Zur Ausgabe
Artikel 85 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

COMPUTER Entschuldigung vom Drucker

Informatikerin Rosalind Picard über ihre Arbeit an Gefühls-Computern und die richtigen Umgangsformen zwischen Menschen und Maschinen
aus DER SPIEGEL 18/2004

Picard, 41, entwickelt mit ihrer Forschungsgruppe »Affective Computing« am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) neuartige Rechnersysteme, die im Stande sein sollen, Gefühle zu interpretieren und auf die Stimmung ihrer Benutzer einzugehen. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Frau Picard, wann haben Sie das letzte Mal Ihrem Computer gegenüber eine Gefühlsaufwallung verspürt?

Picard: Gerade vor ein paar Tagen. Ich hatte wichtige Besucher und wollte dringend etwas ausdrucken. Stattdessen bekam ich nur eine unverständliche Fehlermeldung. Da bin ich richtig wütend geworden.

SPIEGEL: Wie sollte sich denn ein Gefühle simulierender Drucker verhalten, wenn ein Fehler auftritt? Sollte er sagen: »Reg dich nicht so auf, das wird schon wieder«?

Picard: Auf keinen Fall. Das würde nach Schadenfreude klingen und Sie erst recht wütend machen. Jede Interaktion zwischen Mensch und Maschine sollte sich an den Verhaltensregeln messen lassen, die auch im Umgang von Mensch zu Mensch gelten.

SPIEGEL: Also sollte sich der kaputte Drucker entschuldigen?

Picard: Warum nicht? Wir haben in etlichen Experimenten nachgewiesen, dass Maschinen, die auf die Emotionen der Nutzer reagieren, viel positiver bewertet werden. Rechner brauchen mehr Sensibilität!

SPIEGEL: Diese Vermenschlichung ist aber umstritten. Viele Benutzer finden so etwas wie die aufdringliche Comic-Büroklammer im Word-Programm reichlich albern.

Picard: Die ist nun in der Tat grässlich. Die verhält sich nämlich genau so, wie man es im zwischenmenschlichen Miteinander nie tun sollte: Sie drängt sich auf, nervt mit nutzlosen Kommentaren - und wenn man sie rausschmeißt, zwinkert sie auch noch.

SPIEGEL: Als Alternative schlagen Sie vor, Computer Gefühle simulieren zu lassen?

Picard: Nein. Menschliche Gefühle sind an den menschlichen Körper gebunden. Deshalb will meine Arbeitsgruppe ja auch keine menschlichen Gefühle kopieren, sondern Computer lediglich mit Mechanismen ausstatten, die ähnliche Funktionen erfüllen: schnelle Orientierung in unübersichtlichen Situationen durch so etwas wie Bauchgefühl und Augenmaß.

SPIEGEL: Aber Rechner haben weder Bauch noch Augen.

Picard: Genau das versuchen wir zu ändern durch eine Reihe neuer Sensoren: Einige unserer Gefühls-Computer verfolgen zum Beispiel die Augenbewegungen und den Gesichtsausdruck ihrer Nutzer mit Kameras; andere analysieren Puls, Atmung oder Satzmelodie ihres menschlichen Gegenübers. Emotionen selbst können wir so natürlich nicht messen, aber immerhin Körperreaktionen, die in Zusammenhang stehen mit Wut, Angst oder Neugier.

SPIEGEL: All das klingt sehr nach dem alten Traum vom Lügendetektor.

Picard: In der Tat wollen seit dem 11. September viele Leute unsere Techniken für Lügendetektoren nutzen. Ich will damit nichts zu tun haben. Doch der Druck ist enorm: Als wir vor kurzem einen Förderantrag zum Thema »Affektive Computer zur Lernunterstützung« eingereicht haben, ist mir erst einmal die Kinnlade heruntergeklappt, als ich sah, dass der Vorsitzende des Komitees gar kein Lernforscher ist, sondern ein leitender Funktionär des Heimatschutzministeriums.

SPIEGEL: Glauben Sie denn, dass ein Selbstmordattentäter durch die Messung von Körperdaten erkannt werden könnte?

Picard: Nein, Lügendetektor-Daten sind ungeheuer schwer zu interpretieren. Selbstmordkandidaten zum Beispiel sind unmittelbar vor ihrer Tat oft sehr locker und glücklich, weil sie denken, sie hätten einen Ausweg gefunden. Ich könnte mir vorstellen, dass auch islamistische Selbstmordkommandos eine Art Vorfreude verspüren - schließlich werden ihnen ja im Jenseits alle möglichen Belohnungen versprochen.

SPIEGEL: Wird Ihre Forschung von Kollegen überhaupt ernst genommen?

Picard: Durchaus, mein Ansatz hat sich ja längst in der Praxis bewährt. Vor einigen Jahren arbeiteten wir beispielsweise an einer Art Videosuchmaschine für Festplattenrecorder. Je nachdem, was sich der Zuschauer in der Vergangenheit angesehen hat, sollte ihm das System Tipps für ähnliche Filme geben. Wir analysierten zu diesem Zweck, wie Menschen das Wunder gelingt, nach nur wenigen Sekunden aus dem Bauch heraus zu entscheiden, ob ihnen ein Film gefällt oder nicht. Am Ende konnten wir ein einfaches affektives Bewertungssystem entwickeln. Das läuft heute in den handelsüblichen Festplattenrecordern.

SPIEGEL: Wann wird es so weit sein, dass Rechner tatsächlich über so etwas wie emotionale Intelligenz verfügen?

Picard: Wir stehen mit Gefühls-Computern ungefähr dort, wo wir mit der Spracherkennung in den Sechzigern waren - am Anfang. Aber die Entwicklung geht heute viel schneller. In zehn Jahren dürfte der Umgang mit Gefühls-Rechnern alltäglich sein.

SPIEGEL: Zählen dazu auch einfühlsame Plaudereien, wie sie im Science-Fiction-Klassiker »2001« die Astronauten mit dem Bordcomputer »HAL« pflegen?

Picard: Als ich Stanley Kubricks Film das erste Mal gesehen habe, war ich schwer beeindruckt, wie emotional HAL ist - nur leider gehört er in Therapie. Als er abgeschaltet werden soll, fleht der Computer zwar herzerweichend um sein Leben - aber vorher hat er kaltblütig einen der Astronauten ermordet.

INTERVIEW: HILMAR SCHMUNDT

Zur Ausgabe
Artikel 85 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.