Coronapandemie Achtelfinale vor 45.000 Zuschauern – Politiker warnen vor EM-Sorglosigkeit

Erstmals bei dieser EM sind am Dienstagabend 45.000 Zuschauer im Wembley-Stadion erlaubt – mitten in der Coronakrise. Vor dem Achtelfinale schlagen Politiker nun Alarm: »Wir machen so alles kaputt.«
Zuschauer vor dem Wembley-Stadion in London (am 18. Juni): Dort treffen am Dienstagabend Deutschland und England aufeinander

Zuschauer vor dem Wembley-Stadion in London (am 18. Juni): Dort treffen am Dienstagabend Deutschland und England aufeinander

Foto: David Klein / dpa

Es wird ein Fußball-Klassiker: Am Dienstagabend trifft Deutschland im Londoner Wembley-Stadion auf England, es geht um den Einzug ins Viertelfinale bei der Europameisterschaft (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL.de, TV: ARD, Magenta TV). »Das ist ein Spiel, das alle elektrisiert und fesselt«, sagte Bundestrainer Joachim Löw. »Für beide ist es ein Alles-oder-nichts-Spiel. Von daher ist die Brisanz gegeben.«

Brisant wird es allerdings auch aus gesundheitspolitischer Sicht. Erstmals bei dieser EM erlaubt die britische Regierung in Wembley 45.000 Zuschauer – aus Sicht mehrerer Politiker das falsche Signal.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann kritisierte die Zuschauer-Aufstockung für das Wembley-Stadion und die bisherigen Bilder von vollen Stadien bei der Fußball-EM. »Die Uefa und der DFB müssen dringend dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Der Plan, jetzt noch mehr Leute in die Stadien zu lassen, wie in Wembley, ist unverfroren«, sagte der Grünenpolitiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Schon einige der bisherigen Bilder vermittelten den Eindruck, dass die Pandemie vorbei sei. »Das ist ein absolut falsches Signal«, sagte Kretschmann. Bei den Spielen in Ungarn oder Dänemark seien die Stadien »knallvoll« gewesen, die Zuschauer hätten weder Abstand zueinander gehalten noch Masken getragen. Dies sei »verantwortungslos«. Jedes dieser Spiele könne zum Superspreader-Event werden, sagte Kretschmann. »Dieser Leichtsinn macht mich fassungslos.«

Dass die Halbfinals und das Endspiel im von der Delta-Variante des Coronavirus besonders betroffenen Großbritannien ausgetragen werden sollen, bezeichnete er als »eigentlich nicht zu verantworten«. Dies ginge »nur mit harter Einhaltung der Regeln und der Abstände«.

Kretschmanns Parteifreund, der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen, äußerte sich ähnlich. »Es besorgt mich als Gesundheitspolitiker und Arzt gleichermaßen, wenn trotz des rasanten Anstiegs gefährlicher Virusvarianten an den dicht gedrängten Fußballstadien, oftmals ohne ausreichenden Abstand und Maske, festgehalten wird«, sagte der Bundestagsabgeordnete der Nachrichtenagentur dpa.

Dahmen wandte sich generell gegen den derzeitigen Coronakurs der EM-Verantwortlichen. »Inzwischen sind ja sogar Nationalspieler mehrerer Mannschaften infiziert«, sagte er. »Wir machen so alles kaputt, was wir uns an niedrigen Fallzahlen aufgebaut haben.« Dahmen forderte: »Fußball sollte Vorbild sein und nicht in trügerischer Sorglosigkeit selbst zum Pandemietreiber werden.«

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mahnt weiter zur Vorsicht bei der Fußball-Europameisterschaft. Am Spielort München und in Deutschland allgemein sei es bislang »gut gelaufen«, sagte Söder der »Bild«. Man habe sich »ganz bewusst dafür entschieden, so lange abzuwarten, bis klar war, wie sich die Inzidenzen bei uns entwickeln«, sagte er mit Blick auf eine Zulassung von Zuschauern im Stadion und betonte: »Ich möchte halt nicht, dass es uns einholt.«

Dass in Budapest mehr als 55.000 Zuschauer in das Stadion durften , hält Söder für einen Fehler. »Ich hätte das in Ungarn so nicht gemacht, hätte das nicht verantworten wollen. Ausgangspunkt für ein Superspreader-Event zu sein, das ist der Fußball in dem Verhältnis nicht wert. Genießen ja, aber genießen mit Verstand«, sagte Söder.

EM-Spiel Ungarn gegen Portugal: Das Stadion in Budapest war voll besetzt

EM-Spiel Ungarn gegen Portugal: Das Stadion in Budapest war voll besetzt

Foto:

Robert Michael / dpa

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) übte mit Blick auf die Delta-Variante Kritik an der Zuschauer-Regelung. Vor allem in Großbritannien seien Zehntausende Fans im Stadion »unverantwortlich«, sagte Seehofer der »Süddeutschen Zeitung«. Er appellierte an die Uefa und die britische Regierung, Zuschauerzahlen »deutlich nach unten zu korrigieren«.

Die Auslastung von 20 Prozent der Plätze in München sei »ein Maßstab, der auch für die anderen Austragungsorte gelten könnte, denn man muss in den Konzepten auch die An- und Abreise berücksichtigen«, sagte Seehofer der »Augsburger Allgemeinen« und nannte es »unverantwortlich, wenn in Ländern, die als Virusvariantengebiet der hoch ansteckenden Delta-Mutation gelten, Zigtausende Menschen auf engem Raum zusammenkommen«. Das sei auch die Auffassung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, mit der er sich dazu abgestimmt habe.

Zuschauer in der Münchner Allianz Arena beim EM-Spiel Deutschland gegen Frankreich

Zuschauer in der Münchner Allianz Arena beim EM-Spiel Deutschland gegen Frankreich

Foto: via www.imago-images.de / imago images/MIS

Auch in Deutschland greift die ansteckendere Delta-Variante immer mehr um sich. Sie macht mittlerweile einen Anteil von mindestens 35 Prozent an untersuchten Proben aus, wie der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Montag in einer Schalte der Gesundheitsminister von Bund und Ländern gesagt hatte. Da die Daten bereits einige Tage alt seien, sei der Anteil derzeit tatsächlich sogar auf rund 50 Prozent zu schätzen.

aar/dpa
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