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Ende der Augenwischerei

Beim IX. Internationalen Aids-Kongreß in Berlin wurden die Schreckensmeldungen über die globale Ausbreitung der HIV-Seuche bestätigt. Bisher verfolgte Therapiekonzepte geraten ins Wanken, neue sind allenfalls ansatzweise in Sicht. Kritisiert wurden die Bonner Aids-Politik und die Preisstrategie unverfrorener Pharma-Konzerne.
aus DER SPIEGEL 24/1993

Wer denn der Herr mit den weißen Haaren sei, wollte der Fotoreporter von Paris Match wissen. Des Deutschen unkundig und ohne Zugang zur Simultanübersetzung, hatte er die Ankündigung des älteren Redners überhört.

Der mahnte gerade mit bedächtiger Stimme zu Vorsicht und Toleranz, tadelte Sextouristen und nannte moralische Vorurteile Homosexuellen gegenüber verfehlt.

Von 5000 Zuhörern erhielt der Medizin-Laie mehr Beifall als seine drei wissenschaftlichen Koredner. Richard von Weizsäcker hatte die Stimmung der Anwesenden getroffen. Als Schirmherr eröffnete er den IX. Internationalen Aids-Kongreß im Berliner ICC.

15 000 Teilnehmer waren aus 166 Ländern in die Stadt gekommen, Betroffene, Grundlagenforscher, Ärzte und Pflegepersonal. Ein Marathonprogramm mit 800 Vorträgen und eine Flut von Slogans auf gut 4000 Postern erwarteten sie.

Schon im Vorfeld wußten Insider, daß von der Jahreshauptversammlung der Aids-Fighter (Eintrittskarte: knapp unter 1000 Mark) komfortable Gewißheiten zur Therapie der erworbenen Immunschwäche nicht zu erhoffen waren.

Mit Ausnahme einer die Forscher faszinierenden Kleingruppe von Langzeitüberlebenden (SPIEGEL 23/1993) brauchen alle HIV-Infizierten medizinische Hilfe. Aber die Behandlung mit sogenannten antiretroviralen Substanzen - Medikamenten, die die Vermehrung des Aids-Virus behindern - macht nur mäßige Fortschritte.

Seit 1987 wissen die Ärzte, daß im Spätstadium der Erkrankung das Medikament AZT lebensverlängernd wirkt.

Die Hoffnung, durch einen sehr frühen AZT-Therapiebeginn bei noch symptomfreien Patienten einen weiteren Überlebensvorteil erzielen zu können, wurde durch die Anfang April erschienene französisch-britische Concorde-Studie geschmälert: Dabei hatte sich bei einer AZT-behandelten und einer unbehandelten Kontrollgruppe die Krankheit ungefähr gleich schnell entwickelt (SPIEGEL 14/1993). Abhanden gekommen ist den Forschern damit auch ihr Standardmaß für erfolgreiches Therapieren. Das waren bislang die T4-Lymphozyten (Helferzellen), eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, welche die Immunreaktionen des Körpers koordinieren. Da sie das Angriffsziel des Aids-Erregers sind, wurden sie bislang regelmäßig gezählt. Eine Normalisierung der Zellenzahl wurde als Therapieerfolg gewertet.

Seit der Concorde-Studie gilt das als Augenwischerei. Zumindest bei symptomfreien Patienten dürfen T4-Anstiege nach der Behandlung mit AZT nicht mit einer verlängerten Lebenserwartung gleichgesetzt werden. Eine alternative Meßlatte wie etwa die quantitative Virusbestimmung im Blut ist ungleich aufwendiger und teurer.

Im Mittelpunkt des therapeutischen Interesses steht derzeit DDC, ein weiteres Medikament mit Anti-HIV-Wirkung, welches das Spektrum der verfügbaren Substanzen erweitert. Nach etwa einem Jahr AZT-Monotherapie scheint ein Umstellen auf eine DDC-AZT-Kombination sinnvoll. Bedingung: Es müssen mehr als 150 Helferzellen pro Kubikmillimeter Blut gezählt werden. Patienten im Spätstadium haben weniger Zellen.

Bestätigt wurden in Berlin die Schreckensmeldungen über die globalen Wege von Aids. Die Seuche, die nun auch Asien erreicht hat (SPIEGEL-Titel 18/1993), ist für das Jahrtausendende auf apokalyptische Ausmaße programmiert.

Die finanziellen Mittel, die nötig wären, um den Aufwärtstrend der Epidemie zu bremsen, sind beträchtlich. Michael Merson, Direktor des globalen Aids-Programms der WHO, rechnet hoch, daß jährliche Ausgaben von 2,9 Milliarden Dollar für Aufklärungs- und vor allem Kondomprogramme in den Entwicklungsländern die Neuinfektionen bis zur Jahrtausendwende von 20 Millionen auf 10 Millionen halbieren könnten.

Kaum weniger Geld werden die entwickelten Länder für die Grundlagenforschung benötigen. Die angesteuerten Fernziele skizzierte in Berlin HIV-Mitentdecker Robert Gallo: *___gentherapeutische Manipulation von Blutstammzellen, die ____vor einer Infektion mit HIV schützen sollen; *___"Schutzinfektionen« mit »harmlosen Viren«, die zu einer ____gestärkten Abwehrkraft gegen HIV verhelfen könnten; und ____schließlich *___ein Impfstoff, der die Gesunden verläßlich vor der ____Infektion schützen könnte.

Als Lichtblick werteten Beobachter in Berlin den Auftritt des US-Virologen Jonas E. Salk, der auf einer Pressekonferenz eine von ihm entwickelte »Immuntherapie« gegen Aids vorstellte.

Salk, 78, Erfinder des Polio-Impfstoffs, hat bislang symptomfreie HIV-Infizierte ein Jahr lang mit einem abgetöteten Aids-Erreger behandelt, der seiner Hülle beraubt wurde. Im Doppelblindversuch mit 100 Infizierten, von denen 50 ein unwirksames Scheinpräparat (Placebo) erhielten, zeigte sich, daß *___die Vermehrung des Aids-Virus abgebremst wurde, *___die Zahl der T4-Zellen deutlich langsamer sank und *___die Produktion von Antikörpern gegen den Viren-Baustein ____p24 stimuliert wurde - ein Protein, das für die ____Zerstörungskraft des Erregers von besonderer Bedeutung ____ist.

Das Salk-Team kündigte, als »nächsten Schritt«, eine Therapie mit dem Aids-Impfstoff an, die Gesunde vor einer Ansteckung schützen und Infizierte vor dem Tod bewahren soll. Kritiker allerdings äußerten sich letzte Woche skeptisch: »Ein Schritt in die richtige Richtung«, urteilte Anthony Fauci, Aids-Berater der US-Regierung, »aber wir sollten die Leute nicht glauben machen, wir hätten damit die Antwort auf Aids gefunden.«

Deutsche Gelder werden für den benötigten internationalen Forschungspool nur spärlich fließen. Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) muß und will sparen. Weil es in Deutschland keine ärztliche Meldepflicht für Aids gibt, ist sowohl die Zahl der Neuinfektionen als auch die der Aids-Toten unbekannt. Amtliche Schätzungen suggerieren, daß Deutschland mit rund 100 000 HIV-Infizierten und derzeit 2000 bis 4000 Aids-Toten pro Jahr vergleichsweise gut wegkommt.

Allein in Kigali (Ruanda), 330 000 Einwohner, infizieren sich nach Aussagen des Genfer WHO-Spezialisten Michel Carael pro Jahr 2500 bis 5000 Menschen mit HIV. In Kampala, Lusaka und Bujumbura, den Hauptstädten von Uganda, Sambia und Burundi, ist die Situation ähnlich dramatisch. In Europa ist Aids eine Katastrophe der Südstaaten. Nahezu 70 Prozent aller Neuerkrankten sind Franzosen, Spanier oder Italiener (siehe Grafik).

Am Rhein werden die deutschen Epidemiezahlen offenbar als Entwarnung mißverstanden. Konsequenz: stagnierende 30 Millionen Mark Forschungsförderung durch den Bund, halbherzig, auch wenn man einige weitere Ländermillionen hinzurechnet. Die Amerikaner geben über eine Milliarde Dollar aus.

Das Kalkül der knauserigen Bonner Aids-Politik: Warum selbst entwickeln, was später andernorts zu kaufen ist? Kein Wunder also, daß beim Berliner Kongreß aus deutschen Quellen zu den zentralen Therapiethemen fast nichts beigesteuert wurde.

Hinzu kommt, daß die Organisation großer multizentrischer Studien in Deutschland vor dem Interessendschungel verschiedener Hochschulen meistens kapitulieren muß. Die besten Voraussetzungen bringen da noch die Hämatologen mit. Im April führten sie die erste deutsche Studie zur Therapie von sogenannten Non-Hodgkin-Lymphomen bei HIV-Infizierten zu einem vorläufigen Ende.

Von der bösartigen Lymphknoten-Erkrankung, die bei fünf bis zehn Prozent aller Aids-Kranken auftreten kann, »wissen wir jetzt, daß eine relativ schonende Chemotherapie mit erprobten Substanzen die besten Überlebenschancen bietet«, erklärte der Berliner Hämatologe Rudolf Weiß.

Von zwei anderen Projekten stehen die Ergebnisse noch aus: *___Unter der Leitung des Kölner Dermatologen Heinrich ____Rasokat wird die Behandlung des Kaposi-Sarkoms mit ____einem Medikament entwickelt, das in kleine ____Fettkügelchen (Liposomen) verpackt an den Ort der ____gewünschten Wirkung gesteuert werden soll. *___In Frankfurt wird unter Leitung des Mediziners Schlomo ____Staszewski in einer multizentrischen Studie untersucht, ____ob eine sofortige Behandlung mit AZT plus DDC einer ____Monotherapie mit AZT überlegen ist.

Beklagt wurde in Berlin die mangelnde Unterstützung durch die Pharma-Firmen. Medikamente, kritisierte der amerikanische Aids-Aktivist Aldyn McKean, Sprecher der multinationalen und lärmenden Betroffenenorganisation Act up und selber HIV-infiziert, würden von manchen Firmen zu langsam entwickelt, andere verkauften sie zu teuer.

Am Mittwoch machte Act up die Runde zwischen den Ständen der Pharmazieunternehmen. Am ärgsten geriet die Firma Astra unter Beschuß; schon zur Mittagszeit war ihr Ausstellungsstand durch Act-up-Aufkleber entstellt. Der Vorwurf: Die jährlichen Therapiekosten von etwa 30 000 Dollar (Großhandelspreis) für die Astra-Substanz Foscarnet, die eine Erblindung durch eine generalisierte Zytomegalievirus-Infektion verhindern kann, seien um mindestens 20 000 Dollar überteuert.

Wenige Stunden zuvor hatte sich New Yorks Bürgermeister David Dinkins in einer spektakulären Presseerklärung auf die Seite der Act-up-Forderung gestellt. Alle Astra-Präparate, für die es Konkurrenzpräparate gibt, werden fortan von den kommunalen Krankenhäusern in New York nicht mehr geordert.

Wenn die 15 000 Aids-Fighter wieder an ihre nationalen Arbeitsplätze zurückgekehrt sind, dürfen Überlegungen zu einem ganz anderen Preis-Leistungs-Verhältnis angestellt werden. Viele Kongreßteilnehmer fragten sich, ob medizinische Mammutveranstaltungen, auf denen nur ein kleiner Teil der Information verdaut werden kann, überhaupt noch zeitgemäß sind.

Entree, Flugreise, Hotelunterkunft, Verpflegung und »social events« nach Feierabend blähen das Gesamtbudget der alljährlichen Aids-Karawane auf schätzungsweise 50 Millionen Dollar auf. »Allein mit den Ausgaben der etwa 1500 deutschen Teilnehmer könnten 30 Mitarbeiter ein Jahr lang finanziert werden«, rechnet der Bonner Kinderarzt und Aids-Experte Ralf Bialek hoch.

Bialek ist zufrieden: Das übernächste Jahr soll kongreßfrei bleiben. Vorher aber treffen sich die Aids-Zugvögel noch einmal, zu ihrem zehnten Jubiläumstreffen, diesmal bei Sake und rohem Fisch, in Japan.

[Grafiktext]

_221_ AIDS-Erkrankungen durch heterosexuelle Übertragung:

_____ / Ein europäischer Vergleich

_____ AIDS-Erkrankungen gesamt im europ. Vergleich

[GrafiktextEnde]

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