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BILDUNG »Entdecker und Pioniere«

Der Molekularbiologe Peter Gruss, 54, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, über den deutschen Weg zur Elite-Uni und die Einmaligkeit amerikanischer Spitzenhochschulen
aus DER SPIEGEL 4/2004

SPIEGEL: Herr Professor Gruss, ist die TU Darmstadt eine Elite-Universität?

Gruss: Im Bereich der technischen Disziplinen gehört sie zu den sehr guten Adressen - und das sage ich nicht nur, weil ich selbst dort mein Diplom gemacht habe.

SPIEGEL: Sie haben aber kein technisches Fach, sondern Biologie studiert.

Gruss: Für Biologie ist die TU Darmstadt nicht ganz so berühmt - keine Universität kann auf allen Gebieten eine Elite hervorbringen. Wir haben zum Beispiel eine unbestrittene Elite an der RWTH Aachen im Bereich der Ingenieurwissenschaften; dafür haben die Aachener nicht den Ehrgeiz, in der Molekularbiologie ganz oben zu stehen. Auch in meinem Fach gibt es in Deutschland Spitzenfakultäten, etwa in Heidelberg oder München.

SPIEGEL: Brauchen wir also gar keine zehn Elite-Universitäten, wie sie die Bundesbildungsministerin als Teil der Innovationsoffensive gefordert hat?

Gruss: Immerhin ist es ein gutes Signal, wenn sich eine Regierung eindeutig dazu bekennt, wissenschaftliche Exzellenz fördern zu wollen. Jetzt müssen Taten folgen. Wir sollten auf keinen Fall versuchen, amerikanische Spitzenhochschulen zu kopieren, dazu sind die Voraussetzungen viel zu unterschiedlich.

SPIEGEL: Was ist so anders in den USA?

Gruss: Die amerikanische Bevölkerung ist innovationsfreudiger. Ihre Mentalität ist geprägt von der Zeit der Entdecker und Pioniere. Das führt dazu, dass, anders als hier, immer erst die Chancen einer neuen Technologie wahrgenommen werden - ohne dass man dabei die Risiken übersieht.

SPIEGEL: Schließt das aus, das System der US-Spitzenhochschulen zu übernehmen?

Gruss: Das wäre weder wünschenswert noch realistisch. In den USA ist der Abstand zwischen absoluten Top-Hochschulen und der breiten Masse viel größer als bei uns. Eine Hochschule hat einen doppelten Auftrag - sie muss eine Wissens-Elite hervorbringen, aber auch den akademischen Durchschnitt ausbilden. Letzteres gelingt hier besser als in Amerika. Die Top-Universitäten dort sind zudem über Jahrzehnte gewachsen - und sie sind für ausländische Forscher auch deswegen so attraktiv, weil sie mit ihren riesigen Etats die Elite auch wie eine Elite entlohnen können. Harvard hat als Einzeluniversität ein höheres Budget als die gesamte Max-Planck-Gesellschaft. Das können wir hier für keine Universität leisten.

SPIEGEL: Sie haben selbst vier Jahre lang in Amerika geforscht, an einem der renommierten National Institutes of Health. Warum sind Sie zurückgekommen?

Gruss: Das hatte auch private Gründe; und es ist mir nicht leicht gefallen, weil die Forschungsbedingungen dort drüben wirklich ausgezeichnet waren. Ich habe meine Rückkehr trotzdem nie bereut.

SPIEGEL: Wie könnte der deutsche Weg zur Elite-Hochschule aussehen?

Gruss: Eine Elite-Universität lässt sich nicht aus dem Boden stampfen. Jede Hochschule muss ihre Schwerpunkte in den Gebieten setzen, wo sie international wirklich Spitze sein kann. Die Politik kann nur die Voraussetzungen dafür verbessern.

SPIEGEL: Was muss sich ändern?

Gruss: Die Hochschulen sollten autonom über ihre Mittel entscheiden und die Professoren rekrutieren dürfen, die sie haben wollen. Auch die Studienplatzvergabe durch die ZVS trägt nicht gerade zur Elitenbildung bei. Ein Max-Planck-Institut nimmt keinen Diplomanden ohne Bewerbung und persönliches Gespräch.

SPIEGEL: Müssten sich die Max-Planck- Institute stärker an der Lehre beteiligen, damit an den Unis Elite entstehen kann?

Gruss: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wissenschaftliche Elite kann nur im Verbund von universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen wachsen. Harvard verdankt seinen Ruf nicht nur der Harvard University - auch das MIT und andere Einrichtungen am Standort tragen dazu bei. Die Max-Planck-Gesellschaft beteiligt sich längst an der universitären Lehre: Etwa 90 Prozent unserer Institutsdirektoren sind Professoren an einer Universität. Auch ich selbst habe immer den Kontakt zu den Hochschulen gesucht, um die Studenten möglichst früh an die Forschung heranzuführen - und um fähige Mitarbeiter zu finden.

SPIEGEL: Wie können Sie noch zur Verbesserung der Hochschulausbildung beitragen?

Gruss: Wir haben innerhalb der vergangenen fünf Jahre 29 International Max Planck Research Schools gemeinsam mit den Universitäten aufgebaut, in denen unsere Mitarbeiter bereits in der Lehre aktiv sind. Das sind so attraktive Programme für den wissenschaftlichen Nachwuchs, dass wir dort 60 Prozent ausländische Studenten haben. Die stärkere Verbindung zwischen Forschungszentren und Universitäten, auch zwischen Klinik und Grundlagenforschung, ist das entscheidende Instrument zur Förderung der wissenschaftlichen Elite.

SPIEGEL: Die Bundesregierung hat viel Geld für Prestige-Hochschulen versprochen. Fürchten Sie um Ihren eigenen Etat?

Gruss: Die Erneuerungsbemühungen dürfen nicht auf Kosten von Einrichtungen geschehen, die bereits gut funktionieren und im internationalen Wettbewerb erfolgreich sind. Ich rechne es der Politik allerdings hoch an, dass sie unseren Etat auch in Zeiten knapper Kassen in diesem Jahr um drei Prozent erhöht hat.

SPIEGEL: Ist die Ausbildung deutscher Studenten wirklich so schlecht, wie die allgemeinen Klagen über das deutsche Hochschulsystem glauben machen?

Gruss: Ganz im Gegenteil. Meine Forscherkollegen in der Max-Planck-Gesellschaft und im Ausland sind froh und glücklich, wenn deutsche Postdoktoranden in ihre Labors kommen. Unsere Nachwuchswissenschaftler sind absolut konkurrenzfähig ausgebildet. Trotzdem gehören zu einer Elite-Universität auch verbesserte Lernbedingungen für die Studenten. In Harvard etwa beträgt das Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studenten eins zu vier. An einer deutschen Universität kommen auf einen Professor 50, 60 Studenten. Für ein besseres Betreuungsverhältnis müssten wir gar nicht lauter neue Professorenstellen schaffen. Eine Alternative wäre die Position des »Lecturers«, des hauptamtlichen Lehrers, wie es ihn zum Beispiel an britischen Unis gibt.

SPIEGEL: In einem neuen weltweiten Forschungs-Ranking kommt die erste deutsche Hochschule auf Platz 48, unter den ersten hundert finden sich nur fünf deutsche Bildungsstätten. Können die deutschen Hochschulen überhaupt in absehbarer Zeit zur Weltspitze aufschließen?

Gruss: Eine einzelne Universität wird wahrscheinlich nie auf Platz eins landen, weil sie niemals die gleichen Voraussetzungen haben wird wie Harvard, Stanford oder Yale. Aber alle Forschungseinrichtungen zum Beispiel im Raum Berlin oder im Raum München mit ihren verschiedenen Stärken zusammengenommen könnten durchaus Weltspitze sein. INTERVIEW: JULIA KOCH

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