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SEUCHEN »Eine riskante Situation«

Peter Cordingley, regionaler Koordinator für Asien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), über den Ausbruch der Hühnergrippe und die Gefahr für den Menschen
aus DER SPIEGEL 4/2004

SPIEGEL: Sie kämpfen derzeit an zwei Fronten: gegen Sars und die Hühnergrippe. Was ängstigt Sie mehr?

Cordingley: Anders als bei Sars stehen wir mit der Hühnergrippe am Beginn einer riskanten Situation. Das Virus grassiert in Vietnam, in Südkorea, Japan, und auch aus Indonesien und Kambodscha gibt es Meldungen. Millionen von Hühnern sind bereits gekeult worden. Vier Vietnamesen sind an dem Erreger gestorben, jeden Tag erreichen uns weitere Verdachtsfälle.

SPIEGEL: Worin genau besteht Ihre Sorge?

Cordingley: Das schlimmste Szenario wäre, wenn sich die Hühnergrippe in einem der Infizierten mit einem menschlichen Grippevirus vermischt. Gegen diesen aggressiven Erreger hätte das Immunsystem keine Waffen. Ähnlich wie bei der Spanischen Grippe 1918 könnten Millionen Menschen daran sterben.

SPIEGEL: Gibt es Anzeichen für diese unheilvolle Vermählung?

Cordingley: Bislang nicht, aber Gelegenheit dazu gibt es: Die Grippewelle erreicht in Asien derzeit ihren Höhepunkt, Millionen Menschen haben den Influenza-Erreger im Körper. Außerdem werden die erkrankten Hühner häufig ohne Schutz geschlachtet, sodass sich das Hühnervirus leicht unter Menschen ausbreiten kann.

SPIEGEL: Was weiß man über das Virus?

Cordingley: Es handelt sich um den Typ H5N1, der jenem Keim sehr stark ähnelt, der unter Hühnern in Hongkong 1997 grassierte und sechs Menschen tötete. Als Überträger stehen diesmal Wildenten im Verdacht, die in dieser Jahreszeit in den wärmeren Süden ziehen. Auslöser könnte auch der Handel mit Hühnern sein.

SPIEGEL: Wann wird es einen Impfstoff geben?

Cordingley: Sicher nicht bis zum Ende der Grippesaison im April. Wir müssen also hoffen, dass das Hühnergrippevirus bis dahin nicht mutiert und von Mensch zu Mensch springt.

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