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AIDS Eltern gesucht

Wer hat das Aids-Virus unter die Menschen gebracht? Die CIA? Das KGB? *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Die beiden US-Diplomaten, akkreditiert bei der US-Botschaft in Ost-Berlin, zeigten dem Professor höflich ihre Legitimation und baten, eintreten zu dürfen. Dann nahmen sie den alten Herrn zwei Stunden lang ins Kreuzverhör, Thema: das Aids-Virus. Der Biologe Jakob ("Sascha") Segal, 75, emeritierter Ordinarius der Humboldt-Universität, nach dem Besuch: »Ich bin sicher, die waren von der CIA.«

Die Visite galt, Mitte letzten Monats, einem Gelehrten, der sich entschlossen hat, der amerikanischen Regierung und ihrem mächtigen Geheimdienst weltweit Ärger zu machen. Segal schreibt an einem Manuskript, das seinen bösen Verdacht belegen soll: »Ich weiß, daß Mitte der siebziger Jahre in Fort Detrick, wo sich das Hauptquartier des Medizinischen Forschungskommandos der U.S. Army befindet, Menschenexperimente an Strafgefangenen vorgenommen worden sind« - Experimente auch mit einem künstlich hergestellten Virus, das sich später als Aids-Erreger entpuppt habe.

Segal ist sicher, daß das Aids-Virus aus zwei Teilen kombiniert wurde: dem seit Jahrzehnten bekannten »Maedi-Visna«-Virus, das Schafe befällt, und dem menschlichen »T-Zellen-Leukämie-Virus Typ I« (abgekürzt: HTLV-I), einem Erreger, der Blutkrebs auslöst und vereinzelt in den Südstaaten der USA und in der Karibik nachweisbar ist. »Nachdem den Gefangenen das neu hergestellte

Virus injiziert worden war und sie, wegen der noch unbekannt langen Inkubationszeit, keine Krankheitszeichen aufwiesen«, habe man die Testteilnehmer, wie versprochen, in die Freiheit entlassen - und mit ihnen das Aids-Virus.

Der Ost-Professor über die Wirkung seiner Erläuterungen auf die West-Besucher: »Die waren tief bekümmert, daß jetzt die Wahrheit ans Licht kommt.«

Es ist eine Wahrheit, an die nicht nur Biologe Segal glaubt. Auch die sowjetischen Zeitungen »Trud« und »Literaturnaja gaseta« haben ihren Lesern schon vor einiger Zeit mitgeteilt, daß Aids aus den »Geheimlabors für biologische Kampfstoffe des Pentagon und der CIA« stamme. Diese Erkenntnis verbreiten sowjetische Rundfunksender neuerdings auch in türkischer Sprache, ergänzt durch den Ratschlag, die US-Basen im Nato-Land Türkei als Seuchenherde sofort zu schließen.

Daß die tödliche Krankheit Aids in den abgeriegelten Labors der militärischen Kampfstofforscher von Menschenhand fabriziert und dann vorsätzlich unter die gleichgeschlechtlichen Männer gebracht worden sei, vermuten auch viele amerikanische Homosexuelle. Ihre Begründung: Nach der spektakulären Schwulenbefreiung hätten die Ultrarechten in Gottes eigenem Land eine lebensbedrohliche Verweichlichung der Nation befürchtet, die nur durch den Tod der Schwulen abgewendet werden könne.

Moralische Skrupel gegen den Massenmord, so die Argumentation, seien bei den Verantwortlichen nicht zu erwarten: In den letzten Jahrzehnten hatten beamtete Wissenschaftler an Tausenden von Menschen tödlich gefährliche Experimente vorgenommen - ahnungslose US-Bürger wurden mit diversen Krankheitskeimen infiziert, radioaktiv bestrahlt, unter Drogen gesetzt oder erhielten mörderische Plutoniumverbindungen gespritzt (SPIEGEL, 45/1986).

»Manchem von diesen ultrarechten Frankensteins wäre auch eine Aids-Aktion zuzutrauen«, urteilt ein westdeutscher Molekularbiologe, der sich, um nicht auch von CIA-Abgesandten besucht zu werden, mit dem Pseudonym Booby Hatch tarnt. Unter diesem Namen hat der Genforscher bereits zweimal im wissenschaftskritischen Magazin »Wechselwirkung« die möglichen Ursprünge des Aids-Virus dargelegt.

Hatch vermutet, daß der bösartige Erreger im Rahmen der US-amerikanischen Tumorforschung zuerst in Laboraffen herangezüchtet wurde und dann - fahrlässig, nicht vorsätzlich - aus dem Getto ausbrach. Im »allgemeinen Goldrausch der Molekularbiologie«, so Hatch, würden die dringend erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen nur noch lax gehandhabt.

Der amerikanische Millionär und Möchtegern-Präsident Lyndon LaRouche, nebenbei Anführer einer repressiven »Aids-Initiative«, ist hingegen sicher, daß der sowjetische Geheimdienst KGB die tödlichen Viren im Rahmen seiner verdeckten biologischen Kriegführung entwickelt und verbreitet hat. Beweise bleibt LaRouche schuldig.

Damit hapert es auch bei den anderen Spurensuchern. Bisher sind weder tote noch lebende Zeugen der vermuteten Experimente namhaft gemacht worden. Auch hat, entgegen den Erwartungen der sowjetischen Zeitung »Trud«, bisher keines der »Opfer einen Prozeß gegen das Pentagon und die CIA« eingeleitet. Über dessen Ergebnis hat »Trud« keinen Zweifel: Es werde »endgültig herauskommen, daß alle Aids-Erkrankungen Folge eines reihenweise vorgenommenen ungeheuerlichen Experiments sind«.

Für ein solches - hypothetisches - Verbrechen, sagt Professor Reinhard Kurth, Virologe und Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts in Frankfurt/Main, müßte es »Mitwisser geben. Einer allein schafft das nicht«.

Kurth und andere namhafte deutsche Virusforscher halten die CIA-KGB-Theorien aus mehreren Gründen für vollkommen falsch.

So müßten, beispielsweise, hinter den Mauern der Geheimlabors beamtete Retrovirologen gewirkt haben, die ihren Kollegen draußen um jeweils rund ein Jahrzehnt voraus waren, ihre sagenhaften gentechnologischen Fähigkeiten aber strikt für sich behielten. »So was gibt es nicht«, urteilt die Retrovirologin Karin Mölling vom Berliner Max-Planck-Institut für Molekulargenetik« Die haben doch keinen zweiten Gallo in ihren Armeen! Das Know-how der Gentechnologie ist so schwierig, so hochkalibrig - und da sollen die uns zehn Jahre voraus sein?«

Die allermeisten Retrovirologen, weltweit nicht mehr als 300 Köpfe, kennen sich aus gemeinsamen Studientagen, haben jahrelang in denselben Labors gearbeitet, besuchen dieselben Kongresse und publizieren in denselben Zeitschriften. Da bleibt fast nichts verborgen - schon gar nicht der wissenschaftliche Forschungserfolg. Der ist bei den Mannern, die sich von Army CIA, KGB oder BND besolden lassen erfahrungsgemaß eher dürftig. Die besseren Wissenschaftler arbeiten für zivile Forschungszentren - in Deutschland etwa in den Max-Planck-Instituten- in den Universitäten und für die Industrie.

Die Struktur der Retroviren und ihres bekanntesten Vertreters, des Aids-Erregers HIV, ist von Zivilisten aufgeklärt worden. Gleiches gilt auch für andere Retroviren, etwa die von dem Ost-Berliner Segal als Aids-Eltern vermuteten Maedi-Visna und HTL-Typ-I-Viren. »Jedes einzelne Segment, jede einzelne Nukleinsäuresequenz all dieser Viren ist inzwischen bekannt und publiziert«, sagt Professor Kurth. Und da zeigt sich »für jeden, der lesen kann«, welches Virus von welchen »Eltern« abstammen kann - oder eben nicht. Kurths Fazit: »Segals Theorie ist komplett falsch. Das 'Kind' HIV kann nicht von den benannten 'Eltern' stammen, die Nukleinsäuresequenzen stimmen nicht zusammen.«

Überdies weist das Aids-Virus HIV ein ganz besonderes und zusätzliches Gen namens »tat« auf, das »niemand gentechnologisch herstellen kann, denn 'tat' ist ein Geniestück der Natur«, wie Karin Mölling findet. Sie ist dem Geniestück seit Jahren auf der Spur, in der Hoffnung, über »tat« dem Virus den Garaus zu machen.

HIV-Viren sind eben »einzigartig im Hinblick auf Form, Eiweiß und Genstruktur« (Kurth) und mit den anderen bekannten Viren nur entfernt verwandt. Die Vermutung, das Aids-Virus habe friedlich in den Grünen Meerkatzen, einer afrikanischen Affenart, gelebt und sei von dort über die Menschen gekommen, gilt durch Strukturuntersuchungen der Erreger inzwischen als widerlegt;

auch in anderen Tierrassen hat man die Aids-Viren nicht nachweisen können.

Die meisten Retrovirologen vermuten deshalb, daß Aids seit Jahrzehnten, womöglich Jahrhunderten in kleinen zentralafrikanischen Ansiedlungen als lokale Dorfkrankheit ("Village disease") existiert habe, von niemandem als eigenständige Krankheit erkannt. Der Tod kam als Fieber und Auszehrung - doch der Erreger breitete sich nicht aus.

Erst die »gewaltigen demographischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte« (Kurth), kombiniert mit gelockerten Sitten, gaben dem Aids-Virus Auftrieb. Seine früheste, wissenschaftlich zweifelsfrei gesicherte Spur führt nach Uganda: In einer seit 1959 tiefgefrorenen Blutprobe wurden jetzt Aids-Antikörper festgestellt.

Den Aids-Erreger gibt es also mindestens schon seit dieser Zeit - doch seine Herkunft bleibt vorerst im dunkeln. Die »Eltern« des Aids-Virus sind unbekannt.

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