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Automobile Feine Manieren

Die Autoindustrie setzt trotz Warnungen von Ökologen auf den High-Tech-Diesel: den Direkteinspritzer.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Komfortabel und uneingeschränkt alltagstauglich soll das Auto sein. Aber mehr als drei Liter Kraftstoff je 100 Kilometer darf es nicht konsumieren. So stellen sich Politiker und Umweltexperten eine Art Standard-Automobil vor, das sie bis zur Jahrtausendwende verlangen.

Dieses Öko-Vehikel für hohe Ansprüche, darin sind sich Ingenieure aller Autofirmen einig, läßt sich aus heutiger Sicht nur mit einem raffiniert auf High-Tech getrimmten Dieselmotor verwirklichen - dem sparsamen, gleichwohl kraftstrotzenden Direkteinspritzer.

Gegenüber den bisher üblichen Kammermotoren (siehe Grafik Seite 226) zeichnen sich diese Triebwerke durch optimale Ausnutzung des Kraftstoffs bei geringstem Verbrauch aus. Für ihre Entwicklung läßt die Autoindustrie Milliardenbeträge fließen.

Letzte Woche präsentierte VW-Tochter Audi die neuesten Aggregate dieser Bauart, »deren Zukunft erst richtig beginnt« (so Richard Bauder, Leiter der Dieselmotoren-Entwicklung bei Audi). 102 Jahre nach der Anmeldung des Dieselpatents durch den Erfinder Rudolf Diesel stoßen nun Dieselpersonenwagen mit Miniverbräuchen in Geschwindigkeitsbereiche vor, die vor drei Jahrzehnten fast nur Sportwagen wie dem Porsche 911 vorbehalten waren.

Zu Preisen von 48 400 bis 54 900 Mark offeriert Audi im Kleid des A6 genannten früheren Audi 100 drei Triebwerke nach dem TDI-Prinzip (Turbodiesel-Direkteinspritzung) mit den einstweilen letzten technischen Errungenschaften der Motorenbauer. Der geringe Spritbedarf der Aggregate (1,9 Liter-Vierzylinder/90 PS, 2,5 Liter-Fünfzylinder mit 115 und 140 PS) erlaubt laut Audi sogar, mit nur einer Tankfüllung (80 Liter) die 1350 Kilometer von Frankfurt/Main nach Rom im zügigen 120-Kilometer-Tempo zurückzulegen.

Wer vom Auto Temperament verlangt, liegt bei der TDI-Rezeptur ebenfalls richtig: In 13,9 Sekunden sprintet der 1,9-Liter-Typ von null auf 100 km/h (Spitze: 177 km/h), das 2,5-Liter-Modell mit 140 PS schafft den Sprint gar in 9,9 Sekunden (Spitze: 208 km/h).

Audis TDI-Motoren, von denen seit ihrem Erscheinen im Jahre 1989 weit über 100 000 Stück gebaut wurden, treten zudem mit »feineren Manieren« (so Audi) auf, als sie dem Direkteinspritzer von Haus aus eigen sind. Die harte und daher geräuschvolle Verbrennung war von jeher sein Handikap.

Mit dem Ziel, eine weichere und damit leisere Verbrennung zu bewirken, entwickelten die Audi-Ingenieure ein System der »Voreinspritzung«. Dabei erhält jeder Zylinder sein Futter in zwei Portionen, gleichsam eine Vorspeise (für den »Vorhub") und einen Hauptgang (für den »Gesamthub"). Der gewünschte Effekt tritt ein durch sanfteren Druckanstieg im Zylinder.

Als nächste Schritte der Weiterentwicklung sind bei allen Herstellern der Übergang zur Mehrventiltechnik und zu Einspritzsystemen mit extrem hohem Druck zu erwarten, um Verbrauch und Schadstoffe weiter zu mindern.

Manager und Techniker fühlen sich durch die wachsende Beliebtheit des Diesels angespornt: Im Jahre 2000, so die Prognosen, sollen 25 bis 30 Prozent aller Pkw-Neuzulassungen Westeuropas Diesel sein, mehr als die Hälfte davon High-Tech-Triebwerke.

Wie ein Kaltwasserguß traf allerdings die Dieseloptimisten letzten Monat ein Verdikt des von der Bundesregierung eingesetzten Sachverständigenrats für Umweltfragen. Wegen seiner Rußpartikel im Abgas, so die Experten, liege »das Schadstoffpotential eines Dieselmotors um das Fünf- bis Zehnfache über dem eines Ottomotors«.

Audi-Entwickler Bauder: »Unqualifizierte Äußerungen.« Die Ingenieure suchen den vertrackten, womöglich krebserzeugenden Rußteilchen nun mit aufwendigen motorinternen Maßnahmen beizukommen - nachdem ein brauchbarer Ruß-Abbrennfilter nicht gefunden werden konnte.

Mercedes-Benz hatte einen solchen, nach dem Abbrennverfahren arbeitenden Partikelfilter in einem Feldversuch in Kalifornien getestet. Das Experiment scheiterte an den unterschiedlichen Fahrzuständen im Verkehrsalltag: Nach einer Reihe von Kurzstreckenfahrten geriet manches Fahrzeug wegen verstopfter Filter in jenen Zustand, den die Dieselfeinde unter den Ökologen gern bei allen Dieselautos sähen - es blieb einfach stehen. Y

[Grafiktext]

_226_ Kraftstoffeinspritzung beim Dieselmotor, verschiedene Methoden

[GrafiktextEnde]

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