Entwicklung der Pandemie Wie wird der Coronaherbst, Herr Brockmann?

Die Corona-Infektionszahlen stagnieren derzeit. Woran liegt das? Was passiert im Herbst, und wird es die Ost-Bundesländer besonders treffen? Der Physiker Dirk Brockmann über Prognosen und falsche Trägheit in der Pandemiebekämpfung.
Ein Interview von Marthe Ruddat
Wie viele Menschen waren bereits mit Sars-CoV-2 infiziert, ohne es zu wissen?

Wie viele Menschen waren bereits mit Sars-CoV-2 infiziert, ohne es zu wissen?

Foto: kkgas / Stocksy United

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SPIEGEL: Herr Brockmann, Sie versuchen, mithilfe mathematischer Modelle die Entwicklung der Pandemie besser zu verstehen. Derzeit stagnieren die Corona-Infektionszahlen. Woran liegt das?

Brockmann: Das ist die Gretchenfrage. Und so genau sagen kann das niemand. Die Inzidenz ist im Moment bei den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen am höchsten. Sie sind weniger geimpft, diese Nische hat sich das Virus also gesucht. Eine Möglichkeit ist, dass die Tests an den Schulen, die ja durchgeführt werden, jetzt Wirkung zeigen – dass die Kinder also in Quarantäne geschickt und Infektionsketten durchbrochen werden. Eine andere Möglichkeit ist, dass doch mehr Menschen immun sind, also eine Dunkelziffer eine Rolle spielt. Wir wissen zu wenig darüber, wie viele Menschen in den verschiedenen Altersgruppen tatsächlich Covid-19 hatten. Wir wissen aber, dass das Impfen eine große Rolle spielt und auch das Wetter, das in den letzten Wochen gut war. All das sind Faktoren, die zusammenspielen, aber unter dem Strich können wir nur Hypothesen aufstellen darüber, warum die Zahlen nicht weiter steigen.

SPIEGEL: Die Prognosen einiger Expertinnen und Experten für den Herbst sind eher düster, sie warnen vor steigenden Zahlen und Kontaktbeschränkungen.

Brockmann: Genau, das ist das Ergebnis der meisten prognostischen Modelle. Das sind allerdings keine Vorhersagen, die auf jeden Fall so eintreten. Das sind Szenarien, die mit verschiedenen, plausiblen Annahmen arbeiten. Und dann kommt zum Beispiel heraus: Wenn die Impfquote nicht steigt, dann steigt die Inzidenz wieder. Es ist aber auch bekannt, dass die Dynamik einer Pandemie schlecht prognostizierbar wird, wenn der R-Wert, also die Ansteckungsrate, gleich 1 ist. Und um diese Zahl pendelt der R-Wert seit eineinhalb Jahren. Man kann aber sagen, dass bei gleichem Impfniveau und sinkenden Temperaturen ein deutlicher Anstieg am wahrscheinlichsten ist, einfach weil die Impfquote nicht ausreicht.

SPIEGEL: In Deutschland sind mittlerweile rund 63 Prozent der Menschen vollständig geimpft. Es gibt immer noch Schutzmaßnahmen. Das ist doch ein deutlicher und entscheidender Unterschied zum vergangenen Herbst und müsste einen bedeutenden Einfluss haben, trotz Delta-Variante.

Brockmann: Das könnte man meinen, aber eine fundamentale Eigenschaft der Dynamik von Infektionskrankheiten ist, dass sie nicht linear verlaufen. Man kann nicht sagen: Wenn die Impfquote um zehn Prozent erhöht wird, dann wird die Welle um zehn Prozent abgeschwächt. Es ist nicht so, wie wenn man die Heizung aufdreht, dann wird es sofort warm, und wenn man höher dreht, dann wird es wärmer, sondern man dreht, und es passiert erst mal nichts, man dreht weiter, und es passiert wieder nichts – und dann dreht man noch mal weiter, und dann wird es heiß. Es gibt einen Kipppunkt, eine Schwelle, ab der das Infektionsgeschehen ausgebremst wird.

SPIEGEL: Was erwarten Sie, wie es im Herbst weitergehen wird?

Brockmann: Ich bin, ehrlich gesagt, völlig unsicher. Es würde mich aber nicht wundern, wenn die Zahlen noch einmal hochgehen und es dann neue Kontaktbeschränkungen gibt. Viele Faktoren sprechen dafür. Wenn die Impfquote so bleibt, wie sie ist, und das Wetter wieder schlechter wird und die Leute mehr drinnen sind, dann kann es sein, dass die Infektionen wieder steigen. Es gibt schon eine gefährliche Mischung derzeit: Die Altersgruppen, die noch nicht geimpft werden, sind ein Reservoir für das Virus. Die Kinder und Jugendlichen werden zwar nur mit einer geringen Wahrscheinlichkeit sehr krank, aber man muss auch bei ihnen über Long Covid sprechen. Und sie können ungeimpfte Erwachsene anstecken, die dann eventuell im Krankenhaus behandelt werden müssen. Da steckt also noch Dynamik drin. Es kann aber auch sein, dass sich mehr Leute impfen lassen, weil sie verstehen, dass es wichtig ist, das zu tun und man dadurch ein Stück Freiheit wiederbekommt. Eine Sache muss man immer wissen: Diese Pandemie hat immer Überraschungen parat.

SPIEGEL: Seit einigen Wochen zeigen sich in Deutschland deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Zwar liegen die Inzidenzen in den neuen Bundesländern immer noch unter dem Bundesschnitt, zuletzt sind sie jedoch in Thüringen und Sachsen sprunghaft gestiegen. Worauf führen Sie diesen Effekt zurück?

Brockmann: Das ist in der Tat so. Die Gründe für diese Unterschiede und auch die klaren geografischen Linien zwischen Ost und West sind etwas rätselhaft. Ich habe mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen gesprochen und bisher konnte ich keine plausible, überprüfbare Erklärung erkennen. Gerade auch, weil die Impfquote im Osten geringer ist, ist eine niedrigere Inzidenz überraschend, wobei der rapide Anstieg wiederum plausibler wird. Offenbar sind die Kontaktnetzwerke regional so unterschiedlich, dass die Dynamik sich eben auch unterschiedlich entfaltet.

SPIEGEL: Wie Sie schon sagen, ist die Impfquote in den Ost-Bundesländern teilweise deutlich geringer als in Westdeutschland. Wird der Herbst den Osten daher auch härter treffen?

Brockmann: Das ist in etwa genauso schwierig vorherzusagen wie welche Mannschaft das nächste Fußballspiel gewinnen wird. Dass die Fallzahlen wieder anziehen, ist ein wahrscheinliches Szenario, weil überall die Menschen wieder vermehrt in Innenräumen zusammenkommen. Wie sich das im Herbst entfaltet, wird nach meiner Einschätzung davon abhängen, wie viele Menschen sich noch impfen lassen werden – auch im Osten.

SPIEGEL: Was denken Sie, wie sollten wir uns im Herbst verhalten?

Brockmann: Vorsichtig. Auch wenn man doppelt geimpft ist, ist es gut, Rücksicht auf andere zu nehmen, zum Beispiel durch das Tragen einer Maske beim Einkaufen. Wir müssen immer im Kopf behalten, dass wir schnell reagieren müssen, wenn die Zahlen wieder steigen, und dürfen nicht träge werden. Trägheit ist in dieser Pandemiebekämpfung immer ein Problem gewesen, also dass zu lange gewartet, zu lange diskutiert wurde, statt schnell und früh und regional zu reagieren. Ich hoffe, dass sich noch mehr Menschen impfen lassen und erkennen, was das für sie selbst und andere bringt.

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