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Computer Eiserne Sparer

Microsoft präsentiert eine neue Generation von Taschencomputern - als Zweitrechner für unterwegs.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Schlangenmenschen wanden sich im Scheinwerferlicht, Akrobaten wirbelten durch die Luft. Obschon die Mammutschau Comdex traditionell im Spielerparadies Las Vegas stattfindet, hatte es ein solches Spektakel auf der Computermesse noch nicht gegeben.

Microsoft-Chef Bill Gates konnte mal wieder allen die Show stehlen: Als Höhepunkt seines einstündigen Vortrags zum Messeauftakt am letzten Montag stürmten die Artisten des »Cirque du soleil« auf die Bühne. »Ein Meilenstein«, näselte Gates, sei das hiermit vorgestellte Betriebssystem Windows CE. Eine PR-Agentur stilisierte die Software-Enthüllung hoch zur »beeindruckendsten Produkteinführung in der Geschichte der Computerindustrie«.

Dabei ist das Programm als solches völlig nutzlos, auf den heutigen PCs läuft es gar nicht. Interessant hingegen sind die Geräte, für die es geschrieben wurde.

In den nächsten Monaten wird eine ganze Reihe von Herstellern die neue Generation von Taschencomputern auf den Markt bringen. Die neue Klasse heißt HPC, als Abkürzung für »Handheld PC«. Dieser Mobilelektronik dient der kleine Bruder von Windows als Betriebssystem.

»Companion« heißt der HPC von Compaq, Casio hat sein Gerät »Cassiopeia« getauft. Die Kompaktrechner sind eine Schimäre aus dem als Palmtop bekannten, aber unbeliebten Stiftcomputer und dem für produktive Geschäftsreisende unerläßlichen Laptop-Computer.

Weil sie weder Festplatte noch Diskettenlaufwerk besitzen, sind die Winzlinge kaum größer als ein Taschenbuch und wiegen unter 400 Gramm. Dennoch paßt in das Klappgehäuse eine halbwegs bedienbare Tastatur. Auf dem druckempfindlichen Bildschirm lassen sich mit einem Stift grafische Menüs bedienen oder Dateisymbole hin- und herschieben.

Das handliche Teil soll ab 500 Dollar zu haben sein. Zur Software gehören neben dem üblichen elektronischen Taschenkalender auch eine Miniversion des Textverarbeitungsprogramms Word, eine Tabellenkalkulation mit den Funktionen von Excel. Digitale Helfer erledigen den Versand von elektronischer Post und Faxen oder ermöglichen das Wühlen im Internet. Windows CE soll garantieren, daß der Austausch von Daten mit dem heimischen Windows 95-PC reibungslos funktioniert.

Anders als Laptops, deren Akkus allzuoft im falschen Moment keinen Saft mehr liefern, sind HPCs eiserne Stromsparer. Mindestens 20 Stunden Betrieb mit einem Paar Mignon-Batterien versprechen die Hersteller.

Ihr Durchhaltevermögen verdanken die Taschen-Rechner den speziell für diese Anwendung entwickelten Mikroprozessoren von Hitachi, Philips und NEC. Philips komprimierte die gesamte Rechnerelektronik auf zwei Bausteine, die zudem noch die Datenübertragungsdienste eines Modems mit erledigen.

Die Microsoft-Offensive zielt wieder einmal gegen den Erzrivalen Apple. Der hatte unter vielen Mühen die Vision eines »Persönlichen Digitalen Assistenten«, kurz PDA, zur Marktreife entwickelt. Ein Computer, der so einfach wie ein Notizbuch zu handhaben ist, war das Ziel. Nach anfänglichen Fehlstarts kann Apples »Newton« inzwischen recht gut die Handschrift seines Herren erkennen: Der Benutzer schreibt Kommandos direkt auf den Bildschirm.

Wer einige vollständige Sätze festhalten will, wünscht sich dennoch ein paar altmodische Tasten. Mit Freude reagierte daher die Newton-Fangemeinde, als Apple Ende letzten Monats den »emate 300« vorstellte, ein Mittelding zwischen PDA und Laptop. Das Gerät erinnert im kurvigen Design an eine Wunderwaffe aus Batmans Arsenal. Basierend auf der Newton-Technologie, bietet der Klapprechner zugleich eine Tastatur.

Doch wieder einmal stellte sich Apple selbst ein Bein: Der etwa 800 Dollar teure emate ist lediglich für das Bildungswesen gedacht. Deshalb dürfen ihn nur Schulen und Universitäten bestellen, in normalen Ladenregalen wird er nicht stehen. In Deutschland könnte er allenfalls im Rahmen von erzieherischen Pilotprojekten zu sehen sein, die demnächst, so ein Apple-Sprecher, auf Kultusministerebene angebahnt würden. Wenn die Firma bei dieser bizarren Politik bleibe, so ein Fachmagazin, werde sich wohl bald ein florierender Schwarzmarkt bilden.

Als den idealen Computer für unterwegs präsentiert Apple einstweilen den »Message Pad 2000«. Diese neue Generation des Newton hat ungefähr die zehnfache Rechenleistung der bisherigen Modelle und erreicht damit das Niveau von Tisch-PCs. Für etwa 1800 Mark wird er zur Cebit in Deutschland eingeführt.

Die Schrifterkennung soll nun fast ohne Verzögerung geschehen, das Gerät läßt sich zudem sogar als digitales Diktiergerät verwenden. Doch eine Tastatur gibt es, der Newton-Philosophie getreu, nur als anstöpselbares Zusatzgerät.

Ob der technisch elegantere Newton gegen die zweckmäßigen Klappcomputer aus dem Windows-Lager eine Chance hat, erscheint indes zweifelhaft. Er interessiere sich sehr für Handschrifterkennung, ließ Bill Gates am Rande wissen. Es geht aber auch ohne.

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