenfalls ein schlechter Idealtyp, und über die Kriterien des Wortschatzes bei sogenannten Gebildeten wie Ungebildeten herrscht nach wie vor noch weithin Unsicherheit.

Nur eins hat die postmoderne Germanistik brillant bewiesen: Ihr Gebrauch zumeist überflüssiger Fremdwörter ist sprunghaft, wenn nicht unerträglich angestiegen.

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