Zur Ausgabe
Artikel 87 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Tiere Falscher Heldenmut

Räuberische Kegelschnecken töten Fische und Taucher. Aus ihren Giften gewinnen Pharmakologen jetzt hochwirksame Schmerzmittel.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Die gefräßige Schnecke riecht Beute. Arglos schwimmt ein Clownfisch um ihr Schneckenhaus herum. Drohend fährt sie ihren hohlen Muskelschlauch aus, an dessen Spitze ein Giftpfeil steckt. Blitzschnell zischt der Rüssel los. Wie eine abgefeuerte Harpune bohrt sich der Pfeil in den Fischleib und pumpt tödlichen Drüsensaft hinein.

Der kleine Fisch zappelt noch ein wenig, dann erstarrt er. Gierig zieht die Giftschnecke das aufgespießte Tier heran und stopft es in ihren Schlund. Nach anderthalb Stunden hat sie ihr Mahl verdaut. Die Gräten spuckt sie zurück in die See.

Überall in warmen Gewässern lauern die räuberischen Kriecher am Meeresgrund. Die gruseligen Weichtiere aus der Familie der Kegelschnecken, kleiner als eine geballte Faust, fressen Fische, Würmer und andere Schnecken. Aber auch Sporttaucher, die nach den Schneckenschalen griffen, starben an den Molluskengiften. Antisera gibt es nicht. Nach einem Schneckenstich, rät die Ärztliche Praxis, sei künstliche Beatmung in einem Krankenhaus womöglich die einzige Rettung; in schweren Fällen führe die Atemlähmung »innerhalb von 40 Minuten bis 5 Stunden zum Tod«.

Doch die todbringenden Schnecken sind zugleich sprudelnde Heilquellen. Pharmaforscher haben jetzt damit begonnen, aus ihren Nervengiften neue hochwirksame Medikamente zu gewinnen.

In US-Krankenhäusern laufen seit wenigen Monaten erste klinische Tests mit einem Schmerzmittel, das nach Vorbild eines Kegelschneckengiftes synthetisiert wurde. 300 Aids- und Krebspatienten im Endstadium werden damit behandelt. Herkömmliche Mittel vermögen bei ihnen kaum noch die heftigen Schmerzattacken abzuwehren. Die Versuche mit dem neuen Schmerzkiller »SNX-111« hingegen verliefen »äußerst vielversprechend«, berichtet die kalifornische Herstellerfirma Neurex.

Das Molluskenpräparat wird den Freiwilligen ans Rückenmark gespritzt. Der Wirkstoff verstopft in den dortigen Nervenzellen jene Kanäle, die Schmerzimpulse weiterleiten.

Neurex hofft auf ein Riesengeschäft. Weltweit drei Millionen Krebspatienten leiden laut Weltgesundheitsorganisation an schweren chronischen Schmerzen. Die meisten Schmerzmittel helfen nach einiger Zeit immer weniger, sie müssen in immer höherer Dosierung verabreicht werden und verursachen oft starke Nebenwirkungen. SNX-111 aber ist bis zu tausendmal potenter als Morphin und hat bislang nur harmlose Begleiterscheinungen ausgelöst: Die Augenlider flackern, der Blutdruck sinkt.

Bioforscher fanden inzwischen heraus, was die Molluskengifte so einmalig macht: Die Kegelschnecken spritzen ihren Opfern Giftcocktails ins Gewebe, die aus bis zu 80 verschiedenen Toxinen bestehen.

Jeder dieser Stoffe schaltet im Nervensystem nur eine ganz bestimmte Funktion aus; das erklärt, weshalb ein daraus gewonnenes Medikament kaum unerwünschte Nebenwirkungen verursacht. Verrührt bilden die Toxine jedoch eine letale Mischung. Jede der 500 Kegelschneckenarten verfügt zudem über ein eigenes Gebräu.

Entschlüsselt hat diese üppige chemische Vielfalt vor allem der Molekularbiologe Baldomero Olivera. Eine Notlage brachte den geborenen Filipino zu seinen Schneckenstudien.

Nach seinem Studium in den USA war er an eine Universität in seiner Heimat zurückgekehrt. Zu seinem Erschrecken fand er als Labors nur heruntergekommene Bruchbuden vor, moderne Geräte gab es nicht. Olivera: »Keine Ultrazentrifuge, keine Kältekammer; es war klar, daß wir auf keinem Gebiet der Molekularbiologie mithalten konnten.«

Um mit einer leicht lösbaren Aufgabe zu beginnen, beschloß er, seinen einzigen Heimvorteil zu nutzen: Vor den Küsten der Philippinen leben viele Kegelschnecken. Schon als Kind hatte er am Strand ihre leeren Gehäuse gesammelt. Olivera glaubte, die Analyse des Schneckengiftes sei genau das Richtige für ein »kurzes, schnelles Forschungsprojekt«.

Das war der größte Irrtum seines Lebens. Statt auf einen einzelnen Wirkstoff stieß Olivera auf eine verwirrende Mixtur von unbekannten Substanzen, deren Wirkungen er zunächst nicht verstand. Viele Jahre hat der (inzwischen an die University of Utah berufene) Molekularbiologe seither damit zugebracht, das Giftreich der Mörderschnecken zu ergründen.

Seltsam verhielten sich Labormäuse, denen er die isolierten Stoffe einzeln ins Hirn injizierte. Während die eine Substanz bei den Nagern heftige Zuckungen auslöste, ließ eine andere die Tiere einschlafen. Mal rannten die Mäuse im Kreis herum, dann wieder begannen sie, sich heftig zu kratzen.

Besonders bizarre Reaktionen löste ein später »King-Kong-Molekül« getauftes Toxin aus: Die damit vergifteten Versuchstiere fühlten sich plötzlich so stark und mächtig, daß sie glaubten, es mit jedem Gegner aufnehmen zu können. Wie Olivera bei seinen Experimenten erkannte, erfüllt der biochemisch erzwungene Größenwahn einen wichtigen Zweck. Wenn eine Kegelschnecke eine andere Schnecke harpuniert, vermitteln die dabei eingespritzten King-Kong-Moleküle dem getroffenen Beutetier soviel Heldenmut, daß es sich nicht in seine Kalkschale zurückzieht.

Forscher vom Göttinger Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin halfen Olivera jetzt dabei, auch das größte Rätsel der Giftschnecken zu lösen. »Wir haben herausgefunden, weshalb es überhaupt einer langsamen Schnecke gelingt, einen schnellen Fisch zu erbeuten«, berichtet der Göttinger Neurophysiologe Heinrich Terlau.

Mehrere Schneckentoxine sorgen dafür, daß Nervenimpulse, ähnlich wie bei Schlangengiften, nicht mehr zu den Muskelzellen weitergeleitet werden - mit der Folge, daß die Muskeln versagen und die Atmung aussetzt. Doch bis zum Beginn der tödlichen Muskellähmung vergehen Minuten - bis dahin könnte sich ein vergifteter Fisch leicht losreißen und davonschwimmen. Terlau: »Müßte die Schnecke hinterherkriechen, hätte sie naturgemäß große Probleme, ihre Beute wieder einzufangen.«

Die Schnecke behilft sich, wie die Forscher entdeckten, mit einem Betäubungstrick. Schnell wirksame Toxine versetzen die Nervenzellen ihres Opfers in totale Erregung. »Das ist so, als ob man mit einem Finger in die Steckdose faßt«, erläutert Terlau. Binnen einer Sekunde wird der Fischkörper von Krämpfen geschüttelt, dann verfällt er in eine totale Starre. Diese Paralyse hält so lange an, bis die übrigen Gifte ihre tödliche Wirkung entfachen.

Auch für den biochemisch erzeugten Elektroschock interessieren sich nun die Pharmakologen. Die Säfte aus den Schnecken, so spekulieren sie, könnten vielleicht helfen, die lahmen Hirnzellen von Alzheimer-Kranken wieder in Schwung zu bringen.

Zur Ausgabe
Artikel 87 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.