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Erfinder auf Abwegen

aus DER SPIEGEL 52/1999

Erfinder auf Abwegen

In seiner Sehnsucht nach Fortschritt beschreitet der Mensch kuriose Pfade

Die Kunst der Ingenieure und Erfinder kennt keine Grenzen - zumindest in der Phantasie der Menschen. Von Kolonien im All und schwebenden Häfen hienieden träumen die Erdlinge. Nach den Visionen des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov werden die Menschen im anbrechenden Jahrtausend den Mond urbar machen. Asimov lässt gigantische Kugelstädte durch die Weiten des Weltraums manövrieren. In ihnen leben hunderte von Menschen, die kein anderes Zuhause mehr kennen. Doch allzu häufig scheitert der Erfindergeist an den Vertracktheiten der irdischen Naturgesetze: Das Perpetuum mobile - eine Maschine, die arbeitet, ohne Energie zu fressen - ist bis heute nicht gebaut. Andere Tüfteleien waren zwar machbar, erwiesen sich aber bald als unpraktisch oder absurd. Doch im Kabinett der kuriosen Erfindungen haben sie bis heute ihren Ehrenplatz behalten.

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Jagdwesen

Im 15. und 16. Jahrhundert trugen die Damen kleine Pelze oder hielten Schoßhunde, um sich die damals zahlreichen Flöhe vom Leib zu halten. Dass einige der sprunggewaltigen Blutsauger dennoch immer wieder ihren Weg ins Dekolleté fanden, führte schließlich zur Erfindung einer Vorrichtung, welche durch die 1727 erschienene Schrift »Die Neu-erfundene Curieuse Floh-Falle zu gäntzlicher Ausrottung der Flöhe« bekannt wurde. Die Falle war eine durchlässige Büchse. Im Innern befand sich ein mit Honig bestrichener Stempel, an welchem der Lästling kleben blieb.

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Tierschutz

Um Schafe gegen Überfälle durch Wölfe und wildernde Hunde zu schützen, entwickelte ein Erfinder anno 1880 Schutzschilde für große und kleine Tiere. Die Schilde waren mit Zähnen und Zacken bewehrt und sollten an jenen Stellen befestigt werden, an denen Raubtiere am liebsten zubeißen: an Hals und Hinterbeinen. Die Ausrottung des Wolfs in Zentraleuropa und der Rückgang wildernder Hunde machten die Stachelpanzer überflüssig.

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Küchentechnik

Als die »überaus praktische Eierzange« Ende des 19. Jahrhunderts zum Patent angemeldet wurde, prophezeite man ihr einen Welterfolg. Sie galt als sicher im Gebrauch, da die beiden Zangenschalen mit kleinen Dornen versehen waren, um die Kalkhülle eines Hühnereis zu durchbohren und festzuhalten. Die Konstruktion, so schien es, werde den Umgang mit weich gekochten Eiern bis ins nächste Millennium revolutionieren. Tatsächlich aber scheiterte die Eierzange an simpler Konkurrenz: dem Eierbecher.

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Schienenverkehr

Schneller, leiser und billiger sollte sie sein, die Einschienenbahn auf Stelzen. So, wie sie rechts gezeichnet ist, wollte sie der Erfinder E. S. Watson einstmals aufs Gleis bringen: Die Räder hatten einen gerillten Kranz, mit dem sie auf dem Schienenstrang auflagen. Spätere Tüftler wollten fahren, aber nicht rollen. Sie bauten die 450 Stundenkilometer schnelle und Milliarden teure Magnetschwebebahn Transrapid. Er fuhr nur auf einer Teststrecke in Deutschland und galt Ende des 20. Jahrhunderts als das letzte Fossil des Erfinderzeitalters.

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Hörgeräte

Vor Erfindung des Radars waren Schallsignale das einzige Mittel, andere Schiffe vor dem Sichtkontakt auszumachen. Doch aus welcher Richtung tutet das Nebelhorn? Das »Topophon« sollte helfen: Der Kapitän oder Lotse trug zwei Hörmuscheln, von denen Schläuche zu den Ohren führten. Vernahm er einen Ton, so drehte er sich, bis das Signal in beiden Ohren gleich laut zu hören war. Weil das jedoch allzu lange dauerte, hat sich das Topophon von 1880 nie durchgesetzt.

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Putzwesen

Ein Staubsauger, der ohne Strom auskommt, erhielt im Jahre 1908 ein Patent (Deutsches Patent DRP 215169). »Der Mann sitzt sein Käseblättchen lesend in einer Art Schaukelstuhl und erzeugt durch Wippen den notwendigen Unterdruck, mit dessen Hilfe Muttchen dann den guten Perser vor dem pompösen Kamin mit Hilfe von Vatis gern gespendeter Bewegungsenergie säubert«, erläutert der Patentanwalt und Autor Werner Koch in seinem Buch »Erfindergeist auf Abwegen«. Die umweltfreundliche und geräuscharme Apparatur wurde allerdings nie gebaut; gegen den elektrischen und ungleich wendigeren Beutelsauger war sie von vornherein chancenlos. So blieb die Frage offen, ob moderne Frauen und Männer den vom Schaukelstuhl betriebenen Staubsauger auch mit vertauschten Rollen eingesetzt hätten.

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Unterhaltung

Ein Kondom, das Singen, Sprechen und Musik spielen kann, will Paul Lyons aus Southbridge (US-Bundesstaat Massachusetts) auf den Markt bringen. Mit seiner Innovation möchte er mehr Männer als bisher für den Gebrauch von Präservativen begeistern. Die Erfindung (US-Patent 5 163 447 vom November 1992) besteht aus einem herkömmlichen Gummischutz, an dessen Ende ein Soundchip eingearbeitet ist. Wenn beim Geschlechtsverkehr mechanischer Druck auf das elektronische Schaltgerät ausgeübt wird, dann fließen Ströme: Der Chip gibt Laute und Melodien von sich, die zuvor einprogrammiert worden sind. Wie aus der Patentschrift hervorgeht, eignet sich das Kondom mit Soundchip als »spaßiges Geschenk«. Es mehre die Lust und bürge überdies für »Überraschungseffekte«.

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Futurologie

Auf Reklamebildchen eines Schokoladenfabrikanten wagte ein Zeichner um 1895 einen Blick in die ferne Zukunft: in das Jahr 2000. Unterseeische Schiffe hatten in seiner Vorstellung nichts mit jenen fensterlosen Stahlmonstern gemein, wie sie heutzutage vorwiegend nur zu militärischen Zwecken tauchen. Ihm schwebten rundum verglaste Boote vor, von denen aus Passagiere die wundersame Welt des Meeresgrundes bestaunen. Andere reisen mit einer Art Wasserrad umher.

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Rettungswesen

»Den Porzellanbus fahren« - so nennt es der Ire, wenn er späten Abends im Pub die Kloschüssel beidhändig umfasst und sich kniend in sie entleert. Diese im Gälenvolk beliebte Freizeithaltung mag den Amerikaner William Holmes, einen Nachfahren irischer Auswanderer, auf die besoffene Idee gebracht haben, dass das Ganze wohl auch umgekehrt funktioniert und man aus einem Toilettenbecken auch etwas zu sich nehmen kann - Atemluft etwa, wenn der Sauerstoff allmählich knapp wird, weil die Bude rundum in Flammen steht. Bedarf sieht der Erfinder vor allem in großen Hotels, in denen allzu häufig Brände ausbrächen. Der Gefährdete nimmt Mr. Holmes Erfindung mit der US-Patentnummer 4320756, die von gälischer Schlichtheit ist und daher lediglich aus einem Schlauch besteht. Diesen hüsert er mit der Hand durch das wassergefüllte Knie des Beckens hindurch, bis die Spitze des Gummiröhrchens das mit der Kanalisation verbundene Fallrohr erreicht. Aus diesem kann der Mensch dann, das zumindest hofft William Holmes in seiner Patentschrift aus dem Jahr 1982, so lange rauchfreie Luft schnorcheln, bis ihn die Feuerwehr schließlich aus seiner in jeder Hinsicht verzweifelten Lage befreit.

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Kreuzfahrt

Für ein Sofa gegen Seekrankheit erhielt der Erfinder Lorenzo D. Newell ein Patent. Der Entwurf von 1870 zeigt den Blick in eine Schiffskabine - bei Windstärke 10. Der Sohn schläft, der Vater liest gemütlich einen Roman. Beide fühlen sich augenscheinlich pudelwohl. Die Schale um das Sofa ist wie ein Kompass kardanisch aufgehängt: Sie macht alle Bewegungen des Schiffs mit, ohne aus der horizontalen Lage zu geraten. Das Sofa wurde nie gebaut. Man fürchtete, den Passagieren werde übel, wenn sie vom Sofa aus die Wände um sich herum auf- und niedergehen sähen.

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Meldewesen

Eine Alarmanlage für Taube oder Menschen mit tiefem Schlaf hat der New Yorker Arnold Zukor 1912 ersonnen (US-Patent 1046533). Wenn Einbrecher das Fenster hoch schieben, lösen sie - über eine Vielzahl von Stangen und Bolzen - einen Wasserstrahl in des Schläfers Gesicht aus. Mit 60 Teilen erschien die Anlage allzu komplex.

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Wetterschießen

Das Abfeuern von Mörsern, um aufkommende Unwetter zu vertreiben oder zumindest unschädlich zu machen, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Gegenden Europas aufgenommen. »Der Erfolg war im Allgemeinen kein günstiger«, berichtete der Berliner Technikautor Franz Feldhaus 1915. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass die Geschosse nicht hinauf zu den Wolken reichten. Dennoch hielten viele Bauerngemeinden lange an dem Brauch fest und ballerten unbeirrt weiter.

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