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MEDIZIN Erreger aus dem Vogelreich

Keine Seuche tötete in diesem Jahrhundert mehr Menschen als die Grippe. Mediziner rechnen mit einem neuen Stamm von Superviren, der sich binnen Wochen weltweit verbreiten könnte.
aus DER SPIEGEL 8/1997

Die Seuche kam aus dem Nichts. Schnell wie der Wind eroberte sie die Welt, sie wütete unbändig, sie tötete wahllos.

Sie killte Soldaten in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, sie brachte Seeleute auf dem Pazifik um und Millionäre in Berlin. Kaum ein bewohnter Flecken auf Erden blieb von ihr verschont.

Bei der Obduktion der Opfer erschraken die Ärzte. Die Lungen der Betroffenen waren förmlich verwüstet, blutig und voller Flüssigkeit, die Lungenbläschen zerstört. Nur zögerlich vergegenwärtigten sich die Mediziner, daß sie es nicht mit Lungenpest oder Tuberkulose zu tun hatten, sondern mit einer Krankheit, die im trügerischen Bewußtsein der Menschen als harmloses Drei-Tage-Fieber gilt: Grippe.

Jenes Influenza-Virus, das 1918 über die Erde stiebte, war der aggressivste Seuchenerreger, der jemals über die Menschheit hergefallen ist. Binnen weniger Monate infizierten sich weltweit fast eine Milliarde Menschen. Mit einem Streich brachte das Virus 20 Millionen Erdbewohner um, doppelt so viele, wie im Ersten Weltkrieg starben. Keine der großen Seuchen des Mittelalters tötete so massenhaft Menschen in so kurzer Zeit.

Die meisten Opfer waren ungewöhnlich jung, zwischen 20 und 40. Oft gingen sie binnen 48 Stunden an einer Lungenentzündung zugrunde, die sich im Gefolge der Influenza im Brustkorb einnistete. Der 28jährige Maler Egon Schiele zeichnete 1918 noch seine Frau, wie sie matt, blaß und fiebernd auf dem Sterbebett lag. Zwei Tage später fällte die »Spanische Grippe« auch ihn. In vielen Städten brachen Feuerwehr und Polizei zusammen, in den Hospitälern lagen Ärzte und Krankenschwestern selbst danieder, wer sich noch auf die Straße traute, lief mit Mundschutz umher.

Machtlos waren die Mediziner damals gegen diese Pandemie, eine Krankheitswelle, die den ganzen Erdball im Griff hatte. Und sie sind es heute wie damals. Hoffnungsvoll scheinende Medikamente gegen das Influenza-Virus werden zwar erprobt, aber keines ist bisher auf dem Markt. Bräche morgen eine Grippe von der Gewalt der Variante von 1918 aus, »dann hätten wir die gleiche Misere«, sagt Rolf Heckler vom Nationalen Referenzzentrum für Influenza in Hannover.

Seit Jahren mahnen Wissenschaftler, daß eine neue weltumspannende Grippeattacke bevorstehe. »Die Pandemie ist überfällig«, glaubt Michael Köllstadt von der Arbeitsgemeinschaft Influenza in Marburg.

Denn außer 1918 gelang der Grippe auch in den Jahren 1890, 1900, 1957 und 1968 die schlagartige Ausbreitung über die Erde, jeweils mit vielen hunderttausend Toten. Die fast 30jährige Pause seit dem letzten Ausbruch macht die Forscher allmählich nervös: »Die Pandemie kommt nächstes Jahr, in 10 oder 20 Jahren«, sagt Heckler, »aber sie kommt.«

Das heimtückische Grippe-Virus hat auch in Zeiten der High-Tech-Medizin seinen Schrecken nicht verloren. Unberechenbar sind die Mini-Knäuel, von denen 100 000 aneinandergereiht nur einen Zentimeter ergäben: Kein Mediziner vermag sicher vorherzusagen, wo, wann und wie heftig die Influenza das nächste Mal zuschlägt.

Zumindest in dieser Saison scheint die Menschheit wieder mit dem Schrecken davonzukommen. Grippe grassiert zwar massenhaft in Rußland, der Ukraine und auch, weniger stark, in Deutschland. Doch die diesjährigen Grippeerreger gehören größtenteils zur Wuhan-Variante, und gegen die sind viele schon gefeit.

Als Wuhan um den Jahreswechsel 1995/96 erstmals in die Bundesrepublik einfiel, zwang das Virus rund 8,5 Millionen Bürger ins Bett. Apotheker legten Nachtschichten ein, Krankenhäuser waren überfüllt. Erst im nachhinein zeigte sich, daß Wuhan auch ein potenter Killer war: Heckler und seine Mitarbeiter haben inzwischen die Sterbezahlen analysiert. Ergebnis: An der Grippe und ihren Komplikationen starben 1996 etwa 28 000 Bundesbürger, meist Alte und Sieche.

Brandgefährlich ist das Grippevirus, weil es sich verwandeln kann wie kaum ein anderes. Wer einmal Masern hatte, bleibt sein Leben lang gegen die Krankheit geschützt, das Grippevirus jedoch verändert sich so schnell, daß es wieder und wieder die Abwehrkräfte des Immunsystems in neu maskierter Form überwinden kann.

Auf der Hülle des kugelig-stachligen Virus sitzen zwei Proteine: Hämagglutinin und Neuraminidase. An ihnen machen die körpereigenen Antikörper fest, wenn sie eine Infektion niederzuringen versuchen. Doch das Virus verändert sich, weil sich bei jeder 10 000. Kopie eine Mutation einschleicht. Die Antikörper, die sich in der vorangegangenen Epidemie gebildet haben, sind wegen dieser »genetischen Drift« in der Abwehr der Folgeepidemien nur kurz wirksam.

Weitaus gefährlicher noch als die Gendrift ist der »genetische Shift« eines Grippevirus. Beim Shift gelingt es dem Virus, seine Hüllproteine gegen gänzlich neue Formen auszutauschen: Es verleibt sich Neuraminidase und Hämagglutinin-Proteine aus dem Vogelreich ein, die dem Menschen bis dahin nie begegnet sind.

Als Brutstätte neuer Grippeviren gilt Asien, vor allem China. Dort leben Menschen seit jeher eng beieinander mit Schweinen und Vögeln. Enten, die selbst nicht an Influenza erkranken, bilden das artenreichste Reservoir für Influenza-Viren: Myriaden von Virus-Varianten stecken in ihren Zellen, viele ausgestattet mit bizarren Hüllproteinen, für die kein Mensch je einen Antikörper hergestellt hat.

Der direkte Sprung von der Ente auf den Menschen gelingt diesen Viren nicht. Aber sie können Schweine befallen - und in ihnen, so glauben die Forscher, verschmelzen Vogel-Viren und Menschen-Viren zu neuartigen Erregern.

Das Virus von 1918 ist auch 80 Jahre nach der großen Pandemie auf Erden noch präsent. Als ein US-Soldat in Fort Dix 1976 mit diesem »H1N1«-Virus daniederlag, wurden die Ärzte von schierer Panik befallen. Schulen wurden geschlossen, Massenimpfungen verabreicht. Der Alarm war aber verfrüht: Das H1N1-Virus, durch jahrelange Gendrift harmloser geworden, verursachte keine Epidemie.

Viel ist nicht übrig von dem originalen Killervirus. Ein Jahr lang hat der Londoner Mediziner John Oxford in pathologischen Sammlungen nach Lungengewebe von damaligen Opfern gefahndet, nun besitzt er Gewebeproben von Männern, Frauen und Kindern, die 1918 in London, Sydney und Prag der Seuche erlagen.

In den verstaubten Präparaten hofft Oxford noch Bruchstücke des Supererregers zu finden. Er will das Erbmaterial des Virus rekonstruieren, um zu klären, welche Gensequenz dem Erreger derart vernichtende Kraft verliehen hatte. »Es ist besser, das zu wissen, wenn wir der nächsten Epidemie gegenüberstehen«, glaubt er. Für die Entwicklung künftiger Medikamente hilft sein »Jurassic-Park-Experiment«, wie er es nennt, jedoch nicht.

Wachsam bleiben ist derzeit das beste, was Mediziner gegen die Grippe tun können. 109 Nationale Referenzzentren für Influenza melden der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf allwöchentlich, welche Stämme, Typen, Subtypen und Varianten zwischen Hongkong und Costa Rica aufgetaucht sind.

Jedes Jahr im Februar müssen die Experten der WHO die Rezeptur für die Impfung bekanntgeben, die mutmaßlich im nächstfolgenden Winter grassieren wird - ein heikles Unterfangen, das nicht immer klappt. Die derzeit gültige Empfehlung war allerdings wieder ein Volltreffer. Sie lautet: A/Wuhan/359/95 (H3N2), A/Singapore/6/86 (H1N1), B/Beijing/184/93.

Die Impfung besteht aus abgeschwächten funktionsfähigen Viren, die vom Frühling an in Millionen von Hühnereiern herangezüchtet werden. Sollte allerdings eine vernichtende Pandemie ausbrechen, würden die meisten Menschen vergebens auf eine rettende Impfung hoffen.

Ein extrem virulentes Grippevirus könnte sich in nur drei Wochen über die ganze Welt verbreiten. Herstellung und Verteilung der Schutzimpfung dauern aber mindestens zwei Monate, und wirksam wird sie erst zwei Wochen nach der Injektion.

Doch selbst wenn die Zeit ausreichen würde, könnten die Pharmafirmen nur Bruchteile der Bevölkerung mit Impfstoffen versorgen: Ihre Kapazität reicht kaum für alle Risikopatienten. Einem Massenansturm halten die Vorräte nicht stand.

Wie rasch sich die Lager leeren können, wurde im vorigen Jahr offenbar: Nach wenigen Epidemietagen waren alle deutschen Impfstoff-Hersteller ausverkauft.

* Oben: in Seattle 1918; unten: in den MarburgerBehring-Werken.

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