Zur Ausgabe
Artikel 72 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MEDIZIN Entdecker in der Welt der Töne

Gehörlose Kinder erhalten neuerdings schon im Säuglingsalter Innenohrprothesen, sie lernen oft ähnlich gut sprechen wie hörende Kinder. Dennoch ist der Nutzen der Implantate umstritten.
aus DER SPIEGEL 13/2005

Malte Masurenko war schon über ein Jahr alt, als er sein erstesGeräusch hörte. »Wir riefen seinen Namen, da drehte er sich plötzlichzu uns um«, erinnert sich seine Mutter.

Was für andere Eltern etwas ganz Normales ist, bedeutet denMasurenkos ungeheuer viel: Malte ist taub. Eine Virusinfektion währendder Schwangerschaft hat die Sinneszellen in seinem Innenohrzerstört.

Heute ist Malte drei Jahre alt, sitzt mit Mutter Daniela und CousinHenri in der Küche im niedersächsischen Altenmarhorst und willunbedingt noch am Tisch seine Arbeitshandschuhe anziehen. Die Familiehat neu gebaut, die Jungs spielen gern Bauarbeiter. Als das Telefonklingelt, schnappt der Kleine sich den Hörer und sagt seinem Großvater,dass er mitfahren will, wenn Oma und Opa Henri nachher wiederabholen.

Er presst den Hörer fest ans rechte Ohr. Dort sitzt das Gerät, dasihm das Sprechenlernen und Telefonieren ermöglicht: Malte trägt einCochlea-Implantat (CI), eine Innenohrprothese, die seinen Hörnervanstelle der geschädigten Haarzellen mit Sinneseindrücken versorgt. EinHörgerät würde Malte nichts nützen: Sein Innenohr kann Schall nicht inelektrische Impulse übersetzen - selbst dann nicht, wenn er ihm um einVielfaches verstärkt in den Gehörgang dröhnt.

Der hauchdünne Silikonfaden, den ein Chirurg vor zwei Jahren in dieWindungen von Maltes Hörschnecke, der Cochlea, geschoben hat, ist vonaußen nicht zu sehen. Auffällig sind nur das Mikrofon hinterm Ohr, dasden Schall aufnimmt, und die Sendespule schräg darüber, dieInformationen an das Implantat schickt (siehe Grafik).

»Malte versteht inzwischen alles, ohne von den Lippen abzusehen«,sagt Vater Christian. »Dass er dennoch immer hörbehindert sein wird,merken wir, wenn das Implantat mal ausfällt, etwa wenn ein Kabelkaputtgeht.« Wenn es dann wieder still wird um ihn, wird derDreijährige schweigsam und traurig - oder er drängt seine Eltern, mitihm ins Schwimmbad zu gehen. »Da kann er das CI sowieso nichtbenutzen«, erklärt seine Mutter, »im Moment findet er nur baden nochbesser als hören.«

Das künstliche Innenohr ist die einzige Neuroprothese, die esbislang zur Serienreife gebracht hat: In ihrem Bemühen, Blinden mitSeh-Chips zu neuem Augenlicht zu verhelfen oder die NervenbahnenQuerschnittsgelähmter künstlich zu verknüpfen, stecken Forscher nochimmer in der Experimentierphase. Ein Cochlea-Implantat hingegen tragenweltweit etwa 75 000 Menschen, allein in Deutschland sind es mehr als7000. Vor allem bei gehörlosen Kindern steigt die Zahl derImplantationen rasant; seit einigen Jahren werden viele schon im erstenLebensjahr oder kurz danach operiert.

An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), einem der weltweitgrößten CI-Zentren, setzen die Mediziner um Chefarzt Thomas Lenarzjedes Jahr rund 220 Implantate ein, 60 Prozent davon bei Kindern. Imvergangenen Jahr haben die MHH-Ärzte ein erst vier Monate altes Babyoperiert, das nach einer Hirnhautentzündung ertaubt war. Auch dieWürzburger Uni-Klinik ist auf sehr junge CI-Empfänger spezialisiert.Dort waren die Mediziner weltweit die Ersten, die eine beidseitigeVersorgung mit den Hörhilfen erprobten.

Etwa eins von 1000 Neugeborenen kommt gehörlos zur Welt. Bei vielenwird die Behinderung heute schon kurz nach der Geburt erkannt, denngroße Kliniken bieten inzwischen Hörtests für Säuglinge an. ThomasLenarz möchte erreichen, dass ein solches Hörscreening bundesweitdurchgeführt wird. »Ohne den Test wird eine Schwerhörigkeit im Schnitterst mit 27 Monaten diagnostiziert«, so Lenarz - was ein Kind dann inseiner Sprachentwicklung verpasst hat, ist kaum noch aufzuholen.

Je länger ein Kleinkind von der Welt der Töne abgeschnitten ist,umso mehr stellt sich sein Gehirn auf das Fehlen dieses Sinns ein; dieGroßhirnrinde organisiert sich anders als bei Hörenden. Jene Bereiche,die normalerweise für die Verarbeitung von Sprache und Geräuschenzuständig sind, übernehmen dann andere Aufgaben - etwa die Analysevisueller Reize. Spätestens mit sieben Jahren, schätzen Experten,schließt sich das Sprachfenster für immer. »In Untersuchungen zumSpracherwerb von CI-Kindern schneiden die Frühimplantierten immerbesser ab als diejenigen,

die das Gerät später bekommen haben«, sagt der WürzburgerCI-Spezialist Joachim Müller.

Doch während normal hörende Babys gleichsam nebenbei sprechenlernen, müssen CI-Empfänger erst trainieren, was die neuenSinneseindrücke bedeuten. Die 22 Elektroden der modernen Implantatekönnen die höchst komplexen Leistungen der mehreren tausend Haarzellenim gesunden Ohr nur unvollständig ersetzen.

»Zuerst klang alles ziemlich metallisch, wie eine sehr schlechteÜbertragung mit einem Blechbüchsentelefon«, erzählt Ralf Janowsky, dersein Gehör im Alter von 30 Jahren verlor und nun mit seinem CI wiederSprache verstehen kann. Doch Janowsky konnte die künstlichen Geräuschemit seinen Erinnerungen abgleichen. Taub geborene Kinder kennen nur densynthetischen Sound.

Anfangs kamen ausschließlich ertaubte Erwachsene für die Implantatein Frage. Kinder werden erst seit Ende der acht- ziger Jahre operiert,das erste Baby unter einem Jahr bekam sein CI 1998. Viele der frühversorgten CI-Kinder können später mit ihren hörenden Altersgenossenzur Schule gehen. »Diese Kinder sind die erste Generation der vor demSpracherwerb implantierten Gehörlosen«, sagt Annette Leonhardt,Professorin für Gehörlosenpädagogik an der Uni München, »darauf müssensich die Schulen erst noch einstellen.«

Denn in lärmenden Klassenzimmern oder auf dem Pausenhof kann esschwierig werden: CI-Trägern fällt es schwer, Sprache aus störendemHintergrundlärm herauszufiltern. Im Unterricht müssen die Lehrer daherhäufig ein Mikrofon tragen, das das Gesprochene per Funk an dieHörhilfe sendet. »Auch mit CI sind diese Kinder hochgradigschwerhörig«, sagt Klaus Mangold, Pädagoge an der StaatlichenInternatsschule für Hörgeschädigte in Schleswig. »Wenn manche Ärzte undAudiologen versprechen, dass Kinder damit ganz normal hören können, istdas fahrlässig und irreführend.«

Für Mangold ist die Hörhilfe denn auch kein Wundermittel. »Ich kenneKinder, die mit dem CI gut sprechen lernen«, so der Pädagoge, »beianderen hat es fast keinen Nutzen.« Manche dieser Kinder, hat Mangoldbeobachtet, fühlen sich weder in die hörende Welt integriert noch indie Gemeinschaft der Gehörlosen - auch deswegen, weil viele Gehörlosedie Neuroprothese für überflüssig halten und vehement ablehnen.

Forscherin Leonhardt hat gehörlose Eltern befragt, die ihre taubenKinder operieren ließen. »Einige berichteten, dass ihnen andereGehörlose wegen ihres Entschlusses Vorwürfe machten«, erzählt sie.

Der Siegeszug der Hightech-Hörhilfen hat einen Streit unterGehörlosen und Pädagogen entfacht: Sollen taube Kinder auch inGebärdensprache unterrichtet werden?

Für die rund 80 000 Gehörlosen in Deutschland ist die DeutscheGebärdensprache (DGS) das natürliche Kommunikationssystem: In ihrerGemeinschaft scheint ihre Behinderung zu verschwinden; Gebärden undMimik bilden die Vokabeln einer ganz eigenen Sprache, die sich überJahrhunderte entwickelt hat. Erst seit wenigen Jahren ist die DGS inDeutschland als vollwertige Sprache anerkannt.

»Gehörlose brauchen diese Gemeinschaft«, sagt der HamburgerErziehungswissenschaftler Helmut Vogel, »mit dem CI sollen die Kinderstattdessen der Mehrheitsgesellschaft angepasst werden.« Vogel, selbstgehörlos, bemängelt, dass den Eltern tauber Kinder die Lautsprache alseinzige Möglichkeit geboten werde und Mediziner von den Gebärdenoftmals sogar abrieten.

Vor die Wahl gestellt, fürchten manche Ärzte, könnten die Kinder dieGebärdensprache bevorzugen, weil sie sich ihnen zunächst wenigermühevoll erschließt. »CI-Kinder werden ausschließlich an ihrerlautsprachlichen Kompetenz gemessen«, kritisiert Vogel, »was ist aber,wenn sie später doch nicht mit den Hörenden mithalten können?«

Der elfjährige Lukas aus Hamburg zum Beispiel bekam sein Implantatmit zwei Jahren, als damals jüngstes Kind in der Hansestadt. »Zu Anfangreagierte er auf die neuen Geräusche«, erinnert sich sein Vater RainerRieckhoff, »doch nach etwa einem Jahr hat er sich totalverschlossen.«

Die Familie litt vor allem darunter, keine gemeinsame Sprache zuhaben. »Uns war ja empfohlen worden, keine Gebärden zu verwenden«,erzählt Rieckhoff. Doch Lukas fing auch nicht an zu sprechen und hatte,wie sein Vater sagt, »jahrelang gar keine Kommunikationsmöglichkeit«.Inzwischen geht er zur Schule für Hörgeschädigte und sprichtGebärdensprache. Sein CI trägt er nicht mehr.

Auch für Joel, sieben, der mit drei Jahren ein CI bekam, ist jedesneue Wort ein harter Kampf. »Wenn er mit Bekannten spricht und ungefährweiß, worum es geht, kann er schon folgen«, sagt seine Mutter AnneSchmidt, »aber sobald es um kompliziertere Dinge geht, braucht er auchdie Gebärdensprache.« Joel besucht eine Hörgeschädigtenschule inKassel; an den Wochenenden legt er sein CI meist ab.

Ob ein Kind mit der Neuroprothese ähnlich gut sprechen lernen wirdwie der kleine Malte, können die Ärzte nicht voraussagen. Im Mai wirdein MHH-Team dem Jungen ein zweites CI einsetzen; die Stereo-Versorgungsoll ihm das Verstehen auch in einer lauten Umgebung erleichtern.

Die Masurenkos möchten auf die Hörhilfe nicht mehr verzichten.»Malte entdeckt die Welt jetzt ein zweites Mal«, sagt sein Vater,»diesmal mit Ton.« JULIA KOCH

Zur Ausgabe
Artikel 72 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel